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Das "Great Game" und die Chimäre der deutsch-russischen Verbindung

© Holger Bergmann 2015 - 2018

Die Weltkriege wurden auf den Weg gebracht und veranstaltet, um die Großmacht

Deutschland vom machtpolitisch-militärischen Tablett zu fegen. Soviel Vorgriff sei gestattet. Die Handlungen der Feinde Deutschlands moralisch zu verurteilen ist nicht mein Interesse. Aber ein einiges, militärisch starkes Deutschland scheint zu stören, noch mehr, sollte es eine Flotte bauen. Nur, wobei eigentlich?

 

Anscheinend muss dieses Deutschland irgend jemanden bedrohen. Es lassen sich nur kaum Beispiele des imperialen Ausgreifen Deutschlands über seine Grenzen hinaus vor 1870 finden, will man nicht die diversen Versuche, "Reichs-italien" zu halten, oder auch die deutsche Beteiligung an den Kreuzzügen, hier anführen. Sehr lange her ist Ottos II. Zug gegen Paris. Der kaiserliche Feldzug gegen Frankreich 1636 blieb eine einmalige Episode. England konnte als Inselstaat von der Nicht-Seemacht Deutschland nicht bedroht werden. Bis zum Siebenjährigen Krieg, den man nun wirklich nicht als deutsche Aggression gegen Russland ansehen kann, kam es aufgrund der großen räumlichen Entfernung nie zu Konflikten mit der östlichen Macht, und die Beteiligung deutscher Soldaten an Napoleons Russlandfeldzug erfolgte eher unfreiwillig. Die Habsburger Balkan-Reconquista richtete sich gegen einen Staat (das Osmanische Reich), der nicht weniger imperialistisch aggressiv aufgetreten und kurz zuvor erst vor Wien gestanden war. Die mittelalterliche Integration der Tschechen in das Heilige Römische Reich erfolgte mehr durch Kooperation als durch militärische Unterwerfung. Bleibt die Beteiligung Preußens und Österreichs an den Polnischen Teilungen 1772 - 1795. Die zahllosen Aggressionskriege anderer Staaten, ins- besondere Frankreichs gegen Deutschland, darf man gern dagegen aufrechnen.

 

1815, nach dem Ende der Napoleonischen Kriege, ist Deutschland zersplittert wie nie. Forderungen nach Einigung, als erstes Anzeichen eines deutschen National- gefühls nicht vor der Auflösung des alten Reichs 1806 zu erkennen, werden nicht nur von den eigenen Fürsten, sondern zum Teil auch vom Ausland erbittert be- kämpft. Treffend wie kein zweiter drückt es der französische Außenminister Talley- rand aus (gemünzt auf "die Jugend" und "die Professoren"): "Die Einheit des deutschen Vaterlandes ist ihr Geschrei, ihr Glaube, ihre bis zum Fanatismus erhitzte Religion, und dieser Fanatismus hat selbst einige der regierenden Fürsten ergriffen. [...] Wer kann die Folgen berechnen, wenn einstmals eine Masse wie die deutsche, zu einem einzigen Ganzen gemischt, aggressiv würde? Wer kann sagen, wo eine solche Bewegung haltmachen würde?"

 

Watson, s. Zitat rechts, fährt zur Begründung fort: "Niemand wollte eine Anballung von Macht in der Mitte Europas, den wer immer die Kontrolle über dieses Gebiet haben würde, konnte zur "Herrin Europas" werden." Dabei hatte die Geschichte Deutschlands bisher klar das Gegenteil bewiesen, und daran sollte auch die fernere nichts ändern. Die Mittellage Deutschlands ist nicht aussichtsreich, son- dern prekär, und daran würde kein deutscher Machthaber und keine noch so fanatische deutsche Bewegung, Hitler und das Nazitum eingeschlossen, irgend etwas ändern können. Um zu dieser Erkenntnis zu kommen, muss man entweder beruflich als Angehöriger hoher Militärränge damit im betrachteten Zeitraum befasst gewesen sein. Oder man muss als Historiker bei seinen Überlegungen Gerechtigkeit walten lassen.

 

Die Vorstellung, ein einiges und mächtiges Deutschland störe das europäische Gleichgewicht ist also so absurd wie virulent. Nur genügen solche Vorstellungen von Bedrohung, um eine Politik zu erzeugen, die die Bedrohung beseitigen soll, und sei es um den Preis eines allgemeinen Krieges. Die sich über die Jahrhun- derte bis zur "Erbfeindschaft" gesteigerte französische Aggression gegen Deutschland sollte aber bis zum Ersten Weltkrieg nur als Brandbeschleuniger die- nen, um Jahre danach wie ein aufgeblähter Kuchen in sich zusammenzufallen. Das zum Brand führende Arrangement kam aus einer ganz anderen Ecke.

 

Großbritannien war durch die Niederlage Napoleons zur unangefochten führe- nden Macht in Europa aufgestiegen. Nachdem die südamerikanischen Staaten ihre Unabhängigkeit erkämpfen konnten, wurde Großbritannien mit dem Besitz des "Kronjuwels" Indien auch die erstrangige Kolonialmacht. Aber auch Russ- lands Ausdehnungsabsichten wurden unübersehbar. Der Geschichtsverein Kön- gen formuliert hierzu:

"Als in den Jahren um 1820 die Interessen Russlands an Asien sichtbar wurden, bekam das Problem der Sicherheit Indiens und damit einer wesentlichen Quelle des britischen Reichtums neue Bedeutung. Die politische Publizistik forderte die Errichtung einer britischen Sicherheitszone vor Indien."

 

Diese Sicherheitszone sollte geschaffen werden. Auch wenn die Aktionen zu ihrer Errichtung sich im fernen Asien abspielen und mit Deutschland nichts zu tun haben, verorte ich doch auf sie den Beginn der in den Ersten Weltkrieg führenden Handlungen. Denn Großbritannien würde sich ab dieser Zeit nicht mehr auf Über- legungen beschränken, sondern handeln, und diese Linie bis zum Ende des Zwei- ten Weltkriegs nicht mehr verlassen.

 

Im Jahre 1839, gut ein Jahrhundert vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, dringen die Briten im Vorfeld Indiens vor: sie besetzen Aden, beginnen den ersten Afghanistankrieg und den ersten Opiumkrieg mit der Besetzung Honkongs. Das "Great Game", die große Auseinandersetzung um die Vorherrschaft in Asien zwi- schen Russland und Großbritannien, hatte begonnen. Desweiteren findet gleichzeitig, passenderweise in London, eine Konferenz ihren Abschluss, auf der die Großmächte die Neutralität Belgiens garantieren. Diese Garantie sollte zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs noch eine besondere Rolle spielen.

 

Wie gesagt befand sich Deutschland im Jahre 1839 noch nicht im britischen Fokus. Etwa eine Dekade später sollte sich das bereits ändern. Das Paulskirchen- parlament hatte den Aufbau einer kleinen "Reichsflotte" beschlossen. Großbritan- nien intervenierte sofort und heftig. Hierzu schrieb der SPIEGEL: "Der britische Außenminister Palmerston stellte sich gegen die Einigungsbewegung, denn sie traf britische Interessen an einem empfindlichen Punkt: Die Paulskirchen-Regierung schuf eine erste deutsche Flotte (Palmerston: "Die Deutschen mögen in den Wolken segeln, sie mögen Luftschlösser errichten, aber sie sollen keine Schiffe bauen") und ließ Truppen in das von Kopenhagen reglementierte Schleswig-Holstein einrücken. Palmerston befürchtete, eine deutsche Macht an der Nordsee könne eines Tages mit einer starken Flotte England bedrohen. Er verweigerte der Paulskirche jegliche Anerkennung, erklärte die schwarzrotgoldene Fahne zur Piratenflagge und ergriff die Partei Dänemarks. Als Bismarck anderthalb Jahrzehnte später mit einem Krieg gegen Dänemark seine Eini- gungspolitik eröffnete, war Palmerston sogar entschlossen, gegen Preußen loszuschlagen - die Mehrheit des Kabinetts stimmte jedoch gegen den Kriegsplan. Der neue Premier Disraeli machte ab 1874 Frieden mit dem Bismarck-Reich. Er nutzte die guten Beziehungen des britischen Königshauses zu den Hohenzollern und erwog 1878 wohlwollend die Offerte Bismarcks, ein deutsch-britisches Bündnis gegen Rußland abzuschließen. Aber die Bündnisverhandlungen schei-terten; Disraeli stürzte, noch ehe er Bismarck sein Ja-Wort gegeben hatte. Seine Nachfolger aber waren an Europa desinteressiert. Bismarck: "Ich habe in meinem Leben nur für England und seine Bewohner Sympathie gehabt, aber die Leute wollen sich ja von uns nicht lieben lassen.""

Ebenso mischte sich Russland in Gestalt seines Gesandten Fürst Gortschakow ein, der in Frankfurt auftauchte und forderte, die Flotte müsse "spurlos verschwin- den".

 

Palmerston kannte wohl Heine: "Franzosen und Russen gehört das Land / Die See gehört den Briten / Uns aber gehört im Luftreich des Traums / Die Herrschaft unbestritten." Ins Luftreich der Gedanken hätte sich nach Talleyrand wohl auch die deutsche geistige Elite verabschieden sollen (immehin gab es damals, von gelegentlichen Ballonaktionen abgesehen, noch keine "Luftwaffen"!). Man sieht, dass schon der geringste Anschein einer deutschen imperialen Machtentfaltung die europäischen Flügelmächte auf den Plan ruft. Noch hatten die Mächte aber mehr miteinander zu tun als mit Deutschland.

 

"Naval scare", die Hysterie zur See, hatte die Briten immer wieder geschüttelt, sie zur zweimaligen blutigen Brandschatzung Kopenhagens (1801/1807) geführt und würde sich weiterhin bei Gelegenheit unangenehm bemerkbar machen. Doch ist dergestalt Alarmismus noch kein Krieg. Selbst Meister der Koalitionskriegführung, hatte ihre letzte krachende Niederlage, im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, die Briten im Gegensatz dazu gelehrt, was Isolation bedeutet. Die Russen suchten einen Warmwasserhafen südlich ihres Staatsgebiets, die Briten suchten, ihnen den Weg dazu zu verlegen. Im Fall einer Auseinandersetzung auf dem asiatischen Kontinent wäre die Seemacht Großbritannien der Landmacht Russ- land hoffnungslos unterlegen gewesen. Großbritannien musste also andere vor- schicken, um Russland Einhalt zu gebieten. Koalitionskriegführung gegen Russ- land, mit britischer Beteiligung, war die erste Option.

 

Mit dem Krimkrieg sollten die Briten diese Option erfolgreich nutzen. Aber wo hatte sich Mitteleuropa im Krimkrieg positioniert? Österreich hatte sich sehr ge- schickt rausgehalten, mit seiner den Alliierten gegenüber "wohlwollenden Neu- tralität" russische Kräfte gebunden und mit einer Drohgeste am Ende den Frieden erzwungen. Vordergründig hatte Österreich seine Ziele erreicht. Wie Großbritan- nien in Asien, fürchtete Österreich das russische Übergewicht auf dem Balkan und sollte kontinuierlich seine Politik danach ausrichten, das russische Vordrin- gen dort zu be- oder zu verhindern. Damit schädigte man allerdings die Macht, die mit dem Einsatz ihrer Truppen gegen die aufständischen Ungarn 1849 erst kurz zuvor das Überleben des österreichischen Staates gesichert hatte. Das russisch- österreichische Verhältnis blieb aufgrund dieses Undanks seither zerrüttet.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Preußen, das das Auftauchen alliierter Kriegsschiffe in der Ostsee sicher nicht gern sah, hatte sich zwischenzeitlich mit Österreich zur Neutralität verbündet. Es wurde sogar die Vorstellung eines mitteleuropäischen Blocks gegen beide Seiten entwickelt, ohne zu ahnen, damit die Frontstellung des Ersten Weltkriegs vorweg- zunehmen. Der preußische Delegierte Otto von Bismarck führte sogar die Mobili- sierungsabsicht des Deutschen Bundes gegen beide Seiten herbei!

 

 

 

 

 

 

 

 

An der "orientalischen Frage" hatte Preußen höchstens ein indirektes Interesse.

Friedrich Wilhelm IV. sah klar, dass bei einem Kriegseintritt Preußens auf Seiten der Alliierten Preußen die Hauptlast tragen, jene aber die hauptsächliche Ernte einfahren würden, inklusive der dann wieder an Frankreich fallenden preußischen Rheinprovinzen.

 

 

 

 

 

 

Insgesamt hatte sich Preußen eher Russland angenähert, konkret Waffen- und Munitionslieferungen an Russland begünstigt. Zwischen Preußen und Großbritan- nien wäre es fast noch zum Krieg gekommen, wäre nicht der von Österreich er- zwungene Friedensschluss der britischen Kriegserklärung zuvorgekommen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nun, Russland hatte man erst einmal zum Rückzug gezwungen. Aber man muss sich doch in Großbritannien gefragt haben, wäre ein Krieg gegen Russland noch

gewinnbar gewesen, hätte Preußen an Russlands Seite gekämpft? Hätte Öster- reich dann noch mit Eingreifen gedroht? Oder hätte es gar die Seite gewechselt? Etwa ab diesem Zeitpunkt muss in Großbritannien die Zwangsvorstellung aufge- kommen sein, ein "deutsch-russischer Block" würde sich, erst einmal gebildet, als unbesiegbar erweisen.

 

Dass dieser Vorstellung jede reale Grundlage fehlte, brauchte nicht zu stören. Die "befürchtete" deutsch-russische Verbindung würde immer eine Chimäre bleiben. Nicht nur stand ein offensives deutsch-russisches Bündnis niemals wirklich zur Debatte, selbst der Hitler-Stalin-Pakt war kein solches. Die Briten fürchteten es auch nicht wirklich, wie die 1856 unmittelbar bevorstehende britische Kriegserklä- rung an Preußen zeigt. Die mögliche Lösung des Scheinproblems würde aber die britische Position noch über die Sicherung Indiens hinaus verbessern: indem man die beiden "Scheinverbündeten" gegeneinander trieb und sich im Krieg gegensei- tig aufreiben ließ, konnte man zwei lästige Rivalen um den Weltmachtanspruch gleichzeitig loswerden. Um dieses zu erreichen, musste Großbritannien eine zwei- te Option wählen: über ein wegen der Frontstellung in Asien eigentlich unmögli- ches Bündnis mit Russland in Europa ein gefährliches Machtgefälle erzeugen und abwarten, bis jemand dieses Pulverfass zündete.

 

Das Ende des Krimkriegs konnte Großbritannien dazu nutzen, mit dem Zweiten Opiumkrieg gleich die nächste Aktion im Vorfeld Indiens durchzuführen. Und es sollte eine Figur auf der politischen Bühne auftreten, die für die weiteren Ereignis-

se eine Schlüsselposition einnimmt, sodass wir uns hier mit ihr noch eingehend beschäftigen werden: Robert Gascoyne-Cecil, 3. Marquess of Salisbury (i. F. "Salisbury" tituliert, auch wenn er in der Frühzeit seines Wirkens diesen Titel noch gar nicht innehat). Seit 1853 Mitglied des Parlaments, startet er 1856 seine journalistische Karriere. Er sollte in hohe und höchste politische Positionen auf- steigen und die im Abschnitt zuvor formulierte Strategie entscheidend prägen. Seine Nachfolger würden sie nahtlos fortsetzen.

 

 

 

Um nicht überflüssigerweise in Widersprüche zu geraten: Natürlich ist der Begriff "Feind" mo- ralisch wertend. Was ich aber zeigen will, ist folgendes: Abgesehen von emotionell aufgela- denen Verlautbarungen war die zur machtpoli- Herabstufung Deutschlands führende "Feind-schaft" nicht Ursache, sondern Folge einer be- stimmten politischen Strategie.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Talleyrand-Zitat in Peter Watson, Ideen, Eine Kulturgeschichte von der Entdeckung des Feu- ers bis zur Moderne, Goldmann e-book ohne Seitenzahl, 2013

 

 

Zar Alexander I. hatte auf dem Wiener Kongress

ganz Polen für Russland gefordert. Die anderen Mächte ware not amused holten das geschlage-

ne Frankreich wieder ins Boot. Im Verein mit ihm

konnten sie den Anspruch des Zaren zurückwei-

sen. Der Zar, der eigentliche Befreier von der na-

poleonischen Fremdherrschaft, war entspre- chend wütend. Ob diese Zurückweisung bereits

damals in Russland als grober Undank seitens

"des Westens" empfunden wurde, kann ich nicht nachweisen. Es würde aber sehr gut zu den später verbreiteten Ressentiments passen.

 

Im Gegensatz zu Talleyrand hatte der britische Außenminister Castlereagh ein starkes Mittel- europa bevorzugt - damit dieses Russland und Frankreich entgegentreten konnte.

Zu Castlereagh siehe Hermann Oncken, Das Deutsche Reich und die Vorgeschichte des

Weltkriegs, zwei Bände, Verlag Johann Ambro- sius Barth u.a., Leipzig 1933, Bd. 1 S. 349. Damals verfocht Großbritannien noch eine Poli- tik des Gleichgewichts - die es in den folgenden Jahrzehnten nach und nach verlassen sollte.

Wie es beim Wiener Kongress genau war, lesen

Sie beispielsweise in David King, Wien 1814, deutsche Ausgabe Piper Verlag GmbH, Mün- chen 2014.

 

 

 

 

 

 

 

 

http://geschichtsverein-koengen.de/Kolonialismus.htm

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zur Reichsflotte von 1848 Michael Salewski, Die Deutschen und die See, Aufsatzsammlung in zwei Bänden, Franz Steiner Verlag, Stuttgart 1998. Band 1 S. 25ff: Die "Reichsflotte" von 1848, ihr Ort in der Geschichte. "Affront Palmer- stons" S. 26.

 

SPIEGEL Nr. 21/1965, S. 104.

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46272699.html

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das "Desinteresse an Europa" von "Disraelis Nachfolgern", bzw. einem davon im Speziellen, wird noch beleuchtet. Bismarcks Seufzer wird sich als mehr als begründet erweisen.

 

Salewski, S. 36.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bis 1914 sollten die Briten immer wieder fest- stellen, dass die Möglichkeit eines militärischen Vorgehens gegen Deutschland für sie nicht gegeben war. Aber eben nur bis 1914.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zur Betroffenheit Mitteleuropas vom Krimkrieg

zwei Aufsätze von Winfried Baumgart:

[1]: Österreich und Preußen im Krimkrieg 1853 - 1856, http://ubm.opus.hbz-nrw.de/volltexte/2010/2374/pdf/doc.pdf

[2]: Zur Außenpolitik Friedrich Wilhelms IV. 1840 - 1858, http://ubm.opus.hbz-nrw.de/volltexte/2011/2642/pdf/doc.pdf (leider fehlen Seiten im Scan)

Eine frühe Dummheitsphase der deutschen Po-

litik bestand im völlig überflüssigen Ansinnen Friedrich Wilhelms IV., in Jerusalem ein protes- tantisches Bistum zu gründen. Das löste, mit britischer Unterstützung natürlich, den Krim- krieg mittelbar erst aus: [2], erster Teil, Folge- rung S. 8, gedruckte Seitenzahl 138.

Ultimatum Österreichs an Russland vom 16.12.

1855: [1], Seite 4, gedruckte Seitenzahl 48.

Österreichische Friedensbemühungen waren zuvor auf den entschiedenen Widerstand Groß- britanniens gestoßen: [1], Seite 19, gedruckte Seitenzahl 63.

Hinter der österreichischen Politik steckte das Ziel, der Vormundschaft Russland zu entkom- men: [1], Seite 20, gedruckte Seitenzahl 64.

 

 

 

 

Zum Charakter des "Aprilbündnisses": [1], Seite 10, gedruckte Seitenzahl 54. Zuvor bereits

"Block": [1], Seite 8, gedruckte Seitenzahl 52.

Bismarcks Aktion vom 08.02.1855: [1], Seite 24, gedruckte Seitenzahl 68.

Baumgart meint, Österreich hätte einen offen- sichtlich damals schon möglichen "Weltkrieg"

"verhütet", [1], Seite 4, gedruckte Seitenzahl 48.

Mitteleuropäische Politiker ahnten die Bedrohung

der Existenz ihrer Staaten durch eine nicht aus- zuschließende Einigung zwischen den Kriegs- parteien auf ihre Kosten: [1], Seite 12f., Anm. 36, gedruckte Seitenzahlen 52/53. Genau das, so argumentiere ich, wurde ja, wenn auch innerhalb von Jahrzehnten, umgesetzt!

 

[2], Seite 11, gedruckte Seitenzahl 141. Daran sollte sich auch bis zum Ende des von uns betrachteten Zeitraums (1945) grundsätzlich nichts ändern, auch nicht durch die deutsche Bündnispolitik in den Weltkriegen. Überlegung- en eines möglichen, auch der eigenen Existenz-

sicherung dienlichen imperialen Ausgreifens

Deutschlands blieben stets Stückwerk, wie zu zeigen sein wird.

Zu den in Preußen antizipierten Kriegsfolgen: [2], Seite 12f., gedruckte Seitenzahlen 142/143.

 

 

Zur Kriegsspannung zwischen Großbritannien und Preußen Anfang 1856: [2], Seite 14, ge- druckte Seitenzahl 144. Auch Frankreich hätte sich gewiss beteiligt, siehe dort im Folgenden.

 

Zur Krimkriegszeit muss sich in Preußen, der

bis dato schwächsten der fünf Großmächte, die Vorstellung durchgesetzt haben, mit Hilfe der Kontrolle über der deutschen Klein- und Mit- telstaaten wäre es möglich, ein Übergewicht über Österreich zu erzielen: [1], Seite 9, ge- druckte Seitenzahl 53. So schwenkte Preuß- ens Zielsetzung vom Partikularismus auf die "kleindeutsche Einheit" um. Bismarck "geißelte" den "Souveränitätsschwindel" der deutschen Mittelstaaten. Die schlugen "zum guten Teil" die preußische Linie ein: [1], Seite 20f., gedruckte Seitenzahlen 64/65. Die von Talleyrand formu- lierten Vorbehalte des Auslands waren da wohl schon vergessen.

 

 

Bei diesen Ausführungen handelt es sich um meine persönlichen Schlussfolgerungen. Doku- mentierte Nachweise sind mir nicht bekannt, ihr Auffinden wäre selbstverständlich willkommen.

Ich behaupte, es liegt auf der Hand, dass briti- sche Politiker die Möglichkeit eines ungünstigen Ausgangs des Krimkrieges und die daraus zu ziehenden Konsequenzen bedacht und intern diskutiert haben, auch wenn sie dazu nichts Schriftliches hinterließen. Salisbury (s.u.) hat diese Überlegungen später nachweislich ange- stellt. Dass er damit bereits zu Zeiten des Krim- kriegs begonnen hat, ist ihm absolut zuzutrauen.

<Nachträgliche Einfügung 11.05.2016>

Die "Chimärenfurcht" ist, wenigstens für spätere

Perioden, nachweisbar. Nach einem Verweis von Neitzel, Kriegsausbruch, S. 159 Anm. 197 wurde mit der Behandlung von "Wormer", s. "Weiterführende Literatur", hierzu ein eigener Abschnitt erstellt.

 

 

 

 

 

 

Salisbury als Feind Deutschlands zu charakteri- sieren, wie es selbst britische Zeitgenossen ge- tan haben, trifft tatsächlich den Kern nicht, siehe

meine Eingangsbemerkung zum Feindschafts- begriff. Salisbury war ein skrupelloser Vertreter britischer Interessen, stets bereit, die Interessen

anderer Länder für die seines Vaterlands zu op- fern. Zu ihm sehr ausführlich Christian Hoyer, Salisbury und Deutschland, Außenpolitisches Denken und britische Deutschlandpolitik 1856 - 1880, Matthiesen Verlag, Husum 2008.

Nach Hoyers Analyse war Salisbury Gleichge- wichtspolitiker und hat phasenweise gut mit Bis-

marck zusammengearbeitet, nachdem jener ihn von seinen friedlichen Absichten überzeugt hatte. Laut Rauh, s. Einleitung, beginnen Salis- burys anderweitige Überlegungen in den 1870er Jahren, der von Hoyer betrachtete Zeitraum geht

da zu Ende. Ich meine, dass Salisburys Karrie-rebeginn mit dem Krimkrieg zu eng zeitlich kor- relliert, als dass sich die daraus ergebenden glo-

balstrategischen Folgerungen ihm nicht gerade schon da aufgefallen wären.