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© Holger Bergmann 2015 - 2018

"Systematische" Krisen 1908 - 1913 zur Einstimmung auf den Krieg

Mit dem britisch-russischen Abkommen über Persien 1907 ist die "friedliche" Phase der Einkreisungspolitik gegenüber den Mittelmächten, das "Einschließen im Hof", beendet. Nur sind wir im Jahre 1907 noch immer sieben Jahre vom Krieg entfernt. Jetzt kann sozusagen das "Bewerfen mit Gegenständen" beginnen. Denn: Um zum Krieg zu kommen, reicht die Isolation und Bedrohung der Mittelmächte allein noch nicht aus. Die Bedrohung muss auch tatsächlich existenziell werden, sonst schrecken die Mittelmächte, die sich bereits in der militärisch unterlegenen Position befinden, vor dem Krieg zurück.

 

 

Wie hängen diese Krisen mit dem Krieg zusammen?

 

Wohin ihr Kurs die Briten (und die Welt) führen würde, war ihnen klar, siehe vorangegangenes Unterkapitel "Kriegsgeständnisse." Dazu hatten sie die Russen auf den Balkan abgelenkt, wo deren Interessen mit denen der Mittelmächte zu- sammenstoßen mussten. Rekapitulieren wir noch einmal kurz, dass Russland drei mögliche Expansionsrichtungen hatte: Ostasien, den Mittleren Osten und den Balkan.

 

- In Ostasien hatte Russland 1905 mit angelsächsischer Hilfe eins auf die Nase bekommen.

 

- Im Mittleren Osten hatte sich Russland 1907 mit Großbritannien verständigt. Erneute Expansion in diesem Bereich wäre riskant gewesen, zur frontalen Gegnerschaft mit Großbritannien, dem mglw. die USA und Japan auch hier beige- standen hätten, wäre die Rückenbedrohung durch die Mittelmächte gekommen.

 

- Bleibt der Balkan übrig. Konsequenterweise wendet sich Russland ab 1907 Serbien zu, bricht die erste Krise dort aus und spielen sich drei der vier "sys- tematischen" Krisen dort ab.

 

Man muss auch beachten, dass die Briten zwischen 1907 und 1914, nachdem sie diese in den Krieg führende Konstellation herbeigeführt hatten, zunächst nichts weiter unternehmen konnten, sondern auf die günstige Gelegenheit warten mussten. Keine der Krisen beruhte auf einer britischen Intrige. Sie konnten die Krisen anfeuern, oder auch deeskalieren, wenn ihnen die Gelegenheit eben gerade nicht günstig erschien. Denn aufgrund des parlamentarischen Systems in Großbritannien mussten die Mittelmächte als Aggressoren hingestellt werden, sonst hätte der von der britischen Regierung gewünschte Kriegseintritt keine Parlamentsmehrheit gefunden. Das gelang aber im Rahmen dieser Krisen noch nicht. Für sich selbst hatten die Briten 1914 keinerlei Kriegsgrund. Der ergab sich auch aus kriegerischen Verwicklungen Russlands oder Frankreichs nicht auto- matisch, denn die Tripel-Entente war ja kein formales Bündnis.

 

Durch das Verschweigen wesentlicher Begleitumstände werden die vier Krisen gern als Beispiele für einen Expansions- bzw. Aggressionskurs der Mittelmächte angeführt. So sieht man die Bosnische Annexionskrise (1908) als Beweis für den Expansionswillen Österreich-Ungarns, die Zweite Marokkokrise (1911) als impe- rialen Ausgriff Deutschlands in Richtung Nordwestafrika, die Adriakrise (1912) als österreichisch-ungarischen Aggressionsversuch, die Liman-von-Sanders-Krise (1913) als Nachweis für eine strategische Gewichtsverschiebung zugunsten Deutschlands im Bereich Türkei und Vorderasien. Es wird jedoch von mir be- stritten, dass den Mittelmächten bei der Auslösung der Krisen, und damit auf dem Weg in einen zu jeder der Krisen bereits möglichen Krieg, jeweils ein maßgeb- licher Anteil zukommt. Der Leser mag sich an Hand der folgenden Ausführungen selbst ein Bild machen.

 

Was weiter auffällt, ist, dass die Krisen immer enger aufeinander folgen. So vergehen (jeweils vom Ende der vorhergehenden zum Anfang der folgenden Krise gerechnet) von der Bosnischen Annexionskrise zur Zweiten Marokkokrise 26 Monate, von der Zweiten Marokkokrise zur Adriakrise 14 Monate, von der Adriakrise zur Liman-von-Sanders-Krise 7 Monate, von dieser zur Julikrise 1914 5 Monate. Im ersten Halbjahr 1914 begann es in Europa allmählich brenzlig zu riechen. Seit der Bulgarischen Krise knapp 30 Jahre zuvor war die Kriegsgefahr nicht mehr so unmittelbar gewesen.

 

 

1. Die Bosnische Annexionskrise

 

Nach der Niederlage in Fernost und dem suggerierten britischen Wohlwollen in der Balkanfrage wandte sich Russland nun wieder dieser traditionellen Region seines Expansionsstrebens zu und gibt die dort seit Anfang der 1890er Jahre bestehende faktische Entente mit Österreich-Ungarn auf. Erste Beachtungen ser- bischer Expansionspläne folgen.

 

Auch die Meerengenfrage würde erneut eine Rolle spielen. Der neu ernannte russische Außenminister Iswolski besuchte im September 1908 seinen öster- reichisch-ungarischen Kollegen Aerenthal und schlug ihm einen Deal vor. Öster- reich-Ungarn sollte russischen Schiffen die freie Durchfahrt durch die Meereng- en garantieren, dafür könnte Österreich-Ungarn Bosnien-Herzegowina annek- tieren. Aerenthal war einverstanden.

 

Seit dem Berliner Kongress von 1878 war Bosnien-Herzegowina ohnehin bereits unter österreichisch-ungarischer Verwaltung gewesen, völkerrechtlich gehörte es immer noch zur Türkei. Im Zuge der Erschütterungen infolge der Jungtürkischen Revolution vermeinte man in Russland, den Fluss der Ereignisse ausnützen zu können. Für Österreichisch-Ungarn war die Arrondierung seines Staatsgebiets, in das Bosnien-Herzegowina wie ein Kegel hineinragte, nicht ohne Sinn, auch, um serbischen Gebietsansprüchen entgegenzutreten.

 

Als Iswolski nach Paris weiterreiste und sein Geschäft bekannt machte, schlug ihm heftigste Ablehnung der Westmächte entgegen, die nun ihrerseits wieder die Kontrolle der Meerengen für sich reklamierten. Am liebsten hätte Iswolski die ganze Sache nun komplett rückgängig gemacht. Aber Aerenthal dachte nicht im Mindesten daran, seinen erlangten Vorteil aufzugeben. Der unerfahrene Iswolski hatte nicht beachtet, dass Österreichisch-Ungarn gar nicht über die Meerengen verfügen konnte. Aerenthal hatte Russland in Gestalt Iswolskis ausgetrickst.

 

In den Staaten der Tripel-Entente, Serbien (dort besonders) und der Türkei mach- te sich Empörung breit. Auch Kaiser Wilhelm II. war not amused, zwangen ihn doch Österreicher und Ungarn zur Bündnistreue, wo er für die Sache nichts konnte und auch nicht informiert worden war. In Berlin drohte Iswolski erstmals mit "Weltkrieg", würde für Serbien und Montenegro keine Kompensation erreichbar sein. Grey erklärt gegenüber dem russischen Botschafter (der Großbritannien den Schlüssel zu Krieg oder Frieden zuerkennt) die theoretische Kriegsbereitschaft zugunsten Russlands.

 

Allerdings hat Russland sich im Jahr 1908 von seinen Niederlagen noch nicht genügend erholt, nur aus diesem Grund war es überhaupt auf Österreich-Ungarn zugegangen. Deutschland blieb die ganze Zeit hart, alle russischen Versuche, doch noch zu einem anderen Ergebnis zu kommen, scheiterten am deutschen Widerstand, trotz latenter Kriegsgefahr. Im März 1909 stimmten die Russen auf deutschen Druck hin vorbehaltlos der österreichisch-ungarischen Annexion Bos- nien-Herzegowinas zu. "...In den nächsten Wochen verflüchtigten sich die Aus- läufer des serbischen Kriegswillens", schreibt Oncken (S. 660).

 

 

 

Im Nachsatz verdient das russisch-italienische Abkommen vom Oktober 1909 über eine gemeinsame Haltung in Balkanfragen Erwähnung. Wie nicht anders zu erwarten, drückt Großbritannien hierüber seine Zufriedenheit gegenüber Russland aus.

 

Insgesamt gesehen war die Bosnische Annexionskrise eine begrenzte diplomati- sche Niederlage der Tripel-Entente. Und was reizt einen Aggressor mehr, als eine begrenzte Niederlage hinnehmen zu müssen?

 

Britische Position zur Krise:

Grey und Asquith wollen die Meerengen für Russland öffnen (S. 171). Die briti- sche Haltung ist entschiedener als die russische selbst, man will in London den Eindruck vermeiden, Russland (mit dem Abkommen zu Persien) nur ausgenutzt zu haben (S. 172).

 

 

 

2. Die Zweite Marokkokrise

 

Auch auf den zweiten Versuch macht das deutsche Engagement bezüglich Mar- okkos genausowenig Sinn wie beim ersten Mal sechs Jahre zuvor. Was war pas- siert? Von Plänen ihres Sultans Abd al-Hafiz zu Steuer- und Militärreformen wenig begeistert, hatten sich arabische Stämme auf den Weg zur Stadt Fes gemacht und sie mitsamt der dort ansässigen europäischen Gemeinde eingekesselt. Die einzige Macht, die dem Sultan beistehen konnte, war Frankreich. Und Frank- reich handelte und befreite Fes.

 

Es hatten sich nur 1906 die Mächte mit der Algeciras-Akte über ihre Rechte in Marokko verständigt. Als die Franzosen auch nach Wochen ihre neuen Positionen nicht räumten und überdies die Spanier in Marokko landeten, war klar, dass Völ- kerrechtsbruch vorlag. Deutschland, dadurch im Nachsehen, hatte insofern Recht auf Kompensation. Marokko war eigentlich kein Ziel deutscher Kolonialpolitik, dem Außenminister Kiderlen-Wächter schwebte eher eine Verbindung zwischen den deutschen Kolonialgebieten in West- und Ostafrika vor. Es wäre jetzt an Frank- reich gelegen, im Sinne der friedlichen Verständigung Deutschland einen kolonia- len Ausgleich anzubieten. Doch dahingehend rührte sich in Frankreich nichts. Deutschland sah sich gezwungen, mit Nachdruck Ansprüche anzumelden.

 

 

 

 

 

Die Wogen der Erregung gingen in den betroffenen Staaten wieder hoch. Frank- reich wollte die Gelegenheit benutzen, um sich erneut des britischen Beistands zu versichern und dieses Mal auch zu einem formellen Abkommen zu gelangen. Lloyd George hielt auch eine aufreizende Rede <es muss sich um die sog. "Man- sion-House-Rede" gehandelt haben, nachtr. eingef. 08.05.2016>, die die Krise erst richtig anheizte. Ebenso wurden von Frankreich und Großbritannien Vorbe- reitungsmaßnahmen zu einer militärischen Zusammenarbeit getroffen. Aber Grey schien die Gelegenheit nicht günstig, er ließ sich auf nichts ein. Auch Russland hielt sich auffallend zurück. Weder der britische noch der russische Rüstungsstand waren 1911 bereits ausreichend für einen größeren Krieg. Eine Kombination aus Druck und Versöhnungston deutscherseits ließ Großbritannien schließlich zurückweichen.

 

 

Frankreich war der Beistand seiner Ententepartner versagt worden. Der sollte aber nur aufgeschoben, nicht aufgehoben sein. In der Sache war der deutsche Erfolg gering. Mit zwei Zipfeln reichte Deutschlands Kolonie Kamerun jetzt an den Kongofluss. Es ist schwer vorzustellen, dass jemals ein deutscher Forscher oder Kolonialsoldat seinen Stiefel auf das mit dichtem tropischem Regenwald bedeckte Gebiet gesetzt hat. Im Rahmen der drei Möglichkeiten Krieg - totaler Gesichtsver- lust - fauler Kompromiss hatte man die dritte gewählt.

 

Entscheidend verändert haben muss sich durch die Zweite Marokkokrise die Stim- mung in Europa. Konnte das Verhältnis zwischen den einfachen Menschen trotz aller historischer und aktueller Gegensätze von Herzlichkeit geprägt sein, erfasste jetzt Feindseligkeit weite Kreise. Die Saat der allenthalben gepflegten Aggressi- onsrhetorik ging auf.

 

Auch an einem anderen Punkt sollte sich die Zweite Marokkokrise als außeror- dentlich folgenreich erweisen. Die Aktion der arabischen Stämme gegen Fes sollte der erste Dominostein in der Reihe von Ereignissen sein, die direkt in den Ausbruch des Ersten Weltkriegs führt. Hier würde sich, wie wir noch sehen wer- den, ein 30 Jahre zuvor begangener Fehler Bismarcks auswirken.

 

Britische Position zur Krise:

Trotz grundsätzlicher Anerkennung der deutschen Ansprüche Nachsicht für Frankreich und Propaganda gegen Deutschland. Russland würde militärisch nicht abseits stehen (S. 179). Die Krise verbessert die innerbritische Geschlossenheit, die bisher etwas Zurückhaltenden David Lloyd George und Winston Churchill gehen ins imperialistische Lager über und tun sich besonders hervor (S. 180). Der Plan einer Expeditionsstreitmacht für Frankreich wird konkretisiert (S. 181).

 

 

3. Die Adriakrise

 

Während die Zweite Marokkokrise aufgrund des damit verbundenen aggressiven Brimboriums bis heute präsent ist, ist die Adriakrise außerhalb interessierter Kreise völlig vergessen. Dabei war sie von den vier Krisen die Gefährlichste. Der Krieg wurde hier nur knapp vermieden.

 

Angestachelt von den Niederlagen der Türkei gegen Italien, gingen die kleinen Balkanstaaten Griechenland, Montenegro, Serbien und Bulgarien daran, sich den verbliebenen Rest der türkischen Besitzungen auf dem Balkan einzuverleiben. Dass die Serben in diesem Zuge versuchen würden, zur Adria vorzustoßen, war dabi nur folgerichtig. So nahmen sie den Hafen Durazzo (heutige Schreibweise Durrës) ein.

 

Russland gab sich als Patron der kleinen Balkanvölker, hatte deren Bündnis auch als "Gegengewicht" gegen Österreich-Ungarn unterstützt und hoffte so auf eige- nen Machtzuwachs. Österreich-Ungarn dagegen sah sich durch die veränderte Lage in seiner Existenz bedroht. Insbesondere konnte ein serbischer Adriahafen von russischen Kriegsschiffen benutzt und der Zugang zur Adria von Russen im Zusammenwirken mit den abtrünnigen Italienern gesperrt werden. Man drohte mit Krieg, würden die Serben sich nicht aus Durazzo zurückziehen.

 

Russland und Österreich-Ungarn fingen an, gegeneinander zu mobilisieren. Eine Situation, wie wir sie in der Julikrise 1914 wiederkehren sehen. Nach und nach erklärten sich auch die anderen Großmächte kriegsbereit. In Frankreich war infol- ge ihrer in der Zweiten Marokkokrise "zu nachgiebigen Haltung Deutschland gegenüber" die Regierung Caillaux gestürzt, mit Poincaré wurde nun ein ausgesprochener Scharfmacher Ministerpräsident. Er erkannte, dass die durch die Siege der Balkanvölker über die Türkei erzeugte offene Flanke Österreich-Ungarns die strategische Möglichkeit entstand, über die Verklammerung des bestehenden französisch-russischen Bündnisses mit der Balkanfrage zum Re- vanchekrieg gegen Deutschland zu kommen. Gegenüber dem nun als russischer Botschafter in Frankreich amtierenden Iswolski erklärte er die französische Bereit- schaft des militärischen Eingreifens im Kriegsfall. Wären jetzt nicht hemmende Einflüsse aufgetreten, hätte der Krieg unmittelbar vor der Tür gestanden.

 

Aber es sollte noch nicht so weit sein. Russlands Kriegsbereitschaft war noch nicht vollständig wiederhergestellt, der russische Ministerpräsident Kokowzow verzichtete auf die komplette Mobilisierung. Deutschland kam die ganze Krise überhaupt nicht recht, man versicherte Österreich-Ungarn zwar seiner Bündnis- treue, verpasste der Donaumonarchie aber gleichzeitig eine kalte Dusche, die die österreichisch-ungarische Kriegshitze merklich abkühlte. Großbritannien zeigte neben Kriegs- auch Vermittlungsbereitschaft. Es waren die britischen Entspan- nungsbemühungen zwar willkommen, aber überflüssig, da Deutschland, Öster- reich-Ungarn und Russland bereits zurückgerudert hatten.

 

Am Ende mussten die Serben Durazzo und auch das zwischenzeitlich besetzte Skutari räumen, eine Konferenz hob den Staat Albanien aus der Taufe. Die Sache war noch einmal gut gegangen. Die deutsche und britische Moderationsbereit- schaft erzeugte aber völlig überzogene Erwartungen, auch zukünftig würden ähn- liche Krisen lösbar sein. Denn Großbritannien wollte nur zu diesem Zeitpunkt kei- nen Krieg. Da serbische Militäraktionen vorangegangen waren, hätte ein daraus resultierender Krieg als Angriffskrieg der Tripel-Entente gegen die Mittelmächte gelten können. Grey bedauerte, Frankreich hätte den Krieg "überstürzen" wollen.

 

Die Adriakrise zeigte, dass der Krieg nun wirklich nicht mehr fern war. Die Mächte hatten sich gegenseitig nun zum wiederholten Mal militärisch bedroht. Da keine grundsätzliche Änderung der europäischen Politik zu erwarten war, konnte jede neue Krise den Krieg auslösen, auch wenn mancher die Augen davor verschloss. So wurde der kommende Krieg von wieder anderen als "reinigendes Gewitter" herbeigeseht, das die ewigen Spannungen mit einem großen Donnerschlag be- seitigen würde. An die schrecklichen Folgen wollten diese Herrschaften nicht den- ken.

 

Die Adriakrise machte auch die bisher nicht im selben Maße bestehende Duellsi- tuation zwischen Serbien und Österreich-Ungarn deutlich. Die fortbestehenden serbischen Expansionsbestrebungen konnten sich nunmehr nur noch gegen Ös- terreich-Ungarn richten. Der Vielvölkerstaat konnte ihnen nicht nachgeben, wollte er nicht endgültig zerbrechen. Die europäische Machtbalance hatte sich weiter zuungunsten der Mittelmächte verschoben. Ab einem bestimmten Punkt würde der Kompromiss für sie keine Option mehr sein.

 

Britische Position zur Krise:

Großbritannien tritt insgesamt zurückhaltend auf (weil der Zeitpunkt nicht passt), aber "...we are quite ready to follow the Russian lead" (Nicolson an Goschen, Anm. 308 S. 357 zu S. 183, nur ist dieses Zitat vom April 1912, also viel zu früh. Wormer zitiert aber weiteren diplomatischen Schriftverkehr ohne Angabe des Inhalts, auch vom Oktober 1912).

 

 

 

4. Die Liman-von-Sanders-Krise

 

Der preußische General Otto Liman von Sanders wurde 1913 nach Konstan- tinopel entsandt, um die durch die Balkankriege schwer in Mitleidenschaft gezo- gene türkische Armee zu reorganisieren. Ebensolche Aufgaben übernahmen ein französischer General für die Polizei und ein britischer Admiral für die Flotte. Als in Russland bekannt wurde, dass Liman auch Kommandeur eines Armeekorps sein und damit nach russischer Auffassung eine Kontrollfunktion über den Bospo- rus ausüben konnte, erhob Russland in Gestalt seines Außenministers Sasonow energisch Einspruch.

 

Noch im Mai desselben Jahres hatte Sasonow zwar die Serbien einschränkenden Ergebnisse der Londoner Botschafterkonferenz anerkannt, bald aber nach Serbien geschrieben, das Land hätte nach "furchtbarem existenziellen Kampf" große Gebietsteile von Österreich-Ungarn zu erwerben. Das bereits erwähnte erneute Aufwerfen der Meerengenfrage gehörte ebenso zum neuen, aggressiven russischen Kurs. Die völkerrechtliche Fundierung der russischen Ansprüche ist dabei äußerst zweifelhaft, handelte es sich bei der deutschen Militärmission um eine innertürkische, zudem rein defensive Angelegenheit.

 

Das Auftrumpfen Russlands diente wohl nur dazu, Russlands wiedergewonnenes politisch-militärisches Gewicht, man sah sich zwischenzeitlich wieder voll kriegs- bereit, auch nach außen zu demonstrieren. Russland kann Ende 1913 auch belie- ben, innerhalb der Tripel-Entente eine führende Position einzunehmen. Für die Mittelmächte wird die russische Bedrohung hingegen sehr konkret.

 

Frankreich erklärte hier zum wiederholten Mal Kriegsbereitschaft zugunsten Russ- lands. Großbritannien in Gestalt seines Außenministers Grey dagegen zeigte sich lau. Zur Begründung lassen wir den russischen Botschafter in London Bencken- dorff sprechen: "Er [Grey] ist kein Mann der Initiative, ..., ehe der Dreibund sich nicht ganz offenbar - was für das englische Publikum nötig ist - und deutlich ins Unrecht gesetzt hat. Er ist beinahe dabei, ihm Fallen zu stellen."

 

Auch die Liman-von-Sanders-Krise ergab also nicht die Möglichkeit für Großbri- tannien, die Mittelmächte als Aggressoren hinzustellen. Die Krise wurde damit gelöst, dass Liman zum Generalinspekteur der türkischen Armee befördert wurde. Da er nun kein Truppenkommando mehr innehatte, waren die russischen An- sprüche formal befriedigt worden. Aber die Mittelmächte hatten keinerlei Gesichts- verlust erlitten, so hielt sich der russische diplomatische Erfolg in engen Grenzen. Ein Opfer der Krise wurde der besonnene Ministerpräsident Kokowzow, der den russischen Kurs als verhängnisvoll und die militärische Kriegsbereitschaft seines Landes weiterhin als nicht gegeben ansah. Als "deutschfreundlich" gebrandmarkt, musste er zurücktreten. Bis zum Krieg waren es jetzt nur noch wenige Monate.

 

Britische Position zur Krise:

Kommt Großbritannien sehr ungelegen, weil man sich hier noch eine Zweit- strategie zugelegt hatte, nämlich sich wieder stärker in der Türkei zu engagieren und sich selbst an der Infiltration der Türkei zu beteiligen. Man steckte den Rus- sen, der britische Admiral Limpus, der die türkische Flotte reorganisieren sollte, würde sich wohl selbst nicht am Krieg beteiligen (S. 241).

Bereits im Mai 1913 war der Plan eines britisch-russischen Zangenangriffs auf die Meerengen entwickelt worden (S. 244).

 

 

Warum wäre ohne diese Krisen der Krieg nicht ausgebrochen?

 

Die übliche, erst mit dem Attentat von Sarajevo beginnende Sichtweise kann keine Antwort auf die Frage geben, warum die Diplomatie beim Versuch der Verhinderung dieses Krieges versagte. Das ist aber nur dann nicht zu verstehen, wenn man den durch die traditionelle Sichtweise vermittelten Eindruck, der Krieg wäre wie ein Blitz aus heiterem Himmel gekommen, nicht hinterfragt. Im Zuge dieser immer schneller aufeinanderfolgenden Krisen verschärfte sich der Span- nungszustand in Europa dramatisch. Die hier wiedergegebenen Äußerungen von Ententepolitikern, Iswolskis Weltkriegsdrohung, Lloyd Georges Mansion-House- Rede, Sasonows Wendung an Serbien mit dem "existenziellen Kampf", ließen erkennen, dass sie vor dem Krieg nicht zurückschrecken würden. Poincarés poli- tische Ausrichtung verstärkte diesen Eindruck weiter. Im ersten Halbjahr 1914 war die Kriegsgefahr bereits so unmittelbar zu spüren, dass Deutschland engen An- schluss an Großbritannien suchte, wohl wissend, dass es sich hier um den entscheidenden Faktor handelte. Aber dann traten im Vorfeld der Julikrise (siehe dort) weitere verschärfende Ereignisse auf. Deshalb schien den Mittelmächten ein weiterer unbedingter Deeskalationskurs nicht mehr angezeigt.

Die Vorab-Bemerkungen hier ergeben sich aus den bisherigen Aussführungen oder aus den untenstehenden Details.

 

 

 

 

 

 

<Text im Hauptteil am 08.05.2016 neu gefasst,

siehe Änderungsprotokoll.>

 

Um hier keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: es gibt nach den mir vorliegenden Informationen weiterhin keinen "Masterplan", deshalb steht das "systematisch" auch in An- führungszeichen. Wie bereits anderweitig aus- geführt ergibt sich das Vorgehen, insbesondere der britischen Seite, sozusagen automatisch aus deren Staatsräson. Der Eindruck, die Kri- sen wären von langer Hand geplant und gesteu- ert worden, sollte nicht entstehen.

 

 

 

 

 

<Britische Positionen zu den einzelnen Krisen wurden aufgrund der nachträglichen Kenntnis- nahme von "Wormer", s. "Weiterführende Lite- ratur", zusätzlich eingefügt, 08.05.2016.>

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Russischer Kurswechsel im übertragenen wie im geographischen Sinn Oncken, S. 610f.

 

 

 

Treffen in Buchlau Oncken, S. 624. Bemerkens-

wert ist, dass die ganze Sache auf russische Initiative zurückging.

 

 

 

 

 

Am Status des Gebiets änderte sich, eigentlich,

überhaupt nichts.

 

 

 

 

 

 

 

 

Kaum war Iswolski abgereist, vollzog Aerenthal seinen Teil der Abmachung, ds.. Ablehnung durch die Westmächte, insbsondere Großbri- tannien ds., S. 625.

 

 

 

 

 

 

Haltung der "gegnerischen" (sicher der auslän- dischen) Presse, in Serbien und der Türkei ds., S. 626, des Kaisers ds., S. 625f..

Iswolskis verbale Entgleisung ds. S. 627.

 

 

Erklärung Greys auf mehrfaches Nachhaken des Botschafters ds. S. 628f.

 

Einschätzung Russlands ds., S. 623f, 627.

Deutsche Haltung ds., S. 627. Britische Intri- gen zur Verschärfung der Krise in Frankreich und Serbien ds., S. 630. Der ungarische Minis- terpräsident Tisza macht die Briten für den "künstlichen Entrüstungssturm" verantwortlich, ds.. Frankreich dagegen hatte im Hintergrund deeskaliert, Neitzel, Kriegsausbruch, S. 100.

Lösung der Krise: Russische Zustimmung On- cken., S. 645. Der Landstrich "Sandschak No- wipasar" geht an die Türkei zurück, die überdies finanziell entschädigt wird.

 

Ds., S. 668f.

 

 

 

 

 

Ausführungen Onckens hierzu S. 646f.

In Russland wird das Ergebnis der Krise als "diplomatisches Tsushima" begriffen, Neitzel, Kriegsausbruch, S. 103.

 

 

<Zitate aus "Wormer", nachträglich eingefügt 08.05.2016.>

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Man konnte deutscherseits, nachdem man 1905/06 marokkanische Ansprüche angemel- det hatte, diese 1911 nicht einfach so fallen las- sen. Sicher nicht nur persönliche Einschätzung.

Ereignisse in Marokko Neitzel, Kriegsausbruch, S. 105.

 

 

 

 

 

Französisches Schweigen und spanische Landung Oncken, S. 695. Dort ebenso deut- sche Ausgleichsforderungen.

 

Deutsche Kolonialvorstellungen ds., S. 698.

 

 

 

Unterstreichung der deutschen Forderungen durch den "Panthersprung nach Agadir", d.h. Entsendung des alten Kanonenboots "Panther", Oncken S. 696, mit der lächerlichen Begrün- dung des Schutzes deutscher Untertanen, die es am Ort aber gar nicht gab, Neitzel, Kriegs-ausbruch, S. 107.

 

Erregung vor allem in Deutschland mit Parolen wie "Endlich eine Tat!" und "Westmarokko deutsch", ds., S. 108, internationale Reaktionen

"vergleichsweise zurückhaltend", ds., S. 107.

Französische Bemühungen, auch zum Erhalt formeller militärischer Bindungen s. Oncken, S. 686f. Rede Lloyd Georges ds., S. 700, und Neit- zel, Kriegsausbruch, S. 109f. Die Rede feuerte aber nach Oncken, S. 705 und 711f, gerade die französische Pressehetze entscheidend an.

Russische Zurückhaltung ds., S. 706f, alliierte Rüstungsmängel ds, S. 706, deutsche diploma- tische Taktik ds., S. 702f. Grey riet Frankreich [vielleicht entscheidend] zur Kompromissbereit- schaft, ds., S. 707.

 

 

 

 

 

Zur auch von Zeitgenossen kritisierten Kläglich- keit des Ergebnisses für Deutschland Oncken, S. 708f.

 

 

 

Den Stimmungsumschwung 1911 bemerkte etwa der als junger Offizier in der Festungsstadt

Metz dienende und gelegentlich auf der anderen Seite der Grenze weilende spätere Generalfeld- marschall Albert Kesselring, s. dessen Memoi- ren "Soldat bis zum letzten Tag", Verlag Sieg- fried Bublies, Schnellbach 2000, S. 12.

 

 

 

Wird behandelt in "Die Julikrise 1914".

 

 

 

 

<Zitate aus "Wormer", nachträglich eingefügt 08.05.2016.>

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Aggressive Töne s.o.. Zum Zeitpunkt der Nie- derschrift gibt es zum Begriff "Adriakrise" kei- nen Wikipedia-Eintrag. Neitzel gibt ihr, im Ge- gensatz zu den anderen dreien, in "Kriegsaus- bruch" kein eigenes Kapitel, sondern behandelt sie zusammen mit den Balkankriegen 1912/13.

 

 

 

 

Ereignisse Neitzel, Kriegsausbruch, S. 126, ds. russische Rückendeckung für Serbien.

 

 

Ds.: Balkanbund für Russland "Gegengewicht zu Österreich-Ungarn". Russland wirkt aber zu- nächst diplomatisch mäßigend. Ds. S. 127: Ös- terreich-Ungarns Interessen hier "vital", man war "gewillt, der [serbischen] Expansion mit allen Mitteln entgegenzutreten."

 

 

 

Mobilisationsmaßnahmen ds., S 128f, und On- cken, S. 753.

Außenminister Sasonow signalisierte die russ- ische Kriegsbereitschaft (Rauh, S. 54).

 

Regierungswechsel in Frankreich Oncken, S. 712. Strategische Überlegungen Poincarés und Dialog mit Iswolski ds., S. 750f. Französische Kriegsbereitschaft auch bei Neitzel, Kriegsaus- bruch, S. 132.

 

 

 

 

 

 

 

Verzicht Russland auf echte Mobilisierung, wi- derwilliges Durchringen Deutschlands zur Kriegsbereitschaft Neitzel, Kriegsausbruch, S. 128f.

 

"Kalter Wasserstrahl" Kiderlen-Wächters in Form eines Zeitungsartikels vom 25.11.1912 ds.,

S. 131. Britische Kriegs-, aber auch (zu späte) Vermittlungsbereitschaft ds., S. 132f.

 

 

 

 

Mangelnde Tragfähigkeit des Ergebnisses Neit- zel, Kriegsausbruch, S. 139ff.

 

Aussage bei Rauh, S. 54.

 

 

Das Zitat bei Oncken. S. 761 ist der Beweis für die britische Kriegsabsicht, zu der nur der pas- sende Zeitpunkt noch nicht gekommen ist.

 

 

Wie bereits in den Schlussbemerkungen zum vorherigen Kapitel ausgeführt, bringt eine Eini- gung mit Deutschland Großbritannien strate- gisch nichts, also gibt es, trotz aller zwischen- zeitlichen leichten Entspannungsphasen, diese Einigung nicht. Meine weiteren Statements hier sind bis zum Schlusssatz allgemein gebräuch- lich.

 

 

 

 

 

 

 

Zur, wie bereits erwähnt, ähnlich gelagerten Juli-

krise sollten sich die Rahmenbedingungen wei- ter entscheidend verschoben haben.

 

<Zitat aus "Wormer", nachträglich eingefügt 08.05.2016.>

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Türkische Reformbestrebungen Oncken, S. 773.

 

 

 

 

Sasonows Vorgehen ds., S. 774.

 

 

 

 

 

 

 

Sasonows Brief nach Belgrad ds., S. 771.

 

 

Wohl nicht nur persönliche Einschätzung.

 

 

Russlands Rüstungsstand ds., S. 776, Beurtei- lung der russichen Schritte ds., S. 774f.

 

 

 

 

Französische Kriegsbereitschaft, erklärt durch Poincaré, ds. S. 776, britische Zurückhaltung ds., S. 774.

Benckendorff-Zitat ds., S. 778. Der Botschafter kannte sicher nicht alle Details zu Greys Hinter- hältigkeit, sonst hätte er auf das "beinahe" ver- zichtet.

 

 

 

 

Lösung der Krise ds., S. 775.

 

 

 

 

Bedenken und Rücktritt Kokowzows Neitzel, Kriegsausbruch, S. 156f.

 

 

 

 

 

<Zitate aus "Wormer", nachträglich eingefügt 08.05.2016.>

 

 

 

 

 

 

 

 

 

<Neu eingefügter Text 08.05.2016>