1 - 4 - Kriegsgeständnisse

© Holger Bergmann 2015 - 2018

Vom Gleichgewicht zur Einkreisung: Großbritannien und die USA stellen die Weichen zum Ersten Weltkrieg. Teil 3: Kriegsgeständnisse britischer Politiker

Wenn man jemanden in einem engen Hof einsperrt, wird er das zunächst einmal nicht sehr angenehm finden. Wenn man ihn dann auch noch mit Gegenständen bewirft, wird er vermutlich mit noch mehr Energie versuchen, sich aus dieser misslichen Lage wieder zu befreien. In den vorherigen Kapiteln haben wir gesehen, wie sich die Isolationspolitik gegenüber Deutschland (seinen einzigen Verbündeten Österreich-Ungarn muss man immer stillschweigend einbeziehen) vollzogen hat. Diese Einkreisung mag unangenehm gewesen sein, das Ende der Entwicklung bedeutet sie aber längst nicht.

 

Wir haben weiter in den vorherigen Kapiteln gesehen, dass die angelsächsischen Mächte vom Mittel des Krieges keinen Abstand nahmen. Sie haben ihn selbst geführt, ermöglicht oder zu einem für sie passenden Ende gebracht. Alles im Rah- men einer Globalstrategie, zu deren endlichem Erfolg das größte und wichtigste Stück allerdings noch fehlte. Eine weitere Konstante der Entwicklung sollte sich ebensowenig verändern: dass die sich über Jahrzehnte hinziehenden Vorgänge von immer neuen Generationen von Politikern, auch unterschiedlicher Parteizu- gehörigkeit, bruchlos fortgesetzt wurden.

 

Ende 1905 war das konservative Kabinett mit Balfour und Lansdowne abgetreten und hatte einer liberalen Regierung Platz gemacht. Der neue Premier Campbell-Bannerman war an Außenpolitik wenig interessiert. Die überließ er seinem Außenminister, Edward Grey. Als "würdiger" Nachfolger Salisburys, mit dem kontinuitätswahrenden Zwischenschritt über Lansdowne, war nun Grey der führende britische Kopf, der das Land den Weg in den Ersten Weltkrieg konse- quent weiter beschreiten lassen sollte.

 

 

Dabei war Grey zum Außenminister nicht unbedingt qualifiziert. Zu seiner Charak- terisierung erlaube ich mir ein längeres Zitat aus Oncken: "Der neue Außenminis- ter Sir Edward Grey war kein Staatslenker von weitem Blick und großem Stil. Er besaß nur eine geringe außenpolitische Erfahrung; er hatte wenig von der Welt gesehen und ebensowenig gelesen; er sprach nicht französisch und entbehrte einer eigentlichen Geistigkeit; seine Kritiker mochten ihm vorhalten, daß er das Rote Meer mit dem Persischen Meerbusen verwechselte oder die Rheinmündung nach Deutschland verlegte. Aber er besaß Erscheinung und Haltung, alle Vorzüge eines typischen englischen Gentleman, war ein glänzender Redner, und beherr- schte in der diplomatischen Kunst die Vorsicht des unverbindlichen Wortes, als wenn er sie schon ein ganzes Menschenalter geübt hätte. Wenn er vom Auslande überhaupt eine ganz ungenügende Vorstellung hatte, so entbehrte er - und das ist von seinem Freunde Haldane bezeugt! - nicht nur jeder Kenntnis deutschen gei- stigen Lebens, sondern er hegte ernste Zweifel, ob die Deutschen wirklich gute Menschen seien. Bei dieser Grundlage war er bedingungslos dem Kreise deutschfeindlicher Politiker ausgeliefert, den er im Foreign Office vorfand, und wenn irgendetwas dazu beitrug, aus seinen Vorurteilen ein festes System zu ma- chen, so war es der Augenblick, in dem er in die Politik, zurückkehrte."

Nicht umsonst war Greys erste "Glanztat" das entschiedene (und mit entschei-dende) britische Auftreten zugunsten Frankreichs auf der Algeciras-Konferenz.

 

Die Liberale Partei war dabei durchaus uneinheitlich gestaltet. Teile davon muss- ten als pazifistisch und dem König sowie den aggressiven Außenbeamten als unsichere Kantonisten gelten. Der frühere Premier Rosebery, Grey, Asquith und Haldane führten aber den imperialistischen Flügel der Liberalen an , insbesondere Grey galt dem Außenamt als der richtige Kandidat. Er, Asquith und Haldane soll- ten im neuen Kabinett Schlüsselpositionen besetzen, Asquith als Schatzkanzler und Haldane als Kriegsminister. Die beiden letzteren galten zu Zeiten durchaus als deutschfreundlich, aber Grey hielt sie auf Kurs. Im Gegensatz zu den Im- perialisten "ausgesprochene" Liberale wurden auf rein innenpolitische Posten ab- geschoben. Bei wem dies nicht klappte, war Rosebery. Er wechselte die Seite und begann so heftig wie erfolglos, gegen den Kriegskurs zu opponieren.

 

 

 

 

Unterdessen baute der deutschfeindliche Flügel im Außenamt, geführt von Bertie und Hardinge, dem Grey nach Oncken "ausgeliefert" war (s.o.), seine Macht- position weiter aus. Hardinge wird Ständiger Unterstaatssekretär (und löst dabei den deutschfreundlichen Sanderson ab), Mallet Privatsekretär Greys. Für den Aggressionskurs ist also in Form der "Liberalen Liga" (Grey, Asquith, Haldane) und den antideutschen Beamten doppelt gesorgt.

 

Es sind jetzt sicher zwei Paar Stiefel, ob man von Aggression nur redet oder sie tatsächlich vorbereitet. Moralisch ist sicher das Letztere das Gravierendere. Aber auch, wenn nur Worte fielen, so sind sie doch für meine hier vorgenommene Ar- gumentation wichtige Zeugenaussagen, insbesondere, wenn sie von Beteiligten wie solchen aus dem Kreis der oben Angeführten stammen. Einerseits wurde dabei direkt vom Krieg gesprochen, andererseits vom Gewinnen einer überlegen- en Position, die den Unterlegenen nur die Wahl zwischen Unterwerfung und Ge- genaggression lässt. Die meisten dieser Blitzlichter sind dabei bereits bei Manfred Rauh enthalten, ich habe sie hier aus Übersichtlichkeitsgründen sachlich zusam- mengefasst. Wie der Leser sich denken kann, blieb es nicht bei Worten. Die kon- kreten Aggressionsplanungen finden sich im Kapitel "Die Angriffsbündnisse gegen Deutschland". Der Vollständigkeit halber müssen wir zunächst noch einmal in die Regierungszeit Salisburys zurückgehen.

 

 

An erster Stelle steht der von Geheimrat Holstein als "Balkanbrandprojekt" titulier- te "Vorschlag" Salisburys zur Aufteilung der Türkei von 1895/96, der bereits im ersten Unterkapitel zu diesem Kapitel hier breiten Raum eingenommen hat. Wie- derholt sei der von Salisbury skizzierte Mechanismus zur Kriegsauslösung: würde Russland sich die Meerengen holen, würde Großbritannien gar nichts dagegen tun, aber Österreich-Ungarn könnte das nicht dulden und würde dabei sicher von Deutschland unterstützt werden. Was nichts anderes als den großen Krieg bedeutet hätte. Auch wenn die anderen Mächte so schnell nicht zum Krieg zu be- wegen waren, bis zu dessen Beginn sollten noch fast 20 Jahre vergehen, Salisbury gibt offen zu, worauf seine und die Politik seiner Nachfolger letzten Endes hinausläuft.

 

Ebenso bereits erwähnt wurde, im zweiten Unterkapitel zu diesem Kapitel hier, eine Verlautbarung des Kolonialministers Chamberlain in einem Memorandum vom September 1900, inhaltlich ging es um die deutsch-britischen China-Ver- handlungen. Die entscheidenden Sätze lauten: "In China wie anderswo liegt es in unserem Interesse, dass Deutschland sich Rußland in den Weg wirft. Was wir befürchten müssen, ist ein Bündnis zwischen Deutschland und Russland, das die Mitarbeit Frankreichs zur Folge haben würde. Der Zusammenstoß deutscher und russischer Interessen, ob in China oder Kleinasien, würde eine Garantie für unse- re Sicherheit sein." Man muss dazusetzen, dass Chamberlain wenigstens zeitwei- se ein britisch-deutsches Bündnis favorisierte. Aber ob mit oder gegen Großbri- tannien, das Schreckgespenst war dasselbe wie je, nämlich die russisch-deutsche Verbindung, und das Mittel dagegen war, einen russisch-deutschen Konflikt anzu- zetteln. Dessen Folgen wurden von der britischen Führung also also mindestens billigend in Kauf genommen.

 

Dass aus einem britisch-deutschen Bündnis nichts wurde, war, wie wir noch se- hen werden, an entscheidender Stelle Salisbury zu verdanken. Im Mai 1901 führte er aus: "Nicht einmal im Revolutionskrieg [gemeint ist der Amerikanische Unab- hängigkeitskrieg] und sonst waren wir je in Gefahr." Der große Staatsmann ver- neint nicht mehr und nicht weniger als jede Gefährdung Großbritanniens durch Deutschland oder Russland oder einer Verbindung der beiden. Eben auch im Burenkrieg war eine Verbindung der kontinentalen Mächte gegen Großbritannien nicht möglich gewesen. Worum es ihm, und der britischen Außenpolitik insge- samt, tatsächlich ging, schrieb er "wenige Monate später" an Lansdowne: "Ich bin der Meinung - und ich habe sie schon lange vertreten - daß engere freund- schaftliche Beziehungen zu Rußland zweckmäßig wären. Die Staatsmänner un- serer Länder wissen sehr wohl, daß eine wahre Sympathie zwischen Rußland und England die anderen Mächte in eine untergeordnete Stellung drängen würde". Nicht allzu lange vorher, im Juni 1900, hatte Salisbury noch detailliert vor der rus- sichen Bedrohung Indiens gewarnt. Die Umgestaltung der globalen Machtverhält- nisse, von der Salisbury im Satz vorher spricht, würde demnach die russische Be- drohung Indiens gleich mit erledigen. Nach Salisburys Eskapaden von 1895/96 kann man davon ausgehen, dass er im Kalkül hatte, welche "andere Macht" sich das "Drängen in eine untergeordnete Stellung" nicht gefallen lassen würde und konnte, nämlich "die,...,", so Oncken, "deren Bündnis er verwarf".

 

Noch im Zuge der deutsch-britischen Bündnisverhandlungen, im Spätherbst 1901, stellt Lansdowne fest, dass der "casus foederis" bei einem Bündnis Großbritan- niens mit Deutschland viel wahrscheinlicher ist als im Fall des (zu dem Zeitpunkt ebenfalls debattierten) Bündnisses mit Japan. Was der britische Staatsmann hier erkennt, ist, dass das Spielen mit dem europäischen Gleichgewicht, das immer zur Disposition steht, wenn Großbritannien sich auf eine der beiden Seiten stellt, das Spielen mit dem Krieg bedeutet. Nach Salisburys Sohn Lord Cranborne (so Monger, bei Grenville ist es Bertie, der das ausdrückt), muss Deutschland Groß- britannien auch ohne Bündnis helfen, würde letzteres von Frankreich oder Russ- land angegriffen. Deutschland schützt also Indien schon per bloßer Existenz als Großmacht, was sogar britische Intrigen im Sinne Chamberlains oben überflüssig machen würde. Großbritannien ist nach Bertie dabei immer der lachende Dritte, kann also das Machtspiel nach Belieben gestalten.

 

David Lloyd George, ein weiterer liberaler Politiker, der im Krieg Asquith als Pre- mier folgen sollte, schreibt in seinen Memoiren: "An dem Tage im Jahre 1904, an dem der englisch-französische Bündnisvertrag [die Entente cordiale] bekannt- gemacht wurde [abgeschlossen 8. April 1904], kam ich zu einem kurzen Besuch zu Lord Rosebery nach Dalmeny. Seine erste Begrüßung war: „Sie sind wohl mit diesem französischen Vertrag ebenso zufrieden wie die anderen auch?“ Ich versicherte ihm, es erfülle mich mit großer Befriedigung, daß unsere knurrigen und bissigen Beziehungen zu Frankreich endlich ein Ende gefunden hätten. Er erwiderte: „Sie irren sich sehr. Dieser Vertrag bedeutet den Krieg mit Deutschland!“"

Sachlich gesehen hat Rosebery natürlich nicht recht, die Entente cordiale ist nur eine kleine Schlaufe in einem großen Geflecht, das ich mit dieser Schrift durch- schaubarer machen möchte. In der Konsequenz liegt Rosebery aber sehr wohl richtig. Sein Ausspruch bedeutet nicht mehr und nicht weniger als die Übernahme der Kriegsschuld durch einen hochrangigen britischen Politiker!

 

Im Zuge der Ersten Marokkokrise im April 1905 freuen sich Mallet und Admiral Fisher auf "einen Gang mit Deutschland". "Marokko" ist laut Fisher sogar nur ein Vorwand; inhaltlich wäre, auch aus seiner Sicht, ein marokkanischer Hafen für Deutschland durchaus drin gewesen. Auf Fishers berüchtigtes "Kopenhagen-Zitat" kommen wir im Kapitel "Die Angriffsbündnisse gegen Deutschland" zu sprechen, da es mit konkreten Aggressionsplanungen zusammenhängt.

 

Im Oktober 1905 attackiert Rosebery weiter die Entente cordiale, die zu "bitterer Feindschaft" zu Deutschland führt. Auch Cranborne, inzwischen 4. Marquess of Salisbury, ist nun dagegen. Noch einer meint opponieren zu müssen, und zwar Grey, allerdings gegen Rosebery: "Rosebery hat Unrecht wegen Deutschlands, und ich empfinde das so stark, dass ich opponieren werde, koste es, was es wolle, wenn eine Regierung uns ins deutsche Netz zurückschleppen will."

 

Der Leiter der Europaabteilung des britischen Nachrichtenwesens Robertson hält im März 1906 einen bewaffneten Konflikt zwischen Deutschland und Großbritan- nien für zwangsläufig, würde Deutschland an seinen "Zielen und ehrgeizigen Plä- nen" festhalten. Die einzige Spezifizierung aber ist laut Robertson ein deutsches Fußfassen am Persischen Golf [wohl per Bagdadbahn], was nach Robertson we- niger erwünscht ist als ein russisches. Das "Great Game" hatte insofern eine Wandlung erfahren. Der Versuch, aus einem deutschen Stützpunkt am Persi- schen Golf eine Gefährdung der britischen Weltmachtstellung abzuleiten (zum an- gegebenen Zeitpunkt gab es noch keine ergiebigen Erdölfunde), wird hier und da unternommen, kann aber nicht überzeugen.

 

Laut Bertie (August 1906) wäre eine Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich britischen Interessen abträglich. Sicher, eine Verständigung zwischen den beiden Erbfeinden hätte dem Frieden gedient.

 

Grey spricht im Spätsommer 1907 von der "starken Stellung", die die Abkehr von der Isolationspolitik Großbritannien gebracht hat. Mongers Kolportage, nach Greys Ansicht hätte Deutschland das europäische Gleichgewicht bedroht, kann also spätestens mit Greys Ausspruch nicht mehr gestimmt haben. Wer dagegen das Gleichgewicht zerstört hat, drückte Grey also selbst aus. Er meint auch, gegenüber Frankreich Handlungsfreiheit zu besitzen. Demnach ist es auch nach Greys Aussage die Entscheidung Großbritanniens, ob Krieg ausbricht oder nicht. Inwieweit deutsche oder französische Entscheidungen im Nachhinein als "ver- nünftig" oder "unvernünftig" einzuschätzen sind, daran werden sich die Geister weiter scheiden. Tatsächlich sah sich Grey jedoch an Frankreich gebunden, ob dieses sich unvernünftig verhielt oder nicht.

 

Ende Februar 1908 ist die "wahre Sympathie", von der Salisbury sprach, in ein Bündnis zwischen Russland und Großbritannien gegossen. Grey kann nun die Konsequenz, die Salisbury bereits 1901 vorschwebte, als "innerhalb weiterer 10 Jahre realisiert" formulieren: die Beherrschung der Politik durch die Tripel-Entente in Balkan- und Türkeifragen. Für die Mittelmächte bedeutet das, sich gegebenen- falls nur mit Krieg gegen diese Unterwerfungspolitik wehren zu können.

 

 

Ende April 1909 prophezeite Grey sogar, wie der nächste Krieg ausbrechen würde: nämlich über einen Balkanstreit. Genau so kam es dann auch. Nicht umsonst greift Grey hier auf das erste Geständnis in der Reihe zurück, nämlich Salisburys "Balkanbrandprojekt". Greys Aussage wundert nicht mehr, haben wir doch hier die Vorgeschichte genau betrachtet: über ein Jahrzehnt britischer Politik, die auf genau dieses Ziel hinausläuft.

 

Im Juni 1909 spricht König Eduard VII. bei einem Staatsbesuch in Italien von ei- nem baldigen Konflikt zwischen Deutschland und Großbritannien. Auch Seine Majestät, der seinen kaiserlich-deutschen Neffen in Volatilität wohl eher noch übertraf, wusste im Grunde genau, wohin die Reise geht.

 

Ebenso 1909 stellt Hardinge fest, dass "engere Beziehungen" innerhalb der Tri- pel-Entente den Krieg auslösen würden. Der Kriegskurs war also auch innerhalb der britischen Führung nicht unumstritten, Hardinge hat wohl kalte Füße bekom- men. Mit Bertie geriet er im Oktober hart aneinander.

 

Die Feststellung der verhängnisvollen Bindung Großbritanniens an Frankreich teilt Rosebery mit Grey, wobei er natürlich die gegenteiligen Konsequenzen zieht. Im November 1909 erklärt er dem österreichisch-ungarischen Botschafter, dass Frankreich in einem Konflikt mit Deutschland die englische Unterstützung verlan- gen und England sich dann in einen schweren Konflikt hineinziehen lassen würde.

 

Die Kritik an Grey erfasste zur Jahreswende 1911/12 auch das britische Parla- ment. Eine buntscheckige Opposition macht ihn für das schlechte Verhältnis zu Deutschland und die Kriegsgefahr verantwortlich und fordert seinen Rücktritt. Nachdem daraufhin Haldane nach Deutschland geschickt wird und mit absehbar leeren Händen zurückkehrt, schließen sich die Reihen wieder.

 

 

 

Zu einer vorübergehenden britisch-deutschen Entspannungsphase im Frühjahr 1914 meint der eigentlich deutschfreundliche Diplomat Tyrell, als Privatsekretär Greys Nachfolger Mallets, das zwischenzeitliche Erstarken Russlands ermögliche Großbritannien ein selbstbewussteres Auftreten. Als ob das noch nötig gewesen wäre. Selbst wenn Tyrell gemeint haben sollte, Großbritannien hätte innerhalb der Tripel-Entente mehr Spielraum gewonnen, so ist auch der gegenteilige Schluss erlaubt: der britische Aggressionskurs kann um so entschiedener fortgesetzt werden.

 

Noch Ende Juli 1914, wenige Tage vor Kriegsausbruch, gibt Asquith, der 1908 dem gesundheitlich angeschlagenen Campbell-Bannerman als Premier gefolgt war (sein eigener Nachfolger, nach in der ersten Hälfte des Ersten Weltkriegs nicht übermäßig erfolgreicher Kriegführung wurde, wie bereits oben erwähnt, Lloyd George), zu, dass die britische Haltung über Krieg oder Nicht-Krieg entscheidet.

 

 

Setzen wir als Sahnehäubchen noch drei russische Stellungnahmen oben drauf:

 

Interne russische Denkschriften verlangen, die strategischen Ziele (Meerengen u.a.) durch einen "Weltkrieg" zu erreichen.

 

Kriegsminister Suchomlinow erklärt am 13.06.1914, also gut zwei Wochen vor dem Attentat von Sarajevo, in einem Artikel einerseits, Russland wünsche zwar keinen Krieg, sei aber andererseits dazu bereit und hoffe in diesem Sinne auf Frankreich.

 

 

Fürst Kotschubey fordert in einem französischen Blatt die Meerengen und die Zer- trümmerung Österreich-Ungarns und droht mit Krieg, falls Deutschland sich nicht darein fügt.

 

Als Kontrapunkt können wir noch eine Aussage von Grey setzen, der im März 1913 den deutschen Außenministern Kiderlen-Wächter und Jagow bestätigt, sie hätten für den Frieden gearbeitet. Die deutschen schon...

 

 

Ich denke, hiermit nachgewiesen zu haben, dass die britische Politikerkaste genau wusste, wohin sie ihr Land führte. Eine interessante Frage ist, ob Großbri- tannien eigentlich eine Alternative zu seinem eingeschlagenen Kurs hatte. "Es gab eine reale Möglichkeit des Wandels in der Politik", meint Monger mit seinem letzten Satz. Wenn ich darüber nachdenke, muss ich ihm widersprechen. Sicher kann man die idealistische Vorstellung vertreten (das tut Rauh), Großbritannien hätte den Frieden wahren, in dem es zu einer Politik des Gleichgewichts zurückkehrt, strikt neutral bleibt, sich bei Krisen gegen die aggressive Seite stellt und sie frustriert. Das hätte aber nicht von der Vorstellung befreit, die Kontinentalmächte hätten sich irgendwann gegen Großbritannien verbünden können. Die phobischen Ressentiments, seit den 1820ern gegen Russland, seit den 1840er gegen Deutschland und seit den 1850ern gegen eine deutsch-russische Verbindung in Großbritannien mit Hingabe gepflegt, entfalteten jetzt ungehemmt ihre vergiftende Wirkung. Großbritannien hatte die Lawine in Gang gesetzt und war, wie die anderen Mächte, darin gefangen, rettungslos ging es nun "den Niagara hinab", um eine Metapher von Oncken zu verwenden. In diesem Unterkapitel treten die USA nicht in Erscheinung, sind aber im Hintergrund stets präsent. Ein britischer Kurswechsel hätte nicht nur die "Errungenschaften" der kongruenten Zusammenarbeit mit den USA seit 1898 entwertet, er hätte die britische Weltmachtstellung insgesamt der neuen Basis beraubt. Denn nicht nur das britische Verhältnis zu den Kontinentalmächten wäre neu definiert worden, auch das zu den USA hätte zur Disposition gestanden. Absehbar konnte Großbritannien gegen die USA nichts durchsetzen, wäre in Abhängigkeit von den Kontinentalmächten geraten oder völlig isoliert worden, was den Verlust des Imperiums ohne jede Möglichkeit der Gegenwehr sehr schnell hätte bedeuten können.

 

 

"Angelsächsische Gesamtstrategie":

 

Wir haben gesehen, wie die in den Ersten Weltkrieg führende Entwicklung im 19. Jahrhundert mit Maßnahmen zur Verteidigung Indiens begonnen hat. Diese briti- schen Überlegungen werden dann ab der 2. Hälfte der 1890er Jahre von der US- amerikanischen Expansion überlagert, wobei die bisher gewonnenen Erkennt- nisse darauf hindeuten, dass die Amerikaner sich die Briten zum Werkzeug ge- macht haben.

 

Details hierzu gewinnt man aus der in "Weiterführende Literatur" aufgeführten Buchbesprechungen "Campbell", "Wormer" und "Mahan". Demnach kann Groß- britannien keine Politik dulden, die eine Koalition der Kontinentalmächte gegen es ermöglichen würde. Dabei kann weder Deutschland noch Russland alleine Groß- britannien bedrohen. Die deutsche Flotte ist viel zu schwach dazu, das Land auß- erdem von Frankreich und Russland eingeklemmt. Auch Russland ist, trotz seiner ausgesprochenen Überlegenheit als Landmacht gegen die Seemacht Großbritan- nien, nicht wirklich in der Lage, Indien zu bedrohen (die o.a. widersprüchlichen Aussagen britischer Politiker zur Bedrohungslage Indiens geben den innerbriti- schen Erkenntnisprozess in diese Richtung wieder). Denn Großbritannien könnte in diesem Fall jederzeit zu den Mittelmächten überlaufen, und der Angriff auf die britische Indienposition würde für Russland absehbar negativ enden.

 

Eine theoretische Bedrohung der angelsächsischen Welt könnte nur durch eine hypothetische deutsch-russische Verbindung entstehen (die zu schaffen ist die im Unterkapitel "1890 - 1897" ironisch ausgedrückte "zugedachte" "Aufgabe" für Deutschland). Das ist nicht realistisch, mag man da einwenden. Aber denkbar ist es doch? Hm, ja, denkbar schon... Und deshalb, der kluge Mann baut vor, treibt man die beiden gegeneinander in den Krieg. Denn käme eine Kontinentalkoalition zustande, wäre Großbritannien unter Umständen bald "gone", und die Kontinen- talmächte stünden vor Amerikas Tür. Entsprechend werden fünftausend Meilen voneinander entfernte "Flankenmächte" Russlands, Japan und Deutschland, nacheinander gegen das Zarenreich in den Krieg geschickt.

 

So wurde die ursprüngliche, auf Indien bezogene britische Defensiv- zur angel- sächsischen Offensivstrategie. Hinter der britischen Politik stehen ab 1895 die USA, die über die Ausschaltung der deutsch-russischen Chimäre die Umge- staltung der globalen Machtverhältnisse im Sinne ihrer bis heute andauernden Vorrangstellung erreichen. Man mag darüber spekulieren, ob die Strategie, unter anderen Mächten und Kräften Zwietracht zu säen, bis heute die US-Außenpolitik in nicht unerheblicher Weise beeinflusst.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Campbell-Bannermans Verhältnis zur Außen- politik bei Monger, S. 325.

Die "Würdigkeit" der Nachfolge Salisburys sieht Grenville gegensätzlich. Sein Schlusssatz (S. 440) endet: "...a quality [Salisbury's] not easy to detect in the policy of ill-defined commitment in Europe followed for two generations by succee- ding Foreign Secretaries."

 

Charakterisierung Greys bei Oncken, S. 589. Auf S. 588 hatte Oncken konstatiert, dass die britische Außenpolitik nun "Sache der Nation" sei, also bei aller noch auftretenden Opposition doch alle politischen Lager eine große Ge- schlossenheit zeigen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Beschreibung der Liberalen Partei bei Monger, S. 321f.

 

Lob Mallets für Grey ds. S. 321. Monger zitiert auf S. 324f aus dem Nachwort des Werkes "History of the English People in the Nineteenth Century" des jüdisch-französischen Philoso- phen und Historikers Élie Halévy: "Die Liberale Liga [Grey, Asquith, Haldane] verschwand nicht einfach. Was sich ereignete war einfach, daß sie 1905 die liberale Regierung aufsaugte." und "das ist der Grund, warum wir 1914 in den Krieg eintraten."

Verteilung der Regierungsposten Monger, S. 323, Rosebery hatte bereits die noch von den Konservativen geschlossene Entente cordiale verurteilt, siehe unten und Monger, S. 324.

 

Karrieresprünge s. Monger, S. 330f, derjenige Hardinges geht dabei noch auf ein Angebot von Lansdowne zurück.

 

 

 

 

 

Persönliche Einschätzung.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Rauh, S. 35.

Ausführliche Behandlung im vorvorherigen Un- terkapitel, dort auch die zahlreichen Zitate aus Grenville.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Rauh, S. 40.

Nachzulesen bei Monger, S. 18, und Grenville, S. 315. Dass Salisbury eben gerade nicht Frie- denspolitik durch Ausgleich von Differenzen zwischen den Mächten verfolgt, wie Grenville annimmt, sieht bereits Rauh.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Rauh, S. 37.

Wörtliches Zitat Oncken, S. 518.

 

 

 

 

Einschätzung der Burenkriegssituation bei Grenville, S. 353. Dass eine Gegenaktion der Kontinentalmächte wahnwitzigen Aufwand be- deutet hätte, sahen wir im vorherigen Unterka- pitel.

 

Wörtliches Zitat Oncken, S. 518f.

 

 

Salisburys Bedrohungsanalyse zu Indien bei Grenville, S. 292f.

 

 

 

 

Onckens Schlussfolgerung bei ihm S. 519.

 

 

Rauh, S. 42f.

"Casus foederis"-Zitat aus Monger, S. 82.

 

 

 

 

 

Cranborne bei Monger, S. 81, Bertie bei Gren- ville, S. 361.

 

 

 

 

 

Berties Einschätzungen bei Monger, S. 81.

 

Rauh, S. 25.

Wörtliches Zitat kopiert aus http://www.wilhelm-der-zweite.de/essays/boedecker.php.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Persönliche Schlussfolgerung.

 

 

 

Monger S. 235f, 240.

 

 

 

 

 

 

 

Monger S. 282f, 324.

 

 

 

Wörtliches Zitat Monger, S. 325.

 

 

 

 

Monger, S. 353.

 

 

 

 

 

Persönliche Einschätzung. Ein Beispiel könnte zitiert werden. Das würde m.e. aber besser im Rahmen von Besprechungen von Neuerschei- nungen zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs erfolgen.

 

Monger, S. 381.

 

 

 

Monger, S. 411.

Einschätzungen Mongers S. 413.

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Bindung an Frankreich trotz dessen Irratio- nalität konstatiert Grey bei Monger auf Seiten 348 und 379.

 

Rauh, S. 50.

Rauh gibt hier zwar Monger nicht als Quelle an, aber dort ist auf S. 370 dasselbe Zitat nachzu- lesen.

Rauh, S. 37: "Das Aushilfsmittel gegen die Ge- fahr, in Abhängigkeit gezwungen oder schließ- lich zur Willfährigkeit verdammt zu werden, war nach den gängigen Gepflogenheiten der Krieg."

 

Rauh S. 10, 52.

Das Originalzitat findet sich in Lowe, Dockrill: The Mirage of Power, Routledge & Kegan Paul, London und Boston 1972, Bd. III S. 467. In einem

Brief an Bertie sieht Grey einen deutsch-russi- schen Konflikt voraus, würde der Kaiser der Tür-

kei gegen Bulgarien beistehen. Eine etwas an- dere Konstellation als die 1914 eingetretene.

 

Oncken, S. 671. Charakterisierung König Edu- ards bei Monger, S. 326f.

 

 

 

Rauh, S. 50, der "allgemeine" Krieg ist nach Hardinge das, was man "gegenwärtig" zu ver- meiden wünsche.

Briefliche Auseinandersetzung Bertie-Hardinge bei Monger, S. 380.

 

Oncken, S. 676.

 

 

 

 

 

 

Oncken, S. 717f.

 

 

Ich gehe davon aus, dass der Misserfolg der "Haldane-Mission", die im Kapitel "Hätte Deutschland eine Alternative gehabt?" ange- sprochen wird, die Kritik an Grey verstummen ließ.

 

 

Neitzel, Kriegsausbruch, S. 141.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Rauh, S. 59.

Originalzitat in Lowe, Dockrill, Bd. III S. 489. As- quith gibt diese Sichtweise in einem Brief an den König als die an ihn herangetragene deutsche an. Er äußert sich nicht dazu, ob er sie teilt. A- ber er weiß auf jeden Fall Bescheid.

 

 

 

 

 

 

Oncken, S. 770f.

 

 

Oncken, S. 783f.

<Einfügung 01.09.2016>

Der entsprechende Zeitungsartikel wird zitiert am Beginn der "Deutschen Dokumente", siehe

Besprechung "Copeland" in "Weiterführende Literatur", DD 1 und 2.

 

 

Oncken, S. 784.

 

 

 

Oncken, S. 778.

 

 

 

 

 

 

 

 

Monger, S. 415.

 

Rauh, S. 59: "Selbstverständlich wäre der Krieg zu verhindern gewesen, wenn London unmiss-

verständlich erklärt hätte, wegen der Balkanan- gelegenheit den russisch-französischen Zwei- bud nicht zu unterstützen. Nur hätte das zu- gleich bedeutet, dass Russland, da es von Bri- tannien im Stich gelassen worden war, die En- tente aufgeben und die Verständigung mit

Deutschland hätte suchen können - der Weg zum Kontinentalblock wäre dann wieder offen gewesen." Und der zu asiatischen Pressionen Russlands gegen Großbritannien.

 

Niagara-Metapher bei Oncken, S. 655, der an dieser Stelle für die Phase ab 1910 auch den Kriegsausbruch hemmende Einflüsse sieht.

Die aber, wie wir wissen, zu nichts führten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Steht in Anführungszeichen, da geschluss- folgert. <Abschnitt neu eingefügt 10.05.2016.>

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Aus "Wormer" wird ersichtlich, dass aus einem friedlichen britischen Kurs nach Ansicht der maßgeblichen Politiker die Isolation und damit der Verlust des Empire gefolgt wäre. Wormer liefert im Übrigen weitere Kriegsgeständnisse.

 

 

 

 

 

Beispielhaftes Ausnutzen der Situation im Zuge der Julikrise durch Großbritannien siehe Ab- schnitt "Persisches Arrangement" bei "Wormer".

 

 

 

 

 

 

 

 

Dahingehende Überlegung von Theodore Roo- sevelt S. 180 bei "Campbell", s. dort Abschnitt "Large Policy".

So bei "Mahan", S. 64f, aus der Situation des Jahres 1900, die kriegerischen Resultate konn- ten da natürlich maximal geahnt werden.

 

 

 

 

 

 

Entsprechender Abschnitt am Ende der Be- handlung von "Mahan".