1 - 4 - 1890 - 1897

© Holger Bergmann 2015 - 2018

Vom Gleichgewicht zur Einkreisung: Großbritannien und die USA stellen die Weichen zum Ersten Weltkrieg. Teil 1: 1890 - 1897

Die bis heute gängige Bismarck-Beweihräucherung verschleiert die Sicht auf die tatsächlichen außenpolitischen Verhältnisse des betrachteten Zeitraums. Nicht, dass hier Bismarck schuldig und seine Nachfolger freizusprechen wären. Auch ihnen würden gravierende Fehler unterlaufen. Im Bruch zwischen dem üblich- erweise geschilderten Auftreten Bismarcks - souverän, überlegen, und mit einem unendlichen, für keinen sonst beherrschbaren politischen Instrumentarium aus- gestattet - sowie Wilhelms II. - anmaßend, tollpatschig und unfähig - die Ursache für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs letzten Endes zu verorten, wie es so häufig geschieht, führt jedoch in die Irre. Auch ein inhaltlicher Wechsel der Politik - von der "Saturiertheit" Bismarcks zum "Weltmachtanspruch" Wilhelms II. hat insofern nicht stattgefunden, als dass aus der neuen Zielsetzung nicht wirklich Konsequenzen folgten. Ein aggressives Ausgreifen des Deutschen Reiches gab es nicht, oder zumindest hat sich Wilhelm dazu, bis 1914, sehr reichlich Zeit gelassen. Die vermeintlich provokatorische Wirkung des deutschen Flottenbaus auf die Briten wird als solche noch untersucht. Außerdem, wir hatten es bereits gesehen, dass es nicht schon 1887/88 zum Krieg kam, war nicht auf Bismarcks Staatskunst zurückzuführen, sondern auf die (zeitlich indes befristete) Unfähigkeit der Gegner Deutschlands.

 

 

Im Jahre 1890 war Bismarck 75 Jahre alt, perspektivisch und wohl auch mit sei- nem politischen Latein am Ende. Er hätte so oder so sein Amt nicht mehr mit vol- lem Elan ausführen können. Friedrich III. wäre auch ohne seine Krankheit irgend- wann verstorben und der viel geschmähte Wilhelm II. an die Macht gelangt. Der junge Kaiser war, daran ist nicht zu zweifeln, extrem eitel und komplexbeladen. Er war aber weder besonders aggressiv, noch eine Spielernatur. Die für einen Erobe- rer notwendigen Fähigkeiten außer Großsprecherei, nämlich strategischer Über- blick und Hinterlist, gingen ihm völlig ab. Von den Kanzlern bis zum Ersten Welt- krieg war Caprivi ein ziemlich unpolitischer Gutmensch, Hohenlohe ein Geron- tokrat wie der alte Bismarck, Bülow ein eitler Schwätzer und darin dem Kaiser nicht unähnlich, Bethmann Hollweg eine Oberlehrernatur. Die führenden Militärs, auf die noch einzugehen ist, waren vor allem Fachleute. Der Gedanke, dass ein Aggressionskrieg außer einer militärischen auch eine politische Komponente braucht, war ihren Überlegungen fremd.

 

 

Ein gegen die Nachfolger Bismarcks zu Recht erhobener Vorwurf richtet sich ge- gen die Nichtverlängerung des Rückversicherungsvertrags mit Russland. Dabei wird die bereits zuvor stattgefundene massive Verschlechterung des deutsch- russischen Verhältnisses, die, wie gezeigt wurde, mindestens zum Teil auf Bis- marcks Russlandpolitik zurückgeht, meist außer Acht gelassen. Sicher ist auch die Konsequenz, Russland dadurch in Frankreichs Arme zu treiben, als solche zu sehen. Aber auch die französisch-russische Annäherung hat sich, wie bereits be- trachtet, weit früher angebahnt. Die Behauptung, dass Bismarcks Nachfolger sein "Spiel mit 5 Bällen" schlicht nicht beherrschten, ist Bismarck-Beweihräucherung. Die sich entwickelnde russisch-französische Verbindung zu durchkreuzen sahen sich Bismarcks Nachfolger nicht veranlasst. Es lässt sich im Übrigen auch speku- lieren, ob Bismarck selbst, wäre er länger im Amt geblieben, den Rückversiche- rungsvertrag nach all den vorangegangenen russischen Provokationen überhaupt verlängert hätte.

 

 

Dokumentiert ist, dass Bimarck den Vertrag verlängern wollte. Prekärerweise fiel das russiche Angebot zur Verlängerung aber genau in die Zeit seines Abgangs. Der alte Kanzler war da praktisch schon handlungsunfähig. Der Kaiser sicherte dem Zaren Kontinuität über den Kanzlerwechsel hinaus zu. Aber da machte ihm sein Außenministerium einen Strich durch die Rechnung.

 

 

Die sachlichen Argumente gegen eine Verlängerung des Rückversicherungsver- trags sind nicht leicht nachvollziehbar. Worauf wollte man sich berufen, russisches Fehlverhalten vorausgesetzt? Auf einen Wisch Papier? Sah man sich jedoch selbst daran gebunden, wäre man gezwungen gewesen, die Handlungsfreiheit Österreich-Ungarns in einem Maße einzuschränken, die einem selbst hätte ge- fährlich werden können. Was, wenn Österreich-Ungarn durch russische militäri- sche Provokationen zu einem Präventivschlag gezwungen gewesen wäre? Man hätte dann neutral bleiben müssen, Österreich-Ungarn wäre womöglich geschlagen worden und man wäre ohne Verbündeten, ohne Machtbasis, dage- standen.

 

 

Die beteiligten Diplomaten konnten eine benefitäre Wirkung des Rückversiche- rungsvertrags nicht erkennen. Vielmehr sollte an St. Petersburg ein Zeichen gesandt werden, dass man auf russisches Wohlwollen nicht angewiesen war und ein russisch-französisches Bündnis nicht fürchtete. Genau diese Überlegungen hatte Bismarck bereits im Oktober 1887 selbst angestellt. Möglicherweise hätte er sich diesen seinen eigenen Argumenten im Frühjahr 1890, hätte er länger amtiert, ebensowenig verschließen können wie es der neue Kanzler Caprivi tat. Der vola- tile Kaiser, der unvermittelt von einer pro- auf eine anti-russische Linie (und zu- rück) umschwenken konnte, schloss sich an. Auch weitere russische Fühlungnah- men in der Sache bis Herbst 1890 wurden abschlägig beschieden. Deutschland hatte seine Entscheidung getroffen.

 

 

Ich weiß nicht, von wem der Spruch stammt, mit einem nicht angeketteten Elefan- ten im Schlafzimmer schläft es sich schlecht. Russland mit einem Elefanten zu vergleichen ist vielleicht noch treffender als üblicherweise mit einem Bären. Der Elefant ist intelligent, jedenfalls bis zu einem gewissen Grade, jähzornig, nach- tragend, schwerfällig und auf jeden Fall sehr, sehr groß. Einen Elefanten kann man entweder jagen oder zähmen (die metaphorische Möglichkeit des "Einsper- rens" war hier nicht gegeben, man hat das später mit dem "Containment" gegen die Sowjetunion im Kalten Krieg zu praktizieren versucht). Zum "Jagen" (= Prä- ventivkrieg) konnte man sich, vernünftigerweise, nicht entschließen. Zum "Zäh- men" hätte es einen sehr kundigen Dompteur gebraucht. Ein solcher war noch nicht einmal Bismarck.

 

 

Die Zielsetzung von Bismarcks Nachfolgern, mit einer Abwendung von Russland Großbritannien näher zu kommen, schließt ebenfalls nahtlos an Bismarcks Politik an. Ob man ihnen vorwerfen kann, dass sie nicht wussten, mit wem sie es da zu tun hatten, muss offen bleiben. Der Helgoland-Sansibar-Vertrag und ein Besuch in England, bei dem man dem Kaiser zujubelte (1891 ging das!) musste in Russland weiter den Eindruck verstärken, Deutschland würde sich in Zukunft mehr für "Wale" als für "Elefanten" interessieren. Die Möglichkeit, über die Mittelmeer-Entente an Großbritannien heranzukommen, gehörte zum deutschen Kalkül. Russland zog seine Schlüsse.

 

 

So kam es, wie es kommen musste. Bereits im Juli 1890 hatte es erste russisch-französische Generalstabsbesprechungen gegeben. Ein diplomatischer Noten- austausch vom August 1891 stellt schon fast ein Bündnis dar. Der Zar erklärt sich zugunsten Frankreichs kriegsbereit (merkwürdigerweise ist gerade gar keine Krise), in Russland kommt es zu profranzösischen Massendemonstrationen.

 

 

Zuvor hatte eine französische Flotte Kronstadt besucht. Salisbury, der mit der Mittelmeer-Entente und dem Helgoland-Sansibar-Vertrag die deutsch-russische Trennung vertieft hatte, lädt den zurückkehrenden Verband nach Portsmouth ein. Zum zweiten Mal nach der Krieg-in-Sicht-Krise zeichnet sich die Tripel-Entente ab, dieses Mal mit Salisburys Zutun. Ein französischer General gibt bereits eine Kriegsprophezeiung ab. Den Gegenbesuch der russischen Flotte in Toulon quit- tieren die Franzosen mit Revancheenthusiasmus. Auf die Militärkonvention zwi- schen Frankreich und Russland 1892 folgen um die Jahreswende 1893/94 ab- schließende Abkommen.

 

 

Die Ehe zwischen dem anarchisch-fortschrittlichen gallischen Gockel und dem autokratisch-rückständigen russischen Bären/Elefanten entbehrte nicht der Merk- würdigkeit, ja Widersprüchlichkeit. Tatsache aber ist auch, dass die beiden nun in Europa vorhandenen, in etwa gleich starken Militärblöcke ein stabiles Gleichge- wicht bildeten. Das heißt, bilden würden, wäre da nicht der Fünfte. Der konnte nun, hätte er gewollt, durch strikte Neutralität das Gleichgewicht aufrecht erhalten und so den Frieden sichern. Jede Neigung zu einer der beiden Seiten würde das Gleichgewicht gefährden und konnte die jeweils andere Seite zu Gegenaktionen herausfordern.

 

 

 

Das Ziel der britischen Politik war zu Anfang die Sicherung Indiens gewesen (ob- wohl Indien nie im Zentrum der kommenden kriegerischen Auseinandersetzungen stehen sollte, beziehungsweise ist gerade das als "Erfolg" der britischen Politik anzusehen). Das Schicksal der Welt sollte sich absurderweise an einer noch viel abgelegeneren Stelle der Welt entscheiden, nämlich an einem Fluss im südamerikanischen Urwald. Welche Politik Großbritannien letzten Endes in Europa verfolgen sollte, konnte es sich zunächst selbst aussuchen. Man muss auch bedenken, dass der neu gebildete russisch-französische Machtblock sich keineswegs nur gegen Österreich-Ungarn und Deutschland richtete, sondern genauso gegen Großbritannien, denn die traditionellen und neuen (kolonialen) Gegensätze waren keineswegs überwunden.

 

 

Den französisch-russischen Block für ihre Zwecke zu instrumentalisieren war ein Kunstgriff, den die britische Politik erst noch unternehmen musste. Dafür, dass sie diese Aufgabe tatsächlich anging, würde eine andere Macht sorgen: die Vereinig- ten Staaten von Amerika. Zu wiederholen ist an dieser Stelle, dass es keinen "Masterplan" und keine gerade Linie der Ereignisse geben würde, die Logik der Geschehnisse ergab sich sozusagen aus sich selbst heraus.

 

 

Das große Welttheater war bisher an den USA weitgehend vorbeigegangen. Sie waren zwar mit äußeren (Unabhängigkeitskriege) und inneren (Bürgerkrieg) Kon- flikten in den Schlagzeilen, hatten aber bis Mitte der 1890er Jahre wenig Einfluss auf die Weltpolitik genommen. Ein imperiales Ausgreifen der USA in den pazifi- schen Raum gab es seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Zu nennen ist an dieser Stelle die Aktion zur Öffnung Japans im Jahre 1853. Zu den Hintergründen der Aktion kann ich hier nicht Stellung nehmen. Ein Zusammenhang mit den zeitlich korrelierenden Ereignissen des Krimkriegs erscheint etwas weit hergeholt.

 

 

Aufgefallen waren die USA aber dadurch, dass sie sich in Form einer "Monroe- Doktrin" genannten Verlautbarung die Einmischung fremder Mächte in ihrer He- misphäre verbaten. Zumindest zum Zeitpunkt ihres Erlasses ein sowohl macht- politisch wie völkerrechtlich äußerst fragwürdiges Dokument. Machtpolitisch, weil die USA des Jahres 1823 doch wohl noch an die berühmte "brüllende Maus" erin- nerten. Völkerrechtlich, weil es nicht einsichtig ist, warum andere Mächte sich eine derartige Einschränkung ihrer Handlungsfreiheit gefallen lassen sollten. Motiva- tion war, dass vor allem Spanien und mit ihm das wieder bourbonisch regierte Frankreich (letzteres als Taktgeber) nach den Napoleonischen Kriegen die Finger von den unabhängig gewordenen ehemaligen spanischen Kolonien lassen sollten. Ohne Rückendeckung Großbritanniens wäre eine derartige Großsprecherei seitens der jugendlichen USA nicht mehr als lächerlich gewesen. Eine dem in- ternationalen Recht und der Stabilität der Welt zuträgliche Wirkung hätte die Monroe-Doktrin nur dann entfalten können, hätten sich die immer mächtiger werdenden USA im Gegenzug auf ihre Hemisphäse der Welt beschränkt. Davon konnte aber überhaupt keine Rede sein.

 

 

Nachdem man den Russen 1867 Alaska abgekauft hatte (so weit konnte man die Monroe-Doktrin noch nicht durchsetzen, als dass man sich nicht hätte finanziell engagieren müssen) war aber noch eine große, außereuropäische Macht auf amerikanischem Boden zurückgeblieben: Großbritannien.

 

 

Die Entwicklung des 19. Jahrhunderts war bisher fast vollständig im britischen Sinn verlaufen. Alle Kriege hatte man gewonnen, nur gegen die unbeugsamen Afghanen hatte man sich (wie alle späteren "Eroberer" auch) eine blutige Nase geholt. Die von Bismarck initiierte diplomatische Niederlage in Kolonialfragen fiel nicht ins Gewicht. Dennoch wurde die machtpolitische Lage Großbritanniens in den 1890er Jahren nach und nach prekär. Gegenüber dem traditionellen Gegner in kolonialen Auseinandersetzungen, Frankreich, hatte sich die strategische Lage nicht verbessert, auch nicht gegenüber dem "Great Game"-Opponenten Russland - dieses Spiel lief weiter. Mit den USA, Deutschland und Japan stiegen neue, virile und ambitionierte Mächte auf, eine Entwicklung, die Großbritannien voraussehbar immer mehr marginalisieren würde.

 

 

Dabei waren britisch-amerikanische Konflikte zunächst keineswegs ausgeschlos- sen. Nur schwand gegenüber den immer besser organisierten USA die Möglich- keit, eine derartige Auseinandersetzung erfolgreich zu bestehen. Insbesondere die Verteidigung der langen kanadisch-amerikanischen Grenze war praktisch ausgeschlossen. Als nun Großbritannien als Herr der Kolonie Guayana in einen Konflikt um die Grenzziehung mit dem Nachbarn Venezuela geriet, rief der ameri- kanische Präsident Cleveland die Briten mit Berufung auf die Monroe-Doktrin laut zur Ordnung.

 

 

Dabei lag eine "Verletzung" der Monroe-Doktrin britischerseits gar nicht vor. Es handelte sich lediglich um venezolanische Ansprüche auf britisch gehaltenes Ter- ritorium. Aus heiterem Himmel, und ohne sich mit der venezolanischen Regierung abzustimmen, stiegen die USA auf die venezolanische Forderung ein. Aber nicht, um die Interessen Venezuelas zu vertreten, sondern, da man sich jetzt ganz offen als "Herrn des Kontinents" betrachtete, um sich als "Schiedsrichter" aufzuspielen - eine Ohrfeige sowohl für Großbritannien als auch für Venezuela.

 

 

Salisbury hatte zunächst mit geschickt formulierten diplomatischen Schreiben Wi- derstand geleistet, auch gegen die Gültigkeit und Einschlägigkeit der Monroe-Doktrin, aber sein Kabinett entzog ihm die Unterstützung. Die Amerikaner formu- lierten die zu prüfenden historisch-territorialen Ansprüche dergestalt, dass da- durch die britische Position gestützt wurde, die Venezolaner wurden schließlich von den Amerikanern zur Annahme des Abkommens gezwungen, das ihren Ansprüchen östlich der gezogenen Linie ein für alle Mal ein Ende setzte.

 

 

Tatsächlich hatte keine der beiden Mächte wirklich einen Konflikt ins Auge ge- fasst. Die ganze Affäre hatte etwas Künstliches. Letzten Endes kamen sich beide Mächte über die einvernehmliche Regelung entscheidend näher, weitere Koope- ration sollte folgen. Großbritanniens territoriale Stellung in Amerika war gesichert, und die Anerkennung der Monroe-Doktrin durch Großbritannien machte klar, wel- che Macht ab nun in der gemeinsamen Küche Koch und welche Kellner sein wür- de.

 

 

Die neue angelsächsische Allianz, auch wenn sie nur informell bestand, konnte sich nun an die Aufgabe machen, die Verhältnisse auf der Welt zu ihren Gunsten zu verändern. Üblicherweise berichtet die Geschichtsschreibung von isolierten Er- eignissen, ohne die Zusammenhänge zwischen ihnen zu erkennen. Dass bei räumlich isolierten, aber zeitlich korrelierten Ereignissen zumindest in Staatsspitze und führender Beamtenschaft dieselben Akteure beteiligt sind, die ihrerseits die Zusammenhänge gesehen oder erst geknüpft haben müssen, wird zumeist aus- geblendet.

 

 

Es gab nur eine Mächtekonstellation, die den vereinigten Angelsachsen hätte ge- fährlich werden können: eine von Deutschland orchestrierte Verbindung mit Russ- land, der sich andere Staaten angeschlossen hätten. Und schon taucht sie wieder auf, die gute alte Chimäre, der Ausgangspunkt unserer Überlegungen. In angel- sächsischen Hirnen muss die globalstrategische Lage so ausgesehen haben, dass die "feindliche" Koalition (obwohl sie gar nicht existierte), hätte sie ihre Ver- bindungen enger knüpfen können, ein stabiles altweltliches Dreieck bilden würde, mit Stützen in Europa, Ostasien und Südafrika. Dadurch hätte die altweltliche Position der Angelsachsen (die bis dahin nur eine britische ist), ins Wanken gebracht werden können. Dagegen musste, und konnte, beizeiten vorgegangen werden. In drei Schritten würden die Angelsachsen (und ihre Verbündeten) die "feindlichen Positionen" knacken: dem Burenkrieg (Südafrika), dem Russisch-Japanischen Krieg (Ostasien) und dem Ersten Weltkrieg (Europa).

 

 

Man muss sich auch einmal vor Augen halten, dass im Jahre 1895 keine der be- teiligten Großmächte existenziell bedroht war (die Türkei, die man schon lange nicht mehr als Großmacht bezeichnen konnte, lassen wir außen vor). Jedes ag- gressive Vorgehen war also reiner Mutwille. Vor allem war Deutschland weder fähig noch willens, die ihm von den Angelsachsen "zugedachte" "Aufgabe" mit der nötigen Konsequenz wahrzunehmen. Daran sollte es letzten Endes scheitern.

 

 

Es lässt sich im folgenden in der Darstellung nicht vermeiden, zwischen verschie- denen Schauplätzen zu wechseln. Insbesondere für die Phase zwischen 1898 und 1902 möchte man meinen, dass die Ereignisse sogar eher einen "Weltkrieg" darstellen als der "Erste", der sich, von wenigen wesentlichen Ausnahmen abgesehen, hauptsächlich in Europa abspielte. Salisbury würde jetzt jedenfalls die Entwicklung beschleunigen.

 

 

 

 

Die Möglichkeit der Gegenwehr war deutscherseits durchaus geläufig, unter der Bezeichnung "Kontinentalblock". Gemeint ist die Linie Frankreich-Deutschland- Russland unter möglicher Einbeziehung weiterer Staaten. Aber allein schon die Wortwahl zeigt, dass es um ein defensives ("Block", der, wie wir wissen, blockiert werden kann) und beschränktes ("kontinental") Gebilde handelt, also nichts, was einer feindlichen aggressiven Geostrategie eine ebensolche entgegensetzen würde.

 

 

Tatsächlich sollte der "Kontinentalblock" nur ein einziges Mal erfolgreich zum Ein- satz kommen. 1894/95 waren das aufstrebende Japan und das wankende China miteinander in Krieg geraten, die Japaner siegten. Alle europäischen Staaten ver- hielten sich neutral. Bis Großbritannien (wer sonst?) plötzlich auf die japanische Linie umschwenkte. Da schlossen sich die kontinentalen Staaten Europas zusam- men und erreichten die teilweise Revision des Friedens von Shimonoseki (die Ähnlichkeit der Aktion mit der gegen den Frieden von San Stefano knapp 20 Jahre zuvor ist augenfällig). Nur, was wurde durch diesen Erfolg erreicht? Letzten Endes trieb man Japan nur noch weiter in die Arme der Angelsachsen und bestä- tigte britische Befürchtungen. Wilhelm II. erkärte später unvorsichtigerweise die Kontinentalblockpolitik ganz offen.

 

 

Vorangegangen waren britische diplomatische Vorhaltungen wegen Südafrika. Dass Deutschland dort wirtschaftliche Interessen hatte und die Burenstaaten mo- ralisch stützte, war weniger verwerflich als die Versuche der Briten, die burische Souveränität einzuschränken, die sie erst 1884 anerkannt hatten. Die gegensei- tigen Ressentiments fingen nun an, sich heißzulaufen. Als die Akteure des "Jame- son-Raids", einer illegalen, schlecht vorbereiteten und mit der britischen Führung nicht abgestimmten Aktion in Transvaal einzudringen versuchten und prompt ge- fangengenommen wurden, freute sich der Kaiser mit einem als "Krüger-De- pesche" bekannten Glückwunschtelegramm an den burischen Präsidenten und erntete Begeisterung bei seinem Volk. In Großbritannien dagegen wurden Jame- son und sein Freischärlerhaufen wie Helden gefeiert.

 

 

Dass sich diese und die folgenden britischen Aktionen gegen die Buren in Wirk- lichkeit gegen Deutschland richteten, hatte der Premierminister der britischen Kapkolonie Cecil Rhodes offen zugegeben. Eine Rhodes nahestehende Zeitung verstieg sich in der Folge zur unsäglichen Schlussfolgerung "Germania est delenda", weitere britische Blätter im Zuge der schmählichen Niederlage der Italiener gegen die Abessinier (Deutschland hatte nicht die Möglichkeit und auch keine Motivation, seinem Dreibundpartner in Kolonialfragen zu helfen) zu einer Spekulation über die Möglichkeit der Revision des Frankfurter Friedens (das war 1871!) durch Russland!

 

 

Wollte man es jemals wirklich wissen, so stand es da in gesetzten Lettern: die Be- gründung der britischen Politik (zumindest was Südafrika angeht), Deutschland (oder eine von Deutschland geführte Kontinentalblockkoalition) hätte sich, zu Lasten der Angelsachsen, mit burischer Hilfe in Südafrika festsetzen können, und die ins Auge zu fassende Abhilfe: Deutschland durch eine russisch-französische Koalition von der geopolitischen Bildfläche verschwinden zu lassen.

 

 

Vergleicht man die britische Pressehetze mit der sehr moderaten Reaktion der auf der Insel schreibenden Zunft auf die zeitähnliche und wesentlich unverschämtere Cleveland-Note wegen Venezuelas (s.o.), ist der Unterschied deutlich erkennbar. Schließlich hatte sich der Kaiser nicht in britische Interessen eingemischt, sondern sich über die Niederschlagung einer privaten kriminellen Unternehmung zufrieden gezeigt. Gleichzeitig gibt es Belege dafür, dass die ganze Sache keinen irgendwie zu fassenden "wirtschaftlichen" Grund hatte, die britische Pressekampagne statt- dessen aus geopolitischen Erwägungen heraus gesteuert war.

 

 

Dass "Germania est delenda" kein Ausrutscher war, sondern Teil eines bizarren publizistischen Kreuzzugs, zeigt die Wiederholung der These im September 1897: "Wenn Deutschland morgen ausgelöscht wäre, so würde es übermorgen keinen Engländer geben, der nicht um so viel reicher wäre." Meine Möglichkeiten der Kommentierung sind an diesem Punkt erschöpft.

 

 

 

In Europa kommt es im Sommer 1895 zu einem merkwürdigen Ereignis, das in der Darstellung von Rauh einen zentralen Punkt einnimmt. Für die Unterstellung, Salisbury wollte hier gleich Krieg auslösen, ist seine Vorgehensweise einfach zu durchsichtig. Nur, wenn Salisbury keinen Krieg auslösen wollte, was wollte er dann?

 

 

Sicher ist, dass es am 9. Juli 1895 eine Unterredung zwischen Salisbury und dem deutschen Botschafter Graf Hatzfeld gegeben hat. Hatzfeld wird von Grenville als gesundheitlich angeschlagener, fauler Intrigant dargestellt, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, die britische Politik über die deutschen Absichten und die deutsche Politik über die britischen Absichten falsch zu informieren. Von dieser falschen oder zutreffenden Charakterisierung Hatzfelds abgesehen muss Salis- bury bei der o.a. Besprechung irgend etwas gesagt haben. Ob Hatzfeld das nun missverstanden, überinterpretiert oder in aufgebauschter Form nach Berlin weiter- gegeben hat, mag dahingestellt sein. In Berlin kam jedenfalls an, Salisbury habe sich einen Plan zur Aufteilung der Türkei ausgedacht. Dieser sollte ausgeführt werden, bevor das schwer erschütterte Land ("Kranker Mann am Bosporus") endgültig zusammenbrach.

 

 

Dienst im Auswärtigen Amt hatte der übermisstrauische Geheimrat von Holstein. Der titulierte die Pläne, stammten sie nun von Hatzfeld oder von Salisbury, als "Balkanbrandprojekt", das bei Ausführung sogleich Krieg auslösen würde. Der angenommene Mechanismus der Kriegsauslösung war Holstein bekannt: ausge- hend von zwei Konstanten der europäischen Machtpolitik, nämlich Russlands Ver- größerungsdrang und Österreich-Ungarns unbedingtem Widerstand dagegen, musste zwischen beiden Mächten zum Krieg kommen, sobald dritte Mächte auf- hörten, Russland zu bremsen.

 

 

 

 

 

Holstein hat bei seiner Analyse nur eins übersehen: ein Krieg konnte nur dann entstehen, wenn die christlichen Mächte sich nicht abstimmten und eine chaoti- sche Situation auftrat. Würde es aber gelingen, Russland und Österreich-Ungarn zu koordiniertem Handeln zu bewegen, so wäre nicht nur der Krieg ausgeschlos- sen, sondern auch fürs Erste der Unruheherd Balkan unter Kontrolle.

 

 

Das hat jemand anderes begriffen, der zu Zeiten ungewöhnlich hellsichtige deutsche Kaiser Wilhelm II.. Was Rauh mit keinem Wort erwähnt, steht alles bei Grenville: Wilhelm ließ sich von Holstein nicht beirren und präsentierte Salisbury im Gegenzug ansatzweise ausgearbeitete Vorschläge, wie "dessen" Plan in die Tat umgesetzt werden könnte. Ob das nun das Ende der osmanischen Herrschaft gewesen wäre, wen im christlichen Europa hätte das gestört! Und wie reagierte nun Salisbury? Er wollte von allem nichts gewusst haben!

 

 

Ganz aus der Luft gegriffen haben kann Hatzfeld Salisburys Gedanken nicht. Ge- rade bei Grenville ist vor wie nach den oben ausgewerteten Stellen zu lesen, dass Salisbury sich mit Überlegungen zu einer britisch-russisch-französischen Allianz befasst hat, um die Türkei unter Druck zu setzen. Für diese spätere Entente war es in den 1890er Jahren aber noch zu früh. In zeitlichem Zusammenhang mit dem o.a. Gespräch hatte Salisbury auch an Russland den Vorschlag übermittelt, Druck auf die Türkei auszuüben, und später diese Vorgensweise gegenüber dem Zaren bei dessen Besuch in Balmoral 1896 wiederholt.

 

 

 

 

Zum einen mag aus diesen Details beurteilt werden, ob das Folgende authen- tisch oder wieder dem "intriganten Hatzfeld" zuzuschreiben ist, zum anderen da- raus, wie später verfahren wurde, nämlich genau so, wie in einer weiteren Unter- redung zwischen ihm und Salisbury skizziert. Würde Großbritannien die Bremse gegenüber Russland lösen und sich so elegant wie einfach von den Dardanellen zurückziehen, läge es an Österreich-Ungarn und Deutschland, sie zu verteidigen, eine Bürde, die sich die Mittelmächte im Zuge des Berliner Kongresses 1878 mut- willig aufgeladen hatten. Dass der große europäische Krieg die Folge wäre, muss- ten alle Beteiligten wissen, und in etwa so kam es schließlich auch.

 

 

Praktisch gleichzeitig mit dem zweiten Gespräch zwischen ihm und Hatzfeld warn-

te Salisbury in einer Rede in der "Guildhall" vor dem "Horror des Krieges". Ein Kabinettskrieglein vergangener Jahrunderte kann er nicht gemeint haben, son- dern den großen, erbarmungslosen Krieg. Wenigstens aus dem Kontext heraus sind also Salisburys Äußerungen als Eingeständnis von Kriegsabsichten zu bewerten, und zwar nicht von begrenzten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es ist aber, und da stimme ich Rauh wieder voll zu, müßig zu fragen, ob Salisbury tatsächlich schon zu diesem Zeitpunkt Krieg auslösen wollte oder dazu beizutra- gen, ihn längerfristig zu ermöglichen. Die anderen Mächte gingen jedenfalls nicht auf seine Absichten ein, der Krieg war erst einmal verschoben. Man mag vielleicht mutmaßen, dass Salisbury genau das erreichte, was er erreichen wollte, nämlich eine tiefe Verstimmung zwischen Deutschland und Großbritannien. Wilhelm war jedenfalls erbost, dass Salisbury ihn an der Nase herumgeführt hatte, und über die deutsch-britischen Beziehungen fiel ein Schatten, der sich erst 50 Jahre spä- ter, mit dem Ende des zweiten Weltkriegs, wieder heben sollte.

 

 

 

 

 

Man könnte nun richtigerweise einwenden, der britische Rückzug von den Darda- nellen reicht zur Kriegsauslösung allein nicht aus. Denn noch existierte das euro- päische Gleichgewicht, mit dem sich die Mächte gegenseitig in Schach hielten. Russland hatte die angeblich günstige Gelegenheit nicht ausgenutzt und sich zu keinem Abenteuer verleiten lassen. Um zum Krieg zu kommen, musste erst das europäische Gleichgewicht zerstört werden. Das war Ende der 1890er Jahre für Großbritannien noch nicht möglich, die Wunschpartner hierfür, Frankreich und Russland, waren ihm bis dahin noch feindlich gesonnen. Dass Salisbury sie zur Zerstörung des europäischen Gleichgewichts für Großbritannien gewinnen wollte, hat er zu verschiedenen Gelegenheiten einerseits durch Aktionen bewiesen, an- dererseits (im Zuge der gescheiterten deutsch-britischen Bündnisverhandlungen 1901, siehe "Wahre Sympathie"-Zitat in "Kriegsgeständnisse") offen zugegeben.

 

 

Der britische Rückzug von den Meerengen musste allerdings erst noch endgültig vollzogen werden. Dass Salisbury ihn wollte, haben wir bereits gesehen. Seine antitürkische Einstellung ist darüber hinaus bekannt. Er war ein Kritiker des Krim- kriegs gewesen und hatte gemeint, mit dem britischen Engagement zugunsten der Türkei hätte man "aufs falsche Pferd gesetzt".

 

 

 

Dass die anderen Mächte die kürzerfristige Konsequenz aus Salisburys Plänen, nämlich Krieg, erkannten und durchkreuzten, ist oben formuliert. Die längerfristige bestand aber darin, sich auf türkische Kosten mit Russland zu verständigen. Dazu war Russland in den 1890er Jahren aber noch nicht zu bewegen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nicht ins Bild passt hier die Darstellung von Grenville, Salisbury hätte im Zuge der Ereignisse von 1895 die Meerengen im traditionell-britischen Sinn halten wollen, sich aber gegen die Admiralität und sein Kabinett nicht durchsetzen können. Das entspricht sicher den Fakten, aber mit Hilfe Deutschlands und Österreich-Ungarns wäre eine solche Politik, wie 1878, für Großbritannien auf jeden Fall erfolg- versprechend gewesen. Diese Möglichkeit hat Salisbury aber intern nicht kommuniziert. Stattdessen machte er sie durch Herauslösen Großbritanniens aus der Mittelmeerentente (den Vertrag hatte er 1887 selbst unterzeichnet) zunichte. Der Schritt war notwendig, um die Bindungen Großbritanniens zum Dreibund zu zerschneiden und letzten Endes zur Tripel-Entente zu kommen.

 

 

 

 

 

Richtig ist, dass die formelle Nichterneuerung des Abkommens auf österreichisch- ungarische Initiative unterblieb. Aber erst, nachdem die britische Regierung sich geweigert hatte, die sich aus dem Abkommenstext ergebenden Konsequenzen auf sich zu nehmen: nämlich Konstantinopel gemeinsam mit Österreich-Ungarn zu verteidigen (von einer von Österreich-Ungarn lt. Grenville geforderten "Erwei- terung" des Abkommens kann laut vorliegenden Texten keine Rede sein).

 

 

 

 

 

Weshalb sich Grenville so bemüht, Hatzfeld zu dem Gespräch vom Juli 1895 eine Intrige zu unterstellen, bleibt unverständlich, wenn man sich vor Augen führt, dass Salisbury denselben Plan im November 1896 in einem Rundschreiben an die Mächte in alle Welt hinausposaunt hat. Was macht es für einen Unterschied, ob dabei eine Aufteilung der Türkei oder was auch immer dabei herauskommen soll- te? Weisen wir an dieser Stelle noch einmal auf die gegenüber Hatzfeld geäußerte Kriegsabsicht hin: würde Russland sich im Zuge der Handlungen die Meerengen holen, würde Großbritannien gar nichts dagegen tun, aber Öster- reich-Ungarn könnte das nicht dulden und würde dabei sicher von Deutschland unterstützt werden. Was nichts anderes als den großen Krieg bedeutet hätte.

 

 

Aber eine vernünftige Interpretation von Salisburys Plan, wie sie der Kaiser 1895 angestellt hatte, war den Mächten nicht ungelegen. Zunächst lässt sich Ös- terreich-Ungarn, dann auch Russland für Salisburys Plan erwärmen. Nach Kon- stantinopel wird eine Botschafterkonferenz einberufen, die dem Sultan ein Re- formprogramm aufdrücken soll. Salisbury meint scherzhaft zu Hatzfeld, er könne gerne eine Weltreise absolvieren, bis die Konferenz ein Ergebnis zeitigt. Aber da irrt er sich, die Konferenz ist unerwartet erfolgreich.

 

 

So war das jedoch von Salisbury anscheinend nicht geplant gewesen. Eine Über- einkunft der Mächte auf türkische Kosten hätte den Gegensatz zwischen ihnen auf dem Balkan, der als Kriegsauslöser vorgesehen war, kitten und die von Salis- bury gefürchtete Dreikaiserpolitik wiederbeleben können. Spekulativ ist, was nun hinter den Kulissen zwischen London und Athen passierte, denn nun drohte Grie- chenland, dessen Herrscherhaus mit dem britischen dynastisch eng verbunden war, mit Aggression gegen die Türkei. Nur eine Macht hätte Griechenland stoppen können: Großbritannien. Britische Schlachtschiffe vor Piräus hätten sicher Ein- druck gemacht und die Griechen zum Innehalten veranlasst. Aber Salisbury fand eine Möglichkeit, nichts tun zu müssen. Die Griechen griffen an und wurden von den Türken, die ihre Armee mit deutscher Hilfe reorganisiert hatten, geschlagen. Durch den ersten militärischen türkischen Erfolg seit langem hatte es der Sultan vorübergehend nicht mehr nötig, fremde Einmischung zu dulden. Die Ergebnisse der Konferenz wurden nicht umgesetzt, und Salisburys schöner, schauriger Plan war vom Tisch.

 

 

 

Der Rückzug Großbritanniens von den Meerengen war nun endgültig. Mit der Hilfe für die Türkei hatte sich Deutschland selbst ausgetrickst, der Kaiser, der 1898 vom Sultan mit allem Pomp empfangen wurde, konnte sich nun als "Meister der Meerengen" aufspielen. Deutschland, das ohnehin in einer französisch-russ- ischen Zwickmühle saß, geriet hier in eine britisch-russische, ohne selbst Vorteile daraus ziehen zu können.

Die Einleitung zu diesem Kapitel besteht aus persönlichen Einschätzungen, die sich in viel- fältiger Form auch andernorts finden oder be- reits in früheren Kapitel besprochene Sachver- halte zusammenfassen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dass Bismarcks "System der Aushilfen" vor dem Zusammenbruch stand, wird als "For- schungskonsens" beispielsweise hier http://www.geschichtsforum.de/f58/nichtverl-ngerung-des-r-ckversicherungsvertrages-mit-russland-31698/index4.html behauptet, freilich ohne konsentierende Forscher zu nen- nen. <Nachtrag 19.02.2017> Ein passendes Zitat liefert Heinrich August Winkler in seinem Aufsatz "Die deutsche Abweichung vom Wes- ten. Der Untergang der Weimarer Republik im Lichte der Sonderwegs-These", S. 131, selbe

Schrift wie Literaturhinweis "Pyta" im 4. Kapitel

zum 3. Teil.

 

 

 

 

 

 

 

So weit die dahingehende, vom Botschafter in Russland Schweinitz stammende Selbstdar- stellung Caprivis authentisch ist, schreibe ich es eher seiner überloyalen Persönlichkeit zu. Er wollte auf seinen Vorgänger nicht den Schatten eines Zweifels fallen lassen (persönliche Ein- schätzung).

 

 

Zum Ende des Rückversicherungsvetrags sehr ausführlich Oncken, S. 386 - 396.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Oncken, S. 389: "Man fürchtete, ...äußersten- falls zur Preisgabe Österreich-Ungarns genö- tigt werden zu können."

 

 

 

 

 

 

Elefanten-Metapher in Bezug auf Russland bei Oncken, S. 311: "...es werde [hoffentlich] gelin- gen, den russischen Elefanten so zu leiten, daß er kein Unheil bei seinen täppischen Bewegun- gen anrichten könne."

 

 

 

 

 

 

 

Helgoland-Sansibar-Vertrag Oncken S. 393ff.,

Besuch des Kaisers in England ds. S. 397.

 

 

 

 

Oncken, S. 400f.

 

 

 

 

Oncken, S. 403.

 

 

 

Oncken, S. 407f.

 

Militärkonvention Oncken, S. 401, abschließen- de Abkommen ds. S. 407.

 

 

 

 

 

 

Gleichgewichtsüberlegungen lt. Rauh, S. 32.

 

 

 

 

Rauh, S. 39.

 

 

Gemeint ist der Essequibo in Guyana. Lassen Sie sich dazu unten überraschen.

Im folgenden werden wir uns auf ein weiteres Buch stützen, das zu den Quellen von Manfred Rauh gehört, nämlich "Lord Salisbury and for- eign policy, the close of the nineteenth century" von John Grenville, Athlone Press, London 1964.

Hinter Grenville verbirgt sich der deutsch-jüdi- sche Emigrant Hans Grubauer, was vielleicht

die eine oder andere Spitze gegen deutsche Ak- teure in seinem Werk erklärt. Dennoch ist es für unsere Zwecke äußerst wertvoll.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zur Situation Großbritanniens an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert ausführlich Neit- zel, Kriegsausbruch, S. 37ff.

 

Eine Verbesserung der stategischen Lage ge- genüber Frankreich ist höchstens in der Fest- setzung der Briten in Ägypten zu sehen.

 

 

 

 

 

Es gab bereits im Februar 1895 eine amerikani- sche Kongressresolution zur schiedsgericht- lichen Behandlung der Frage. Salisbury kann also den Inhalt längst gekannt haben, als er mit dem deutschen Botschafter Hatzfeld in das Ge- spräch Anfang Juli 1895 ging und die Amerika- ner Ende Juli in London offiziell vorstellig wur- den.

 

Nach venezolanischen Vorstellungen hätte der Essequibo, der mitten durch Guyana fließt, die Grenze sein sollen, Grenville, S. 59. Amerikani- sche Anmaßung ds., S. 60.

 

 

 

Salisburys sorgfältige Antwort s. Grenville, S. 60ff. Darauf heftige Reaktion des amerikani- schen Präsidenten: Cleveland-Note an den Kon-

gress vom 17.12.1895, ds. S. 65.

 

Nachgeben des britischen Kabinetts ds., S. 67ff.

 

Beilegung der Krise ds. S. 72.

 

 

Einschätzung der Krise als "somewhat synthe- tic" durch Grenville, S. 55.

 

Auswirkungen ds.., S. 73.

 

 

 

Diese meine Thesen gehen auf Manfred Rauh zurück. Beurteilen Sie die Stimmigkeit selbst anhand meiner weiteren Argumentation.

 

Der britische Kolonialminister Joseph Chamber-

lain sieht die amerikanisch-britische Allianz als "eines Tages einen entscheidenden Faktor in der Welt", Grenville, S. 56.

 

 

Eine Fassung dieser Argumentation reicht über die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert hin- aus, es handelt sich um die "Herzland-Theorie" von Halford John Mackinder aus dem Jahr 1904.

Wie bereits früher argumentiert, kann davon ausgegangen werden, dass derartige Ideen in interessierten Kreisen der angelsächsischen Welt kursierten, und zwar bereits vor Mackind- ers Veröffentlichung.

<Nachträgliche Einfügung 11.05.2016>

Nachweis der Chimärenfurcht (s.a. "Great Ga- me") s. Abschnitt bei "Wormer", "Weiterführen- de Literatur".

Die Zusammenhänge zwischen diesen Kriegen sind für das Verständnis dieser Schrift entschei-

dend.

 

 

 

 

 

 

 

 

Oncken, S. 433. "Salisbury, der Beschleuniger", 1895 zum dritten Mal Premier, sollte die sich für Großbritannien aus dem russisch-französischen

Bündnis 1892/94 und dem sich abzeichnenden Schulterschluss mit den USA ergebenden Mög- lichkeiten erkennen und nutzen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Diese britische Aktion ging noch auf Salisburys Vorgänger im Amt Lord Rosebery zurück. Die deutsche diplomatische Reaktion gegenüber Japan war ungebührlich scharf (Oncken, S. 430f).

 

 

Wilhelms II. Erklärung ds. S. 438f.

 

 

 

 

Oncken, S. 437.

 

 

 

 

Rezeption der Krüger-Depesche in Deutschland

Oncken, S. 440, des Jameson-Raids in Groß- britannien Grenville, S. 102. Salisbury nimmt die südafrikanische Krise mit Zufriedenheit auf, ds. S. 103.

 

 

Zu Rhodes Oncken, S. 440.

"Saturday Review", Oncken, S. 444.

 

"Daily Telegraph" und "Times", Oncken, S. 445.

 

 

 

 

 

 

 

 

Einschätzung der Presseaktivität bei Grenville,

S. 66.

 

 

 

Oncken, S. 447f. Wie insgesamt "wirtschaftli- che" Begründungen für die Weltkriege fehlge- hen.

 

 

"Saturday Review", Oncken, S. 448.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Beginn des britischen Vorgehens bei Rauh, S. 34f.

 

 

 

Gespräch Salisbury - Hatzfeld s. Grenville, S. 33. Charakterisierung Hatzfelds ds., S. 32.

 

 

 

 

 

 

 

 

Charakterisierung Holsteins Grenville, S. 34. Holsteins generelle Einschätzung als Misanthrop

ist unumstritten. Dass Hatzfeld und Holstein mit ihren Beurteilungen richtig gelegen haben, zeigt die wörtliche Wiederholung der "Kriegsabsich- ten" durch Salisbury später. Alles bei Grenville nachzulesen, weshalb nicht nachvollziehbar ist, warum er Hatzfelds Bericht als "Intrige" einqua- lifiziert.

Österreich-Ungarn konnte phasenweise sehr kooperativ sein, wird wie der andere Vorwärts- verweis unten im Kapitel "Hätte Deutschland ei- ne Alternative gehabt?" behandelt.

 

 

 

 

 

 

 

 

Des Kaisers Vorschläge an Salisbury bei Gren- ville, S. 39ff.

 

 

 

Bereits Rosebery hatte eine britisch-russisch- französische Koalition gegen die Türkei gesch- miedet, die dann nicht zum Zuge kam (Grenvil- le, S. 28). Salisbury befürchete, diese Koalition würde unter dem Druck auf den Sultan wieder zerbrechen (ds. S. 29).

Das Angebot Salisburys an Russland vom 5.8.

1895, gegen die Türkei vorzugehen, wies der russische Außenminister Lobanow glatt zurück (Grenville, S. 30).

Wiederholung des Angebots an den Zaren ds. S. 79.

 

 

Grenville, S. 87f: "Hatzfeld asked him, what, then, would Britain do if Russia attempted to size the Straits? Salisbury replied that since the British fleet could not longer pass the Straits at the touch of the telegraph, he would calmly wait to see what the other powers would do; Austria, Salisbury surmised, could not allow Russia to occupy the Straits, and Germany no doubt would aid her ally."

 

 

Die "Guildhall" ist das traditionelle Rathaus Lon- dons. Salisbury sagte unter anderem: "If they [die europäischen Mächte] are not willing to act, if they object to the policy of isolated action, you run the great risk not only of failing in the under- taking which you have in hand but of bringing about the collision of feeling and of policy which would produce the frightfull horrors of a Europe- an war". Grenville, S. 86.

Das widerspricht sich, ist es doch oben die un- abgestimmte, isolierte (russische) Aktion, die in den Krieg führt. Wie dem auch sei, der Horror bleibt, an dem Punkt weiß Salisbury, wovon er redet.

Die Rede in der Guildhall und das "zweite" Ge- spräch mit Hatzfeld müssen zwischen Mitte No- vember und Anfang Dezember 1896 stattgefun- den haben.

 

 

"Salisburys Strategie war langfristig angelegt, unabhängig von der Frage, ob es auf dem Balkan sofort zum Krieg kam." Rauh, S. 36.

 

 

Zitat der Gefühle des Kaisers in Bezug auf Sa- lisburys Kneifen von 1895 Grenville, S. 43. Ohne konkretes Zitat erlaube ich mir festzustellen, dass durch Salisburys Aktionen der Argwohn im deutschen Außenamt gegenüber Großbritannien ungewöhnliche Dimensionen angenommen hatte.

 

 

 

 

 

 

 

 

Zum Beispiel durch seine Flotteneinladung, s.o..

 

 

 

Beispielsweise bei Hoyer, S. 130, 142. Auch Grenville sieht den Krimkrieg als "Stoß in den Rücken der indischen Front" (S. 25). "Backed the wrong horse" ebd.. Dagegen soll Hatzfeld eine entsprechende Äußerung Salisburys mal wieder missverstanden haben (S. 37).

 

Im November 1895 will Salisbury wieder Aktio- nen aller Mächte gegen die Türkei (Grenville, S. 47). Kolonialminister Joseph Chamberlain ver- sucht sogar - die venezolanische Affäre nähert sich erst noch ihrem Höhepunkt - die USA in der türkischen Affäre ins Spiel zu bringen und sich für Russland im Zusammenwirken gegen den Dreibund als stärker zu positionieren. Eine Neu- auflage der Dreikaiserpolitik (die die deutsch-russische Verbindung einschließt) wird befürch- tet (Grenville, S. 52).

 

Es ist schwer zu verstehen, warum die Russen in dieser Phase die Türkei stützen. Vermutlich war ihnen die Verstärkung ihres Engagements in Ostasien wichtiger (ds. S. 83).

 

Lobanow verdächtigte die Briten, die armeni- schen Aufstände (die den Hauptteil der türki- schen Schwierigkeiten 1895 ausmachten) über- haupt erst angezettelt zu haben. Den Plan eines britisch-russischen Konstantinopel-Kondomini- ums hält er für "perfide" (Grenville, S. 49). Die Mächte misstrauen sich bereits so sehr, dass jede gemeinsame Aktion zugunsten der Arme- nier das Gleichgewicht zerstören könnte (ds. S. 52).

 

1896 erklärt der Zar die Aufgabe, die Türkei zu befrieden und zu regieren, für nicht hinnehmbar (Grenville, S. 81). Nur, hätte man ihm das pas- sende Angebot gemacht, er bekommt die Dar- danellen und kann die christlichen Armenier in sein Reich integrieren, hätte er dazu nein sagen können?

 

 

Interne britische Diskussionen 1892 lt. Grenville, S. 25ff. Die Admiralität meinte damals noch, erst die französische Mittelmeerflotte versenken zu müssen, bevor sie Konstantinopel halten kann. Dass Salisbury 1895 wieder oder noch immer an den Meerengen festhielt, halte ich für Gren- villes eigene Schlussfolgerung (S. 42). Im Übri- gen ist der Nachweis der Geradlinigkeit des Handelns einer betrachteten Person vom Histo- riker nicht zu fordern. Der Erste Seelord Go- schen bleibt 1895 bei der Position drei Jahre zu-

vor (Grenville, S. 51f). 1896 ist Salisbury bereit, unter bestimmten, nicht näher spezifizierten Be-

dingungen eine russische Kontrolle der Meeren- gen zu akzeptieren (S. 82).

 

Grenville, S. 52.

 

 

Ein dem österreichisch-ungarischen Außenmi- nister Goluchowski zugeschriebenes "extend", Grenville, S. 51, erschließt sich nicht. Der Ab- kommenstext (siehe hier, danke an geschichts- forum.de, Originalquelle Pribram, The Secret Treaties of Austria-Hungary 1879-1914) bein- haltet die Verteidigung Konstantinopels.

 

 

 

Salisburys Zirkularschreiben s. Grenville, S. 83ff.

 

 

 

 

 

 

 

Österreichisch-ungarische Zustimmung Gren- ville S. 85, russische ds. S. 85/88.

Botschafterkonferenz Grenville, S. 88f. Ein "Ob- erster Rat" zur Überwachung der Sultansherr- schaft wird beschlossen. Scherz und Irrtum Salisburys ds. S. 89.

 

 

 

 

 

 

Griechisch-türkischer Krieg s. Grenville, S. 89ff.

Die Mächte beschlossen eine Blockade der grie-

chischen Häfen, unternahmen aber (vermutlich angesichts der britischen Übermacht im Mittel- meer) nichts ohne die Briten. Salisbury setzte gegen sein pro-griechisch eingestelltes Kabinett die Lösung durch, dass Großbritannien der Blo- ckade zustimmt, sich aber daran nicht aktiv be- teiligt (Grenville, S. 92). Ds. türkischer Erfolg auf Grund deutscher Anleitung.

 

 

 

 

Sean McMeekins Buch "The Berlin-Baghdad Express. The Ottoman Empire and Germany’s Bid for World Power." Belknap Press of Harvard University Press, Cambridge 2010 beginnt mit der Episode des Staatsbesuchs.

Der Kaiser "emerged as the champion of the Sultan and his dominions", Grenville, S. 94.