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© Holger Bergmann 2015 - 2018

Russlands Expansivität und Bismarcks schwere Fehler

Der Krimkrieg sollte Russland nicht lange hindern, wieder expansiv zu werden. Kam man gegen die Türkei nicht voran, traf es eben andere. In den späten 1850er bis Mitte der 1870er Jahre erzielte Russland Gebietsgewinne gegenüber China, im Kaukasusvorland und in Zentralasien. Würde das Riesenreich jemals genug haben? Die Türkei sollte jedenfalls zum gegebenen Zeitpunkt wieder an die Reihe kommen.

 

Während die deutschen Einigungskriege dem historisch durchschnittlich Interes- sierten gut bekannt sind, bleiben die Positionen der europäischen Flügelmächte dazu normalerweise weitgehend im Dunkeln. 1863/64 sah Großbritannien offen- sichtlich seinen Ostseehandel in Gefahr und seine Gegenküste in die Hände ei- ner neuen Großmacht geraten. Obwohl es gegen Österreich und Preußen nicht die geringste Möglichkeit des Eingreifens hatte, suggerierte London Dänemark das Gegenteil und stachelte es so erst zum Krieg an. Palmerston gab "schnöde Ausfälle" gegen die österreichische Flotte von sich (erneutes naval scare), und sein Land verletzte seine Neutralität, indem es die telegraphische Führung der dänischen Flotte ermöglichte. Dänemark unterlag dennoch und muss so als frühes Opfer der britischen Strategie angesehen werden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Salisbury wiederum, der zuvor die deutschen Einigungsbestrebungen unter preu- ßischer Führung begrüßt hatte (wohl, weil ihm wie zuvor Castlereagh an einem starken Deutschland als Gegengewicht gegen Frankreich gelegen war), lieferte nun ein frappierendes Beispiel seiner politischen "Flexibiliät" ab. In einem Prsseartikel vom Januar 1864 forderte er vehement den Kriegseintritt Großbritan- niens an der Seite Dänemarks (vordergründig um der Ehre und Glaubwürdigkeit seines Landes willen). Dabei sah er nicht nur die see- und handelsstrategischen Interessen Großbritanniens durch die werdende deutsche Großmacht bedroht, zu-

sätzlich meinte er (militärisch fragwürdig), mit Hilfe britischer Truppen im Norden die Deutschen in Richtung Frankreich ablenken zu können, dessen Vordringen in Richtung Rhein er befürchtete. Nach seiner Prognose würde Deutschland entwe- der ein mächtiger Staat, werden, oder aber in Abhängigkeit von Russland geraten.

Wir sehen bereits zu diesem Zeitpunkt, wie sich Salisburys Vorstellung von der deutsch-russischen Verbindung, wenn auch noch in sehr unvollkommener Form, entwickelt. Ein mächtiges Deutschland könnte Einfluss auf Russland ausüben, ein ohnmächtiges von Russland benutzt werden. Beides potenziell nicht im britischen Sinn. Ebenso taucht das Motiv des "Ablenkens einer Macht" auf, das für die fol- gende Entwicklung noch eine zentrale Rolle spielen sollte. Dass ein mächtiges, unabhängiges Deutschland Friedenspolitik betreiben würde, mochte sich Salis- bury zu diesem Zeitpunkt nicht vorstellen. Als diese Entwicklung später eintrat, würde Salisbury sie zum unverdienten Vorteil seines Landes ausnutzen.

 

Ob man Salisbury jetzt als "Deutschenfeind" einstuft, wie Hoyer kenntnisreich wi- derlegt, oder nur seinen o.a. Artikel als "deutschfeindlich", was Hoyer wenige Sei- ten später unternimmt, spielt nur für die sachlich-historische Bewertung eine Rolle, nicht jedoch für die politische. Denn der eigentlich nur zur Eigendarstellung des jungen Abgeordneten Salisbury gedachte Artikel markiert Beginn und Rich- tung seiner Strategie, die für die spätere Entwicklung ausschlaggebend sein sollte. Insofern ist die Linie, die Hoyer von Salisbury zu den bekennenden Deutschenfeinden im britischen Außenministerium in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zieht, absolut gerechtfertigt (einige der älteren dürften bei Salisbury "in die Lehre" gegangen sein.)

 

 

 

 

 

 

 

Zwei Damen hatte sich "Bismarcks Deutschland" durch seinen ersten militäri- schen Sieg überdies zu Feindinnen gemacht: die Prinzessinnen Alexandra und Dagmar von Dänemark, die die Schmach ihres Landes nie verwinden konnten. Monarchenmütter sollten beide werden, die eine Georgs V., die andere Nikolaus´ II., die sich fast wie ein Ei dem anderen glichen. Spätestens im Ersten Weltkrieg sollten die Schwestern Gelegenheit bekommen, ihre Abneigung auszudrücken.

 

 

Der Deutsche Krieg von 1866 wurde in Großbritannien eher als Bürgerkrieg wahr- genommen. Die Liquidierung des Königreichs Hannover durch Preußen galt nur als dynastisches Problem infolge der verwandtschaftlichen Verbindungen der Herrscherhäuser, die politischen Folgen hielten sich in Grenzen. Von Salisbury sind jedenfalls keine einschlägigen Äußerungen überliefert.

Napoleon III. hätte jedenfalls zu gerne die britischen Befürchtungen eines Vordrin- gens in Richtung Rhein wahr gemacht und bekam von Bismarck tatsächlich entsprechende Zusagen. Ob der schnelle Friedensschluss auch auf Druck seitens des Zaren Alexanders II. zustande kam, lässt sich nicht sicher feststellen. Als aber Napoleon den Frieden vermittelt hatte, wollte Bismarck von seinen Zusagen nichts mehr wissen. Für ein militärisches Eingreifen Frankreichs war es zu spät. Bismarck hatte Napoleon ausgetrickst. Der französischen Niederlage im folgen- den Krieg bedurfte es nicht, um Revanchegelüste auszulösen. "Rache für Sadova", war die Devise, obwohl die Franzosen dort buchstäblich nichts verloren hatten. Außer vielleicht haltlosen Ansprüchen.

 

Lassen wir anstelle Salisburys dieses Mal einen anderen Zeugen zu Wort kom- men: den britischen Gesandten in Bayern, Sir Henry Francis Howard. In einem Brief an den britischen Außenminister Lord Stanley beschreibt er die Stimmung in Deutschland nach dem preußischen Sieg. Der springende Punkt in seinem Bericht findet sich auf Seite 4 unten in dem Satz: "Seine [Preußens] Neigungen sind russisch." Ich ziehe diese Fundstelle als Beweis dafür heran, dass die Vor- stellung einer deutsch-russischen Verbindung nicht nur in Salisburys Phantasie ihr Unwesen trieb, sondern innerhalb der außenpolitisch engagierten britischen Elite zirkuliert haben muss, weiter auf Seite 5 mit der Konsequenz der britische Interes- sen tangierenden, Deutschland aber völlig fremden Orientfrage.

 

 

Entgegen verbreiteten anderslautenden Annahmen brachte der Sieg im Deutsch- Französischen Krieg 1870/71 dem neu gegründeten Deutschen Reich wohl einen Macht-, nicht jedoch einen Sicherheitsgewinn. Von Anfang an, erste Befürchtung- en seitens Preußens waren schon zum polnischen Aufstand 1830 aufgekommen, konstatierte der deutsche Generalstab die Situation des kommenden Zweifron- tenkriegs. Die süddeutschen Staaten hatte man als Pufferstaaten ansehen kön- nen, die mit der Einheit als solche wegfielen. Deutschland war fortan zwischen dem französischen Hammer und dem russischen Amboss eingeklemmt.

 

Großbritannien hatte in diesem Krieg nicht nur keine Möglichkeit, sondern auch kein Motiv des Eingreifens, da nicht klar war, welcher Ausgang der vorteilhaftere für Großbritannien sein würde. Anfängliche Antipathien gegen Frankreich schlu- gen nach den deutschen Siegen auf dem Schlachtfeld schnell ins Gegenteil um.

Salisbury hatte zunächst vor Napoleons Expansionsgelüsten gewarnt und sah dessen Politik als Ursache für das Ende der friedlichen Phase in Europa seit 1815 an. Der mögliche französische Vormarsch an die Schelde war Gegenstand eines intensiven britischen "scares". Doch nach den militärischen Entwicklungen des Krieges meinte Salisbury, eines Tages würde Deutschland den Weg einer anderen Großmacht kreuzen, dann wäre für Frankreich der Tag der Rache gekommen. Chimären einer deutschen Besetzung der Niederlande und Dänemarks "mit all seinen maritimen Vorteilen" malte er an die Wand. Die Abtretung Elsass-Lothringens sah er ähnlich kritisch wie ein Franzose.

 

 

 

Zu Bismarcks Fehlern werde ich noch kommen, "Elsass-Lothringen" unter diesel- ben einzuordnen sehe ich aber nicht ein. Zur Position Frankreichs werde ich im Kapitel "Hätte Deutschland eine Alternative gehabt?" noch extra Stellung nehmen. Zwischen diesem Krieg des dritten Napoleon und denen des ersten kann man durchaus eine Parallele ziehen, auch dergestalt, dass sich die konziliante Haltung von 1815 Frankreich gegenüber nicht ausgezahlt hatte. Sei der Frieden so hart wie er mag, kein Verlierer kann daraus ein Recht auf Revanche ableiten. Wer es dennoch tut, zieht Kriegsschuld auf sich. Die französisch gesonnenen Bewohner Elsass-Lothringens hatten sich nach etwa 20 Jahren mit der neuen Einsortierung abgefunden. Und der französische Revanchebedarf war, wie oben dargestellt, bereits vor dem Krieg vorhanden. Von moralischen Fragen hat sich aber kein Aggressor jemals aufhalten lassen. Dass der französische Revanchekrieg irgend- wann kommen würde, darüber waren sich Bismarck und Salisbury einig. Nur wür- de ihn der eine zu verhindern suchen, der andere ihn in sein Kalkül einbeziehen.

 

Das 1866 geschlagene Österreich, zwischenzeitlich nach einer Reichsreform zur K.u.K-Monarchie Österreich-Ungarn geworden, hatte mit dem Gedanken gespielt,

zugunsten Frankreichs in den Krieg einzugreifen. Da war Russland vor, es hielt die Donaumonarchie in Schach und konnte die Situation ausnutzen, die Schwarz- meerklauseln einseitig aufzuheben, die ihm als Folge des Krimkriegs verboten hatten, eine eigene Flotte im Schwarzen Meer zu unterhalten. Bismarck hatte nicht nur die deutsche Einheit erkämpft, er hatte auch noch die Krimkriegskoalition gesprengt! Großbritannien stand zunächst einmal ohne brauchbaren Partner da.

 

Salisbury sollte jedenfalls das Ende des Krieges dazu verwenden, (vermutlich erstmals öffentlich) vor einer deutsch-russischen, die britische Indienposition gefährdenden Verbindung zu warnen. Salisbury machte sich nicht klar, oder unter- schlug es bewusst, dass ein derartiger Gedanke nur einem britischen Globalpoli- tiker wie ihm einfallen konnte, nicht jedoch einem deutschen Nationalpolitiker. Wir haben hier schwarz auf weiß, dass dieses bereits Anfang der 1870er Jahre ge- schah. Chimäre oder nicht, die (Zwangs-)Vorstellung, an der Salisbury und seine Nachfolger ihre Politik ausrichten sollten, war beschworen. Die "Lösung" des Problems deutet Salisbury dann tatsächlich gegen Ende des Jahrzehnts (1877) an: Die Expansion in Asien sollte Russland nicht erlaubt sein, wohl aber die auf den Balkan! Russland von Asien auf den Balkan abzulenken war nach diesen Aussagen Salisburys das erklärte Ziel britischer Politik. Die Umsetzung sollte noch Jahrzehnte dauern. Aber die Zeit arbeitete für die Briten.

 

Tatsächlich sollte sich Großbritannien als der eigentliche Gewinner des deutsch- französischen Krieges erweisen. Frankreich war geschlagen, Deutschland einge- klemmt, Russland weiter unbefriedigt. Großbritannien hatte es statt mit zwei nun mit drei Großmächten als potenziell gefährlichen Gegnern zu tun. Dieser schein- bare Nachteil war aber in Wirklichkeit ein Vorteil: Konnten zwei Gegner sich noch ohne Mühe zu Lasten Großbritanniens verbünden, würden drei stattdessen haupt- sächlich untereinander beschäftigt sein. Eine Situation, die Großbritannien leicht ausnutzen konnte - und würde.

 

 

Bismarcks erster gravierender Fehler war die so genannte "Krieg-in-Sicht-Krise". Im Frühjahr 1875 rüstete Frankreich in einer Weise auf, dass in Deutschland ein "scare", entstand, der Geist der Revanche würde bald nicht mehr nur spuken. In einem Presseartikel, der laut Oncken nicht auf Bismarck zurückging, aber von ihm als "erzieherisch sinnvoll" gebilligt wurde, malte man komplementär zum Revanchegeist das Gespenst des Präventivkriegs an die Wand. Unvorsichtige Äußerungen des Diplomaten Radowitz und des Generalstabschefs Moltke taten ein Übriges. Der französische Außenminister Decazes nahm dies zum Anlass, in London vorstellig zu werden. Königin Victoria versandte einen Brief an den zufällig in Deutschland weilenden Zaren, damit er gegen die bevorstehende deutsche Aggression auftrete. Russland tat eigentlich nichts. Der russische Minister-präsident Gortschakow, der seinen Zaren in Berlin begleitete, stellte die Sache nach seiner Abreise wahrheitswidrig so dar, als ob erst russischer Druck die Deut- schen zum Einlenken veranlasst hätte. Bismarck war entsprechend sauer.

 

Der spätere französische Spitzenpolitiker und (und unbestrittene Deutschenfeind) Poincaré pries die Ereignisse von 1875 als erste Skizze der (gegen Deutschland gerichteten) Tripel-Entente. Diese sind vor allem auch ein erstes Beispiel einer überaus ungeschickten deutschen Handlungsweise, die die internationale Situation falsch einschätzt. Salopp gesprochen war Deutschland so vorgegangen, als ob es seine Nachbarn B und C um Erlaubnis gefragt hätte, seinem Nachbarn A eine scheuern zu dürfen. Eine solche Aktion kann nur scheitern.

 

Die Historikerzunft ist sich in der Bewertung einig, nach 1871 würden die euro- päischen Flügelmächte keinen weiteren deutschen Machtgewinn zulassen. Damit ist es aber nicht genug. Ich stimme Oncken vorbehaltlos darin zu, dass sie auch den französisch-deutschen Spannungszustand in ihrem Sinne und für ihre Zwecke konservieren wollten.

 

 

Aufstände der (christlichen) Balkanvölker gegen ihre türkischen Herren ab 1876 und deren blutige Niederschlagung möchten fast schon einen sachlichen und moralischen Grund für Russland liefern, im Jahre 1877 erneut kriegerisch gegen die Türkei vorzugehen. Allzu altruistische Motive muss man Russland jedoch nicht unterstellen, hatte sich doch Zar Alexander 1876 bereits zum Panslawismus be- kannt. In Großbritannien löst das russische Vorgehen erneut ein heftiges, vor allem auch durch Salisbury befeuertes "scare" gegen eine mögliche deutsche Deckung des russischen Vormarsches - und damit die befürchtete deutsch-russi- sche Verbindung - aus.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Als Russland nach beträchtlichen Anfangsschwierigkeiten siegt, finden sich die anderen Großmächte damit nicht ab. Effektiv übernimmt die Führung dabei Bis- marck, als Präsident des Berliner Kongresses (er hatte sich dazu bitten lassen, wenn auch nicht lange). Auf Österreich-Ungarn hätte Bismarck dabei keine Rück- sicht nehmen müssen, Russland hatte sich gegenüber der Donaumonarchie ver- traglich abgesichert. Bismarck selbst hatte die russischen Kriegsvorbereitungen sogar noch unterstützt. Von tiefstem Misstrauen gegen Russland erfüllt, spielt Bismarck aber nun das Spiel der Westmächte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Berliner Kongress bringt, unter Bismarcks kundiger Leitung, Russland um die Früchte seines Sieges. Hoch zufrieden ist der britische Teilnehmer Salisbury, in der Zwischenzeit britischer Außenminister geworden, der keine deutsch-russische Verbindung erkennen muss, sondern einen deutsch-russischen Gegensatz konstatieren kann. Sein höhnisches Zitat vom "kuscheligen Liegen in der Abtei" gehört für Manfred Rauh zum Ausgangspunkt von Salisburys Überlegungen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Was Bismarck sich (und damit Deutschland) aufhalst, ist nicht mehr und nicht weniger als die Verteidigung der Meerengen (wobei ihm doch der Balkan "nicht die Knochen eines einzigen pommerschen Grenadiers" wert war), von denen sich Großbritannien nun, wirklich oder nur zum Schein, elegant zurückziehen kann.

 

 

 

 

 

 

 

Nebenbei bestätigt Bismarck den Erwerb Zyperns durch Großbritannien (so führt russischer Druck zu britischen Erwerbungen) und schanzt Tunis Frankreich zu. Frankreich nimmt Tunis 1881 in Besitz, Italien ist not amused. Ob der Besitz von Tunis Italien gehindert hätte, sich 1912 Tripolis zu nehmen und somit seinen Teil an der Auslösung des Ersten Weltkriegs beizutragen, muss unentscheidbar bleiben. Die italienische Aktion wäre aber nicht auf eine Bismarcks zurückzufüh- ren gewesen. Italien, das keine politischen Freunde hat (trotz aller Bündnisse, die es seither einging, hatte und hat es sie nicht, aber welches Land hat sie schon?), versteht die Hintergründe nicht, macht allein Frankreich verantwortlich und lehnt sich an Deutschland und Österreich-Ungarn an. Die so erzeugte Illusion einer Partnerschaft sollte sich dann lediglich als solche herausstellen.

 

 

 

 

 

 

 

So weit zu Bismarcks Entlastung der Beweggrund einer möglichen revisionisti- schen Koalition gegen Deutschland angeführt werden sollte, wird diese jedenfalls weit überschätzt. Die militärische Schlagkraft Frankreichs und Österreich-Ungarns war, gerade nach den Niederlagen, fragwürdig. Die Seemacht Großbritannien besaß zu diesem Zeitpunkt kein starkes Heer. Umfangreiche Truppenlandungen Großbritanniens und Frankreichs an den Dardanellen konnten somit ausgeschlos- sen werden. Es war die deutsche, sachlich unbegründete und durch Bismarck prominent vertretene Haltung, die den Ausschlag gegen Russland gab.

 

 

 

 

 

 

 

Durch die reibungslose Zusammenarbeit zwischen Bismarck und Salisbury setzen

die Briten ihre Vorstellungen auf ganzer Linie durch. Salisbury und sein Premier Disraeli werden bei ihrer Rückkehr nach London wie Helden gefeiert. Getan für den Erfolg hat Großbritannien, außer ein wenig Schiffspräsenz zu zeigen, nichts.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Russland ist jedenfalls nachvollziehbar schwerstens verärgert. Man fühlte sich von Bismarck an der Nase herumgeführt. Der "Ohrfeigenbrief" des Zaren ist in Wirklichkeit ein ernst gemeinter Warnbrief, den man in Deutschland auch hätte ernst nehmen sollen. Tatsächlich machte man sich Russland dauerhaft abspens- tig. Erst der Berliner Kongress legte die Grundlage für ein französisch-russisches Bündnis, auch wenn dafür die Zeit noch nicht reif war. Teile der russischen Öffent- lichkeit würden sich in Beschuldigungen gegen Deutschland ergehen, wobei sie aber nur einen Sündenbock suchten für die Unfähigkeit, Ziele auf eigene Faust zu erreichen (Deutschland sollte das später mit "den Juden" wiederholen, persön- liche Schlussfolgerungen).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Berliner Kongress, Bismarcks größter Triumph, war in Wirklichkeit sein größ- ter Fehler. Die momentane Anerkennung täuschte über die Weichenstellung zur Isolation Deutschlands hinweg. Meine Kritik an Bismarck wird auch von zeitgenös- sichen Autoren geteilt. Aber, da gebe ich Oncken recht, Kritik ist leicht, Kunst ist schwer.

 

Im Nachgang zum Berliner Kongress ist für Deutschland das Militärbündnis mit Österreich-Ungarn erreichbar. Der Kaiser, der die möglichen, das deutsch-russi- sche Verhältnis weiter verschärfenden Folgen wesentlich klarer sieht als Bis- marck, will es mit aller Energie verhindern und liefert sich einen bizarren Streit mit seinem eisernen Kanzler. Der jedoch bringt eine ganze Koalition gegen seinen Herrn in Stellung. Anstatt ein Machtwort zu sprechen und Bismarck rauszuwerfen, unterwirft sich der deprimierte Kaiser. "Bismarck ist wichtiger als ich" und "Was soll nun aus mir werden?" äußert er. Die Tragik eines Menschen, der Unglück kommen sieht und es nicht verhindern kann.

 

 

 

 

 

 

In Mitteleuropa ist nun ein Mächteblock geschaffen, der wohl Bismarcks Vorstel- lung von einer "großdeutschen Lösung" entspricht. Blöcke dieser Art pflegen aber auch von außen blockiert werden zu können (wie es im Ersten Weltkrieg dann geschah). Bei aller Voraussicht wirkt die Haltung des Kaisers dagegen auch etwas altpreußisch. Das deutsche Kalkül basierte immer darauf, dass sich die anderen Mächte, insbesondere die beiden Flügelmächte, nicht gegen Deutschland verbün- den können. Zwischenzeitlich war dem auch so, die Gegensätze zwischen den Mächten waren zu groß. Aber musste das in alle Ewigkeit so bleiben?

 

 

 

So gesehen basierte der Erfolg des "Genius" Bismarck weniger auf seinen Fähig- keiten als auf einem für Deutschland vorteilhaften, aber vorübergehenden Zustand. Unstrittig ist, dass Bismarck nach 1871 nichts mehr als Frieden wollte. Aber Friedenspolitik kann auch Resultat einer schwachen Position sein, das war dem vom "Alpdruck der Koalitionen" heimgesuchten Bismarck völlig klar. Genauso dem Intriganten Salisbury. Nur arbeitete der mit einer anderen Zielsetzung.

 

 

 

 

 

 

 

Ergebnis des Berliner Kongresses und der Folgeereignisse war für Russland die Erkenntnis, dass es bei seiner Expansivität auf die Unterstützung durch Deutsch- land nicht rechnen konnte. Im Gegenteil musste es bei erneuten Ausbreitungs- versuchen auf dem Balkan damit rechnen, dass ihm Deutschland entgegentritt, schon wegen des Bündnisses mit Österreich-Ungarn. Russland musste sich also eine andere Spielwiese suchen. In Asien konnte es dabei wieder mit Großbritan- nien in Konflikt geraten. Großbritannien musste dagegen bestrebt sein, Russland wieder auf den Balkan zurückzulenken. 1877/78 war es unter anderem nicht zu einem Krieg zwischen Deutschland und Russland gekommen, weil Russland iso- liert war. Wäre es das nicht mehr, konnte es den Krieg mit Deutschland riskieren.

Für Großbritannien bedeutete das Ergebnis des Berliner Kongresses, dass eine deutsch-russische Verbindung außerhalb jeder Realisierungsmöglichkeit lag, dass stattdessen es mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit über einen Konflikt auf der Balkanhalbinsel zu einem deutsch-russischen Krieg kommen konnte, der die Machtverhältnisse auf der Welt im britischen Sinne umgestalten würde. Wie Großbritannien das Problem lösen sollte, werden die Ereignisse ab 1895 zeigen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Großbritanniens strategische Lage s. Hoyer, S. 73. Gerade Salisbury macht im Nachhinein für den Kriegsausbruch die überharte Haltung des dänischen Ministerpräsidenten Hall verantwort- lich (Hoyer, S. 84f.). Ohne die haltlosen Zusich- erungen Palmerstons (Hoyer, S. 75f) wäre diese

auf jeden Fall nachgiebiger ausgefallen.

Zu Palmerstons Wortwahl Oncken, S. 76, der weiter auf derselben Seite weiter die durch den britischen Einfluss gesteigerte "starre Unbelehr-

barkeit" der Dänen konstatiert.

Zur britischen Neutralitätsverletzung: http://www.bundesheer.at/truppendienst/ausgaben/artikel.php?id=1708

 

Im folgenden wird für die Darstellung immer wie-

der auf Hermann Oncken, Das Deutsche Reich und die Vorgeschichte des Weltkriegs, erschie- nen bei Johann Ambrosius Barth, Leipzig, in Ge-

meinschaft mit anderen Verlagen, 1933, zurück- gegriffen. Oncken gehört zu der Literatur, auf die Manfred Rauh (s. Einleitung) sich stützt.

Dieter Hertz-Eichenrode bescheinigt Onckens Werk in Geschichtswissenschaft in Berlin im 19. und 20. Jahrhundert, Verlag de Gruyter, Berlin und New York 1992, S. 190, einen "kräftigen Schuss Apologetik". Oncken war dabei alles an- dere als ein Nazi. Aufgrund seiner liberalen Ein- stellung wurde er nach Hitlers Machtübernahme vom Lehrstuhl gedrängt (Klaus Schwabe in Deutsche Historiker, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1973). Zu Onckens Schülern zählte der deutschnationale Gerhard Ritter, der in der Frage der deutschen Kriegsschuld gegen den Obrigkeitskritiker Fritz Fischer Stellung bezog. Im Nazireich hatte Ritter sich zum Widerstand bekannt, während sich Fischer mit dem Regime

arrangierte.

Oncken hätte nach meinem Dafürhalten mehr Primärquellen angeben können, dennoch dürf- te es kaum möglich sein, ihm Irrtümer nachzu- weisen. Apologetik ist kein Fehler, soweit sie der

Faktenlage entspricht. Onckens Darstellung ist allerdings für die hier verfolgten Zwecke nicht ausreichend. Zu Indien beispielsweise liest man bei ihm nur ein eiziges Mal, S. 284. (Oncken ver-

fasste mit "Zur Sicherheit Indiens" noch ein ge- sondertes Werk. Die Einschlägigkeit kann man- gels erfolgter Lektüre vorerst nicht beurteilt wer- den.)

 

 

Hoyer zu folgenden Stichworten:

Begrüßung der deutschen Einigung, wenigstens

dem Anschein nach: S. 69ff.

Presseartikel S. 76ff.

Maritime britische Position: S. 78

Ablenkung deutscher Truppen: S. 81

Prognose deutscher Entwicklung: S. 79f.

 

 

 

 

 

In diesem Artikel wortreiche Warnungen vor ein- em kommenden Deutschland unter Vereinigung von Reaktion und Nationalbewegung mit Groß- britannien gefährdenden imperialen und See- machtambitionen. S. 77, 79.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

So Oncken, S. 75. Dagegen Hoyer, S.76, Anm. 500. Artikel deutschfeindlich S. 82, Anm. 555.

Eigendarstellung: S. 76, Anm. 500, und S. 80, Anm. 536 zitiert Hoyer Klaus Hildebrand, "No intervention", nach ihm war der Artikel "kaum aktuell", da sich Deutschlands Großmachtstel-

lung erst vage am Horizont abzeichnete. Er

diente "journalistischen Zwecken" und, weiter S. 83, der "Profilierung" Salisburys.

Deutschenfeinde namentlich genannt Eyre Cro- we und Robert Vansittart von Hoyer, S. 113. Dort ebenso die historisch noch weiter zurückreich- ende britische "Zwei-Deutschland-Theorie" vom Partner einerseits, Herausforderer andererseits, die ich als vordergründig verwerfe. Deutschland war keins von beiden, sondern nur unwissendes Werkzeug der im Grunde gegen Russland gerichteten britischen Strategie.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hoyer zum "Entsetzen" Queen Victorias (aber weniger anderer Briten) S. 395ff., zu Salisburys Schweigen S. 90. Laut Außenminister Stanley war Großbritannien "less concerned", Hoyer, S. 89.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zu Howard siehe: http://germanhistorydocs.ghi-dc.org/sub_document.cfm?document_id=1817&language=german.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zu den Überlegungen des deutschen General- stabs: Gerhard P. Groß, Mythos und Wirklich- keit, Geschichte des operativen Denkens im deutschen Heer von Moltke d.Ä. bis Heusinger,

Verlag Ferdinand Schöningh, mehrere Orte, 2012, S. 62. Auch Oncken konstatiert eine Schwächung der deutschen Position durch die Einheit, S. 157. Oncken zu Polen S. 47.

 

 

 

Hoyer zu folgenden Stichworten:

Antipathien gegen Frankreich S. 91, dann gegen Deutschland S. 92.

Salisbury zu Napoleon III. S. 61f., 81, 97.

"Scheldt scare" Großbritannien allgemein S. 91,

Salisbury speziell S. 92.

Warum der Besitz der belgisch-holländischen Gegenküste durch eine Großmacht für die Briten

so erschreckend sein soll, wo doch ohnehin die nicht ohnmächtigen Franzosen am Ärmelkanal sitzen, ist für einen Kontinentaleuropäer nicht nachvollziehbar. Auch nicht für Salisburys Brief- partner Lytton (Hoyer, S. 163).

"Tag der Rache" Oncken, S. 140f.

Hoyer zu folgenden Stichworten:

Dänemark S. 78, 81.

Holland S. 99.

Elsass-Lothringen S. 93.

 

Bismarck soll den Erwerb Elsass-Lothringens später selbst als Fehler bezeichnet haben,

Hoyer S. 94, Anm. 665 nach Andreas Hillgruber,

"Bismarcks Außenpolitik".

 

 

 

 

Zum allmählichen Stimmungsumschwung in Elsass-Lothringen Hoyer, S. 93, Anm. 657.

 

 

 

Zu Bismarck Hoyer, S. 93, und zu Salisbury, der für Bismarcks Ansicht zunächst kein Verständ- nis hat, dann aber S. 95, und Oncken s.o..

 

 

Zu Österreich-Ungarn Hoyer, S. 92, und On- cken, S. 95f, 134.

Zu Russland Hoyer, S. 96.

 

 

 

 

 

 

 

 

Zur deutsch-russischen Verbindung Pressear- tikel Salisburys vom Januar 1871, Hoyer S. 312,

mit Auswirkung auf Indien ds. S. 313.

 

 

 

 

 

 

 

Zur Türkei als Indien schützendes Bollwerk s.o. S. 313, zu einem territorialen Rearragement mit Russland auf Kosten des europäischen Teils der Türkei Salisbury in einem Brief an Robert Bul- wer-Lytton, Hoyer S. 314, Anm. 299.

 

Zur Einschätzung des Kriegsergebnisses Hoyer, S. 102.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zur "Krieg-in-Sicht-Krise" sehr ausführlich Oncken, S. 145 - 157. Dabei zu folgenden Stichworten:

Presseartikel S. 147, ds. Bismarcks Verantwor- tung und Position.

Radowitz und Moltke S. 148

Decazes´ Aktionen S. 148 - 150

Brief der Queen S. 150, ebenso versandte das Londoner Kabinett eine "Zirkulardepesche" nach

St. Petersburg, Rom und Wien.

Besprechung zwischen Kaiser, Zar und Regie- rungsmitgliedern S. 151. "Russischer Druck" war nicht notwendig, da keine deutsche Agg- ression bevorstand.

Gortschakows Darstellung S. 152

 

 

 

 

Poincarés Einschätzung S. 156

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Onckens Bewertung S. 154. Sauer war Bis- marck auch auf den britischen Außenminister Lord Derby (= Stanley, der den Titel 1869 geerbt hatte) wegen dessen Verbreitung der angebli- chen deutschen Aggressionsabsicht.

Derby musste sich entschuldigen (S. 156).

 

 

 

 

 

Zum Bekenntnis des Zaren im November 1876

Oncken, S. 204. Salisbury und Bismarck waren in Berlin erstmals zusammengetroffen und hat- ten zunächst einen positiven Eindruck voneinan-

der gewonnen (Hoyer, S. 138ff). Dennoch nahm Salisbury nur wenig später an, Bismarck würde

hinter dem Scheitern der Istanbuler Konferenz stecken, um Russland gegen die Türkei und letztlich Großbritannien in den Krieg zu treiben.

Deutschland würde dabei freie Hand gegen Frankreich gewinnen (Hoyer, S. 144ff, zusätz- lich Neuauflagen der periodischen "naval -" und "Holland scares", S. 147, 149.). Salisburys Un- terstellungen griffen um sich (Hoyer, S. 152f) obwohl er bereits das russische militärische und wirtschaftliche Potenzial als schwach einge- schätzt hatte (S. 150f). Damit gab er die Unbe- gründetheit der von ihm in die Welt gesetzten Gerüchte selbst zu.

 

 

Budapester Konvention zwischen Österreich- Ungarn und Russland Hoyer, S. 146. Salisbury sah sich von den Österreichern ausgetrickst, k.u.k.-Außenminister Andrassy war bei den Bri- ten daraufhin unten durch, was auf seinen Ver- trauten Bismarck abfärbte.

Bismarcks Unterstützung der russischen Kriegsvorbereitungen Oncken, S. 205f.

Weiter gehenden russischen Vorstellungen ver- sagt sich Bismarck, vorangegangen war die russische Verweigerung einer Garantie des deutschen Besitzes Elsass-Lothringens (On- cken, S. 201) und diplomatische Formverstöße, der Zar muss wohl den deutschen Botschafter Schweinitz zusammengepfiffen haben (S. 203). Bismarck zieht es vor, den ungerecht behan- delten Helden zu spielen (S. 203f), anstatt sich elegant auf die russische Seite zu schlagen.

 

In Wirklichkeit war es Russland ja um die Meer- engen gegangen. Jedes schwächere Ergebnis musste die Russen frustrieren. Salisbury kon- statiert in etwa zutreffend, dass der Kaiser der einzige Deutsche ist, der noch zu Russland hält (Hoyer, S. 199).

Salisburys Zitat verdient eine Erklärung. Hatte Bismarck die Russen noch mit dem Schiller- Wort "Und setzet Ihr nicht das Leben ein,..." zum Krieg und ihrer alleinigen Übernahme der Verantwortung dafür angestachelt (Oncken, S. 206), bezieht Salisbury sich auf Charaktere der in Deutschland wohl ziemlich unbekannten Komödie "The Rivals" von Richard Sheridan (uraufgeführt 1775). Der junge, einfältige Bob Acres (Russland) wird von seinem erfahrenen Freund Sir Lucius O'Trigger (Deutschland), ein "blutrünstiger Philister", erst in ein Duell getrie- ben, dann aber damit schockiert (Acres hat of- fensichtlich keine Ahnung, dass man bei einem Duell sterben kann), ob er für den Verbleib sein- es Körpers bereits Vorsorge getroffen habe: "I'm told there is very snug lying in the Abbey."

In Abteien pflegt man erst dann zu liegen, wenn man tot ist.

Zitat bei Hoyer, S. 145. Die Fußnote Nr. 20 bei Rauh, Bd. 1 S. 37, führt u.a. zu einem von Sa- lisburys Tochter Gwendolen Cecil in ihrer Bio- graphie ihres Vaters aufgeführten Brief mit dem Sheridan-Zitat (dort S. 122f). Die Biographie ist herunterladbar, Link für der für uns hier interes- santen zweiten Band: https://archive.org/stream/lifeofrobertmar02ceciuoft

 

Bei Hoyer ist der "Grenadier" ein "Musketier", S. 135. In weiteren in Rauhs o.a. Fußnote Nr. 20 aufgeführten Fundstellen der Biographie stellt Salisbury fest, dass die Verteidigung Konstan- tinopels Großbritannien nichts bringt (S. 130, 142) und dass Großbritannien sich (stattdessen)

mit Russland verständigen sollte (S. 85f). Was nicht anders als auf Kosten Deutschlands geh- en würde, das 1878 die Russen gestoppt hatte, ohne selbst einen einzigen Schuss abzugeben.

Der Sultan wünschte mehr deutschen Einfluss in Konstantinopel (Hoyer, S. 211).

 

Wodurch Großbritannien eigentlich Zypern ver- dient hatte, ist nicht klar. Britische Beistandszu- sicherungen an die Türkei waren ja praktisch kostenlos, vor allem, nachdem Bismarck einge- griffen hatte, und nach "Berlin", siehe direkt o- ben, ohnehin nicht von Dauer.

Das Tauschangebot "Tunis für Straßburg" konn- te, bei Bekanntheit der französischen Haltung, die gewünschte Wirkung jedenfalls nicht entfal- ten. (Persönliche Schlussfolgerungen)

Zur Haltung Bismarcks bez. Zypern Oncken, S. 217, und Hoyer, S. 191f, der auch eine auf Bis- marck zurückgehende Verknüpfung des Zypern- mit dem Tunisthema sieht. Weiter zu Tunis On- cken, S. 236, und zu Italien S. 237. Italiens Tri- poliskrieg als einer in der Reihe der fallenden Dominosteine zur Kriegsauslösung wird im Kapitel "Julikrise 1914" behandelt. Bekannter- maßen zog der Dreibundpartner Italien dann 1915 gegen seine Verbündeten in den Krieg.

 

 

Frankreich war nach Salisburys Auffassung "gone" (Gwendolen Cecil S. 86), Österreich-Un- garn nach der Bismarcks nicht kriegsbereit (Ho- yer, S. 194f). Zu Großbritanniens mangelnder Heeresmacht Hoyer, S. 170. Salisburys Vorstel- lung, die Russen durch Schiffsartillerie mit Leichtigkeit aus Konstantinopel wieder hinaus- zukartätschen, hätten sie die Stadt erreicht (Ho- yer, S.152), wäre nach meiner Einschätzung, um es euphemistisch auszudrücken, bei Ver- wirklichung den Weg ins Beinkleid gegangen. Die militärischen Unzulänglichkeiten der Türkei, und, so sah es auch Salisbury (Hoyer, S. 151), Russlands waren offensichtlich. Bei einem all- gemeinen Krieg 1878 hätten sich wohl alle Be- teiligten, wohl außer denen "pommerscher" Pro-

venienz, bis auf die Knochen blamiert.

 

 

Zum Berliner Kongress, seiner Vor- und Nach- geschichte detailliert Hoyer, Kapitel 3.2. Trium- phaler Empfang der britischen Delegation S. 197.

 

Eigentlich hatte Russland schon im Vorfeld des Kongresses vor Großbritannien den Schwanz eingezogen (Hoyer, S. 190, und Oncken, S. 219). Nachdem Bismarck die Sache dann fest- geklopft hatte, taten sich die Russen leicht, die Schuld auf ihn abzuladen (Hoyer, S. 196, 208, 212). Bismarck unternahm nichts, um diesem Eindruck entgegenzutreten, stattdessen schwenkte er in Verwaltungsfragen der umstrit- tenen Gebiete von der erklärten Neutralität auf eine antirussische Linie um (Hoyer, S. 211). Britische Diplomaten wollen von einer Warnung Bismarcks vor einem russischen Angriff auf die britische Asienposition erfahren haben. Gerüch- te über eine russisch- französisch Allianz ma- chen die Runde (Hoyer, S. 213). Deutsche Mili- tärs halten einen Krieg zwischen Deutschland und Russland für auf die Dauer unvermeidlich (Hoyer S. 222, Fußnote 446).

 

 

 

Drohbrief des Zaren vom August 1879 Oncken, S. 222f. Ds. zuvor nachkongressliche Bestre- bungen Bismarcks, über Österreich-Ungarn zu einem Bündnis mit Großbritannien zu kommen

(Hoyer, S. 249 ff). Sieht so "ehrliche Makler-schaft" aus? In Wirklichkeit hatte Bismarck die- sen hehren Anspruch nur benutzt, um die ande- ren Mächte gegen Russland in Stellung zu bringen.

Russische Pressestimmen beispielsweise On- cken S. 204, 220.

Russische "Dankesforderungen" an Deutsch- land für die 1870 geleisteten Dienste, denen Deutschland angeblich überhaupt seine Exis- tenz verdankte (Oncken, S. 294), waren jeden- falls nicht gerechtfertigt. Die Revision der Pon- tusbestimmungen war Lohn genug für einfaches

Stillhalten. Ganz sicher hätte Russland aber An- spruch auf unvoreingenommene deutsche Un- terstützung gehabt. Bismarcks Begründung mit dem Panslawismus (S. 225f) wirkt vorgescho- ben. Russland hätte man entgegenhalten kön- nen, das es selbst kein rein slawischer Staat

ist. Eine deutsch-russische Zusammenarbeit außerhalb Europas wurde offensichtlich nie ins Auge gefasst (persönliche Schlussfolgerungen).

 

 

 

 

Oncken nennt die Autorennamen von Senfft-Pilsach, von Eckardt und Pinon, S. 219, ds. "Kritik". Er selbst schließt sich ihnen nicht an.

 

 

Der Zar schien die kommende Katastrophe vor- auszusehen ("verhängnisvoll für unsere beiden Länder"). Bismarck deutet das zur unverhüllten Drohung um. Er will es darüber zum Bruch mit Russland und zum formalen Bündnis mit Öster-

reich-Ungarn kommen lassen. In Wien rennt er damit offensichtlich offene Türen ein (Oncken, S. 222ff). Der Kaiser wollte durch ein persönli- ches Treffen mit dem Zaren die Streitpunkte aus

der Welt schaffen. Bismarcks Aktion ließ ihn in seinen eigenen Augen als wortbrüchig dastehen Der Kanzler schaffte es, den Kronprinzen, den Generalstabschef, das preußische Staatsminis- terium und den auswärtigen Bundesausschuss zu seinen Gunsten gegen den Kaiser zu orches-

trieren (S. 224).

 

 

Siehe hierzu Oncken, S. 228. Die Haltung des Kanzlers wie die des Kaisers sind beide als Grundlage von "Weltpolitik" ungeeignet (persön- liche Schlussfolgerung).

An Bismarcks Leitspruch, "...dass alle Mächte außer Frankreich unser bedürfen, und von Koa- litionen gegen uns ... nach Möglichkeit abgehal- ten werden" (Oncken, S. 192) sollten seine Nachfolger nichts ändern. Da der Vorsatz die- ses Spruches als Möglichkeit bereits den Nach- satz enthält, ist das "bedürfen" demnach ein auf Bismarck zurückgehender Fehlschluss.

 

 

 

Zu Bismarcks Friedensmotivation Oncken, S. 239f, und zur Begrenztheit dieses Konzepts S. 243. "Cauchemar de coalitions" z.B. Oncken, S. 221.

Seine Intrigantenschaft hat Salisbury selbst ein- geräumt, Hoyer. S. 153. Der Einzige dieser Sor- te war er natürlich nicht. Nach seinen Worten existiert 1878 kein deutsch-britischer Gegen- satz (Oncken, S. 232). Daran sollte sich auch lange Zeit nichts Wesentliches ändern. Bis zu seinem dritten Amtsantritt als Premier 1895.

 

 

 

Ich gehe auf die Ereignisse 1876 - 1879 des- halb so ausführlich ein, weil Manfred Rauh es nicht tut. Dabei handelt es sich für das Ver- ständnis der weiteren Entwicklung um Schlüs- selereignisse.