1 - 8

© Holger Bergmann 2015 - 2018

Die Julikrise 1914

Wir haben im vorherigen Kapitel gesehen, dass Deutschland praktisch keine Mög-

lichkeit hatte, anders zu handeln, als es tatsächlich handelte. Die einzige theoreti- sche Möglichkeit hätte

- Einsicht in die ablaufende Gesamtentwicklung und

- Bereitschaft zum energischen Gegensteuern

vorausgesetzt. Aber aus welchem Grund unbedingt eine deutsch-russische Bas- tion im Fernen Osten hätte gehalten werden müssen, wäre nicht einsichtig zu machen gewesen. Der im Grunde gutmütige Kaiser, der prätentiöse und sub- stanzarme Kanzler Bülow, die auf den Kontinentalkrieg in unwesentlicher Entfer- nung von den Reichsgrenzen fixierten Militärs und der sonstige Staatsapparat waren mit einer solchen Lösung völlig überfordert. So weit es überhaupt eine deutsche Geostrategie gab, bestand sie darin, die muslimische Welt gegen ihre Kolonialherren aus der Tripel-Entente aufzuhetzen bzw. den türkisch beherrschten Anteil als Verbündete zu gewinnen.

 

Die in den Vorkapiteln niedergelegte Argumentation hat beschrieben, wie Deutschland und Österreich-Ungarn in eine ausweglose Einkreisungssituation manövriert wurden, die sich mit den Krisen auch noch gefährlich verschärfte. Das erklärt aber immer noch nicht, warum die Mittelmächte letzen Endes zum Mittel des Krieges griffen. Hätten sie es nicht bleiben lassen können? Gab es eine ande- re Möglichkeit außer dem Krieg?

 

Im Jahr 2014 wurden im Zusammenhang mit dem hundertsten Jahrestag des Kriegsausbruchs eine ganze Reihe Neuerscheinungen zum Thema veröffentlicht. Sie unterscheiden sich insofern von der Literatur vergangener Dekaden, dass die These von der überwiegenden Schuld Deutschlands am Ausbruch des Ersten Weltkriegs nicht mehr vertreten wird. Eine Diskussion dieser Werke kann, wenn überhaupt, erst in einer späteren Ausbauphase dieser Arbeit erfolgen. Inwieweit diese Werke die beobachteten historischen Phänomene aus einem anderen Ansatz als dem hier gewählten heraus erklären können, kann daher vorerst nicht beurteilt werden. Denn die Frage ist, zu welchem Zeitpunkt diese Werke ihre Betrachtung beginnen, wahrscheinlich stets sehr viel später als ich hier mit dem Jahr 1839. Ich meine, es braucht den hier gewählten, sehr weit zurückreichenden und detaillierten Ansatz. Manfred Rauhs Darstellung, die den Aufhänger zu dieser Arbeit geliefert hat, ist zwar zutreffend, aber aufgrund der (notwendigen) Knapp- heit infolge einer eigentlich auf den Zweiten Weltkrieg gerichteten Fokussierung nicht ohne weiteres durchsichtig. Dem hoffe ich mit meiner Arbeit, bis zum nun zu betrachtenden Zeitraum, abgeholfen zu haben.

 

So hoffe ich, auch den letzten "friedlichen" Abschnitt vor dem Kriegsausbruch bis zur Transparenz beleuchten zu können. Isolierte Darstellungen, auf welchem Ni- veau sie sich auch immer bewegen mögen (die Behandlung der Julikrise bei Wi- kipedia ist sehr gut), können strukturell bedingt die zum Verständnis notwendige Vorgeschichte nicht ausreichend wiedergeben. Aus heiterem Himmel, wie man ohne einschlägige Vorbildung bei der Lektüre einer isolierten Darstellung vielleicht meinen möchte, kamen Julikrise und Erster Weltkrieg jedenfalls keineswegs, und es wurde auch mitnichten "geschlafwandelt" oder "geschlittert". Alle Akteure wa- ren hellwach und wussten genau, was sie taten, soviel sei vorausgesetzt.

 

Dass die Kriegsgefahr nicht erst mit dem Attentat von Sarajevo begann, haben wir bereits gesehen. Es sei noch einmal deutlich formuliert, wie nach bisheriger Darstellung die Alliierten mit ihrer Einkreisungspolitik die Voraussetzungen für den Krieg schufen und mit ihrer Krisenbereitschaft die Lage verschärften. Der Krieg schien nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Im Juli 1914 veränderte sich diese Frage für die Mittelmächte dahingehend, ob diese Zeit nun gekommen sei.

 

<Neueinfügung 07.08.2016>

Nachdem man, schon aufgrund der technischen Vorteile des Internets vor dem Buch diese Arbeit nicht als "abgeschlossenes Meisterwerk", sondern eher als off- enen Erkenntnisprozess ansehen sollte, ergeben neue Quellen des häufigeren neue Sichtweisen. Die bisherige Darstellung beschreibt hauptsächlich die Eska- lationsschritte der alliierten Mächte. Aus der Buchbesprechung Dale C. Copeland: The Origins of Major War, s. "Weiterführende Literatur", ergibt sich, dass auch Deutschland mit einer eigenen Eskalationsstrategie in die Julikrise gegangen ist. Bezüglich der Deutungsmöglichkeiten für die deutsche Zielsetzung: 1) Lokalisie- rung, dabei aber "kalkuliertes Risiko" des Weltkriegs, 2) Kopflosigkeit bzw. Unter- gangssehnsucht und 3) Präventivkrieg kann Copeland eindeutig nachweisen, dass deutscherseits die Möglichkeit 3) verfolgt wurde. Zu den anderen Möglichkei- ten ist zu bemerken, dass 1) z.T. kommuniziert wurde, und für meinen Begriff aus der Perspektivlosigkeit von 3) wieder in der Konsequenz Möglichkeit 2) zu konsta- tieren ist.

 

 

Neben der Ereigniskette der "großen" Einkreisungspoltik, die bereits im Detail vor-

gebracht wurde, kann und muss auch aufgeführt werden, in welchen Schritten die Kriegsgefahr immer näherrückte. So gibt es eine "kleine" Ereigniskette, die wie eine Reihe fallender Dominosteine bis zur Julikrise und hindurch direkt in den Krieg führte. Diese Darstellung wird von Sönke Neitzel in "Kriegsausbruch" ent- wickelt und beginnt bereits eine ganze Weile vor 1914. Tatsächlich sind der Aus- löser der "kleinen" Ereigniskette die Aktionen und Folgen der Zweiten Marokko- krise. Ich wähle hier eine Auflistung als Zeitlinie, in die immer wieder erklärende Abschnitte eingefügt sind:

 

Februar 1911

Sultan Abd-el-Hafiz von Marokko will eine Militärreform verabschieden und stellt finanzielle Forderungen an bestimmte einheimische Stämme. Die lassen sich das nicht gefallen und schließen die Stadt Fes ein, mitsamt den darin lebenden Euro- päern.

 

Mai 1911

Französische Truppen ent- und besetzen Fes.

 

Juni 1911

Spanische Truppen setzen sich in Nordmarokko fest.

Mit der französisch-spanischen Aktion ist das Abkommen von Algeciras gegen- standlos. Formal ist damit Völkerrechtsbruch begangen und Deutschland hat ein Anrecht auf Kompensation. Der Großteil Marokkos wird in das französische Kolo- nialreich eingegliedert.

 

Die Erweiterung des französischen Kolonialbesitzes in Nordafrika lässt Italien nicht ruhen, das nun ein zweites Mal nach Tunis 1878/81 leer ausgegangen ist. Bismarck hatte auf dem Berliner Kongress Tunis Frankreich zugeschoben. Ob der Besitz von Tunis Italien zu einer anderen Entscheidung veranlasst hätte, ist spe- kulativ. In diesem Fall hätte man aber nicht die Verantwortung an Bismarck fest- machen können. Jedenfalls nimmt Italien den verbliebenen türkischen Besitz in Nordafrika und die Ägäis, so weit sie noch türkisch gehalten wird, ins Visier.

 

September/Oktober 1911

Italienische Truppen landen in Tripolitanien. Der italienisch-türkische Krieg folgt. Die Türken erweisen sich als chancenlos. Die türkische Schwäche reizt die Bal- kanstaaten, den verbliebenen türkischen Besitz (er reichte noch von Konstan- tinopel bis zur Adria) unter sich aufzuteilen.

 

13.03.1912

Serbien und Bulgarien schließen den Balkanbund.

 

Mai 1912

Die Italiener besetzen Rhodos.

Beitritt Griechenlands zum Balkanbund.

 

Oktober 1912

Beitritt Montenegros zum Balkanbund.

 

Die sich abzeichnende türkische Niederlage gegen Italien veranlasst die im Bal- kanbund zusammengeschlossenen Staaten, nun ihrerseits den Ersten Balkan- krieg gegen die Türkei zu beginnen.

 

08.10.1912

Kriegserklärung Montenegros an die Türkei.

 

17.10.1912

Kriegserklärungen Serbiens, Bulgariens und Griechenlands an die Türkei.

 

18.10.1912

Friedensschluss zwischen Italien und der Türkei. Die Türkei tritt Libyen an Italien ab.

 

Mitte November 1912

Serbische Truppen erkämpfen den Zugang zum Adriahafen Durazzo. Der russi- sche Außenminister Sasonow gibt Serbien Rückendeckung und fordert Öster- reich-Ungarn auf, die Errichtung eines serbischen Hafens an der Adria zu akzep- tieren. Das aber berührt vitale Interessen des Habsburgerreichs. Es entwickelt sich die Adriakrise, die schließlich von den Großmächten entschärft wird.

 

23.04.1913

Serbische und montenegrinische Truppen schließen Skutari ein. Österreich-Un- garn reagiert wieder militärisch drohend. Die Großmächte entschärfen erneut die Situation.

 

Juni - August 1913

Aus einer sich selbst überschätzenden Position heraus gibt sich Bulgarien mit der Beute aus dem Ersten Balkankrieg nicht zufrieden, beginnt und verliert den Zwei- ten Balkankrieg. Rumänien beteiligt sich am Krieg gegen Bulgarien und rückt so von Österreich-Ungarn ab. Österreich-Ungarn sieht sich eigentlich genötigt, Bul- garien zu helfen. Deutschland, Großbritannien und Italien moderieren das aber wieder weg.

 

Oktober 1913

Serbische Truppen rücken auf albanisches Gebiet vor und provozieren Öster- reich-Ungarn erneut. Russland moderiert sie weg.

 

Das bulgarisch-russiche Verhältnis hatte der Zweite Balkankrieg nachhaltig ver- giftet, so dass sich Sofia zur Verwirklichung seiner mazedonischen Expansions- pläne Österreich-Ungarn annäherte. Die eigentliche Brisanz des Problems lag aber in der Stellung Russlands. Ohnehin auf proserbischem Kurs, verstärkte die Abkehr Bulgariens diesen noch weiter. Serbien wurde zur Hauptstütze von Russ- lands Südosteuropapolitik und strebte die Eingliederung aller Serben in sein Staatsgebiet als legitimes Ziel an.

 

Durch die Siege in den Balkankriegen blieb also für Serbien die einzige Expansi- onsrichtung die gegen Österreich-Ungarn offen, wo viele Serben lebten. Eine ein- zige Gebietsabtretung hätte aber die Forderung nach vielen weiteren nach sich gezogen und den Vielvölkerstaat an der Donau zusammenbrechen lassen. Bei unveränderter Haltung (und was sollte die verändern?) war ein Konflikt damit vor- programmiert. Serbien jedenfalls riskierte ohne jede Skrupel für seine nationalen Interessen den Weltkrieg.

 

Dennoch hätte man ohne näheres Hinsehen Anfang 1914 meinen können, nichts spräche für einen Krieg. Niemand, auch Österreich-Ungarn nicht, war unmittelbar bedroht. Man hätte einfach so weitermachen können in der eigentlich glücklichen Periode des Fin de Siècle.

 

Wie wir aber gesehen haben, herrschte schon eine ganze Weile latente Kriegsge- fahr. Auch wenn man die Meinung vertreten sollte oder damals vertrat, es würde schon alles gut gehen, bis jetzt hatte man ja noch jede Krise gemeistert, hätten doch bereits einige der betrachteten Ereignisse jeweils für sich schon den Krieg auslösen können.

 

Die Provokationen gingen dabei stets von der alliierten Seite aus. Rekapitulieren wir hierzu die Aufhänger der "Systematischen Krisen":

Bosnische Annexionskrise: Russischer Vorschlag.

Zweite Marokkokrise: Französische (+ spanische) Aktion.

Adriakrise: Serbische Aktion.

Liman-von-Sanders-Krise: Russische Anmaßung.

Wie bereits ausgeführt, kann man hier höchstens das Ansinnen der Mittelmächte aufrechnen, sich notfalls auch mit dem Angriffskrieg gegen derartige Provokatio- nen zur Wehr zu setzen. "Gemacht" hat man aber nichts.

 

Bei dieser Gesamtsituation kann man den Mittelmächten statt sebstbetrügeri- schem Sicherheitsempfinden auch eine andere Sicht unterstellen: nämlich ges- pannte Aufmerksamkeit. Was würde den Alliierten als Nächstes einfallen?

 

 

Frühsommer bis 11.06.1914

Was dann kam, war die Information über die britisch-russiche Marinekonvention. Ab diesem Zeitpunkt müssen bei den Eingeweihten in Berlin, Wien und Budapest die Alarmglocken geschrillt haben. Sie mussten damit rechnen, innerhalb abseh- barer Zeit einem Angriff seitens der Tripel-Entente und Serbiens ausgesetzt zu sein. Grey leugnete die Flottengespräche mit Russland sowohl gegenüber dem deutschen Botschafter als auch am 11. Juni gegenüber dem eigenen Parlament.

 

 

 

 

13.06.1914

Ein Übriges tat der Ausspruch des russischen Kriegsministers Suchomlinow,

 

 

 

 

 

24.06.2014

und in Österreich-Ungarn war die Stimmung bereits zusehends auf Krawall gebür- stet. Schon am angegebenen Tag, vier Tage vor dem Attentat!, forderte man in Richtung Berlin ein energisches Vorgehen gegen Serbien.

 

28.06.2014

In diese Situation platzt förmlich das Attentat von Sarajevo und bringt mit einer Verzögerung von etwa vier Wochen den akuten Spannungszustand endgültig zur Explosion. Der Anstifter des Attentats, Dragutin Dimitrijevic, genannt "Apis", war gleichzeitig führendes Mitglied der Geheimorganisation "Schwarze Hand" als auch Chef des serbischen Geheimdienstes.

In ganz Europa wurde der Anschlag als terroristischer Akt verurteilt, der Wien das Recht auf Satisfaktion gab. In der Tat hatte der serbische Minsterpräsident Nikola Pasič von den Attentastsplänen gewusst, die Warnungen, die er nach Wien ge- sandt haben wollte, sind dort entweder nicht angekommen oder wurden nicht ernst genommen.

 

<Einfügung 07.08.2016: Die Lokalisierungsthese, wie ich sie im folgenden Absatz formuliere, ist in sich stimmig und wird, siehe Anmerkungen, auch von renommier- ten Historikern vorgetragen. Tatsächlich wäre eine Lokalisierung des Krieges auch im Zuge der russischen Mobilmachung immer noch nicht völlig ausgeschlossen gewesen. Tatsache ist aber auch, dass Deutschland mit seinen Kriegserklärungen im Widerspruch dazu handelte. Zur Deutung des deutschen Handelns und Erklä- rung der Motivation siehe Buchbesprechung "Copeland".>

Die Mittelmächte müssen sich jetzt gefragt haben, was die im Attentat gipfelnde Entwicklung zu bedeuten hatte. War das der Auftakt zum großen Krieg? Oder würde man noch einmal davonkommen? Um das herauszufinden, beschloss man, ein Experiment durchzuführen. Serbien sollte in einem "fait accompli" heftig, aber kurz gezüchtigt werden. Das sollte es nach den Vorstellungen der Mittelmächte dann gewesen sein. Würden die Alliierten das akzeptieren, war alles gut. Würden sie es nicht akzeptieren, dann würde es eben, Schicksal, nimm deinen Lauf, den nun unvermeidlichen großen Krieg geben.

 

 

 

05.07.1914

Kaiser Wilhelm II. versichert dem österreichisch-ungarischen Botschafter "ge- wohnte Bundestreue".

 

06.07.1914

Auch Reichskanzler Bethmann Hollweg gibt grünes Licht und betont, "ein sofor- tiges Einschreiten... sei die beste Lösung, ...".

Das ist nun der berühmte "Blankoscheck". Bethmann Hollweg überschätzte dabei aber die österreichisch-ungarischen Reaktionsmöglichkeiten, denn die nun zu wählende Vorgehensweise wollte gut überlegt sein. Die vollendete Tatsache, mit der Bethmann Hollweg und seine Ratgeber die alliierten Reaktionsmöglichkeiten überfordern wollte, hätte auch bei "Erfolg" den großen Krieg nicht in jedem Fall vemieden.

 

<Einfügung 07.08.2016>

Es ist durchaus möglich, dass Deutschland, entgegen Copelands Analyse, bis zu einem gewissen Zeitpunkt doch einen Lokalisierungskurs gefahren hat. Der muss aber dann etwa im Zuge der serbischen Antwort auf das Ultimatum Österreich- Ungarns aufgegeben worden sein. So gesehen sind die von mir zuvor im Anmerkungsteil vorgebrachten "verzweifelten Versuche Bethmann Hollwegs, den "großen Krieg" duch diplomatische Schritte, insbesondere die Teilnahme Großbri- tanniens, doch noch abzuwenden", in Wahrheit Täuschungsmanöver. Sobald er hat, was er will, nämlich die russische Generalmobilmachung, wird er sie ab- brechen.

 

 

Der deutsche Botschafter Fürst Lichnowsky bringt Grey gegenüber die deutsche Vorstellung von der "Lokalisierung" des Krieges zur Sprache. Grey weicht aus. Mindestens zu diesem Zeitpunkt, wenn nicht noch später, hätte Großbritannien Russland stoppen können, wenn es gewollt hätte.

 

07.07.1914

Bethmann Hollweg sieht Russland als immer schwerere Belastung und den Krieg als unvermeidlich an.

 

07.-13.07.1914

Interne Diskussionen im österreichisch-ungarischen Kabinett, unbedingter Kriegs- kurs fast aller Beteiligten.

 

09.07.2014

Grey will Russland beruhigen. [Im folgenden zeigen einige Entnahmen aus Wiki- pedia eindeutig, dass niemand gepennt hat. Verschiedene Seiten gaben eindeu- tige Kriegswarnungen ab. Aus geringen Ansätzen des Einlenkens folgte nichts Wesentliches.]

 

14.07.1914

Den Kriegskurs unterstützt jetzt auch der ungarische Ministerpräsident Graf Tisza, weil Deutschland versprechen konnte, Bulgarien freundlich und Rumänien neu- tral zu stimmen. Tisza setzt aber durch, dass ein Ultimatum an Serbien ausge- sprochen wird.

 

15.07.1914

Reise der französischen Staatsspitze nach St. Petersburg. Sie versichert Russ- land die uneingeschränkte Verlässlichkeit, ohne Rücksicht auf Details der Lage in Südosteuropa ("französischer Blankoscheck"). Poincaré schwört die Russen auf strengste Disziplin ein. Keinerlei Einmischung in die inneren Angelegenheiten Ser-

biens soll geduldet werden. Dem österreichisch-ungarischen Botschafter werden die Konsequenzen klargemacht.

 

(ohne genaues Datum)

Sasonow mahnt Serbien zur Vorsicht, gibt aber gleichzeitig eine Garantie für sei- nen Bestand ab.

 

18.07.1914

Sasonow, an diesem Tag des britischen Beistands bereits sicher (siehe "Wormer", Weiterführende Literatur zu diesem Teil), warnt den deutschen Botschafter klar vor einem österreichisch-ungarischen Kriegskurs. Dieser gibt die Warnung erst am 21.07. nach Berlin weiter, sie trifft erst am Tag der Verkündigung des Ultima- tums dort ein. Der österreichisch-ungarische Botschafter hatte sich gegenüber Sasonow für die Friedfertigkeit seiner Regierung verbürgt.

 

20.07.1914

Serbisches Vermittlungsersuchen an Deutschland. Außenminister Jagow lehnt mit der Begründung bisherigen serbischen Fehlverhaltens ab.

 

21.07.1914

Deutschland warnt in einem Memorandum eindringlich vor den "unabsehbaren" Konsequenzen, sollten die Großmächte Österreich-Ungarn nicht gewähren lassen und Serbien seine Provokationen fortsetzen. Es kann niemand behaupten, er hät- te von nichts gewusst!

<Einfügung 07.08.2016>

Diese "entscheidende Demarche" ist ein Beleg dafür, dass Deutschland zu die- sem Zeitpunkt doch noch einen Lokalisierungskurs verfolgte.

 

22.07.1914

Grey fühlt sich sehr aktiv in die russische Position ein. Es hatte schon wieder rus- sische Vorstöße zur Einflussgewinnung in Persien gegeben.

Deutliche Worte Großbritanniens, egal in welche Richtung, gibt es in dieser Situ- ation nicht. Von Russland, und Historikern, wird das als Eiern bis Verschleiern ge- deutet. Ein Einfluss auf den Kriegskurs Deutschlands ist damit ausgeschlossen. Vielmehr hofft Deutschland, dass sich Großbritannien aus dem Krieg heraushält. Die mit Russland geschlossene Vereinbarung über Asien macht aber die Positio- nierung Großbritanniens lange vor Kriegsausbruch eindeutig.

 

 

 

 

 

23.07.1914

Ultimatum Österreich-Ungarns an Serbien. Es ist so abgefasst, dass Serbien es nach menschlichem Dafürhalten ablehnen muss. Für die Beteiligung österreich- isch-ungarischer Regierungsorgane auf serbischem Territorium gibt es jedoch Präzedenzfälle. Serbien hätte ohne Verletzung seiner Machtkontinuität zustimmen können. Nach Oncken wurden schon "analoge" Forderungen andernorts gestellt. Ein Großteil der Londoner Presse fand die Bedingungen hart, aber angemessen.

Entgegen der unmittelbaren öffentlichen Reaktion auf das Attentat (s.o.) wird das Ultimatum in den Hauptstädten der Tripel-Entente als gröbster Affront gedeutet. Kriegswut macht sich breit.

Sasonow rät Serbien zur Mäßigung bei der Antwort. Grey schlägt eine Botschaf- terkonferenz vor, Deutschland lehnt ab. Man sah Grey wegen seiner Stellung- nahme zur Marinekonvention mit Russland der Lüge überführt und als Vermittler untauglich. Das o.a. Experiment soll durchgezogen werden. Rumänien rät Serbien zur Annahme.

 

24.07.2014

Eindeutige Positionierung des russischen Ministerrats, Serbien zu unterstützen.

Serbien leitet bereits vor Antwort an Österreich-Ungarn Mobilmachungsmaßnah- men ein.

 

25.07.1914 <06.06.2016 Fehlerkorrektur erster Absatz, bisher 24.07.>

Serbien hätte beinahe nachgegeben. Aber russische Telegramme ermuntern zum

Hartbleiben. Russland ist schon vor Ablauf des Ultimatums auf den großen Krieg festgelegt. Demnach ist er schon ab diesem Zeitpunkt nicht mehr aufzuhalten.

 

Geschickt formulierte Ablehnung des Ultimatums durch Serbien.

Teilmobilmachung der Armee Österreich-Ungarns.

 

 

26.07.1914

Russland erklärt die "Kriegsvorbereitungsperiode".

Auch an diesem Tag äußert sich Sasonow unmissverständlich. Das "Gleichge- wicht" auf dem Balkan ist für Russland "Lebensfrage". Frankreich macht in Gestalt des Diplomaten Berthelot klar, dass es Deutschland als die hinter dem Ultimatum stehende Macht ansieht und die für die weitere Verweigerung der Vermittlung die Verantwortung zutragen hat.

 

27.07.1914

Frankreich sieht Österreich-Ungarn in der Verantwortung, wegen "kleiner Differen- zen" einen Weltkrieg hervorzurufen.

Grey gibt eine eindeutige Kriegswarnung ab und macht Deutschland und Öster- reich-Ungarn verantwortlich. Zuvor hat er sowohl dem österreichisch-ungarischen wie dem russischen Botschafter signalisiert, dass Großbritannien nicht neutral bleiben würde. Das bedeutet nun folgendes: Auf Österreich-Ungarn übt er einen hemmenden, auf Russland aber einen bestärkenden Einfluss aus. Letzteres er- klärt er dem russichen Botschafter auch, indem er angibt, auf diplomatische Ma- növer verzichten zu wollen.

 

27./28.07.1914 <06.06.2016 Fehlerkorrektur, bisher 26./27.07.>

<07.08.2016 Nach der Auswertung von Copeland ist klar, dass es sich bei den i.F. dargestellten Demarchen um deutsche Täuschungsmanöver handelt, s.o. zum 06.07.1914.>

Forderungen Deutschlands an Österreich-Ungarn zur Anwendung einer diploma- tischen Komponente kommen zu spät. Deutschland hatte eine entsprechende bri- tische Forderung an Österreich-Ungarn weitergeleitet, um Großbritannien doch noch aus dem Krieg herauszuhalten. Intern hatte Grey aber Großbritannien längst auf Krieg an der Seite Frankreichs und Russlands eingestellt. Eine Konferenz (s.o.) hätte Zeitgewinn für das mobilisierende Russland bedeutet.

 

28.07.1914

Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien und <1 Tag später, eingefügt 06.06.2016> Beginn der Beschießung von Belgrad.

Generalstabschef Joffre erklärt dem russischen Militärattaché in Paris erneut die französische Unterstützung.

 

29.07.1914

Bethmann Hollweg erklärt, dass die Fortsetzung der russischen Kriegsvorberei- tungen die deutsche Mobilmachung und einen Angriff nach sich ziehen würde.

Gegenüber dem britischen Botschafter Goschen kündigt er den Krieg gegen Frankreich unter Brechung der belgischen Neutralität an. Für die britische Neu- tralität stellt er die Wiederherstellung der französischen und belgischen territoria- len Integrität, ohne Berücksichtigung der Kolonien, nach Kriegsende in Aussicht.

Grey erklärt die Aufgabe der britischen Neutralität für den Fall der Betroffenheit Frankreichs.

An diesem Tag kommt es auf der Basis der von Wilhelm II. am 28.07. ausgedach- ten "Halt-in-Belgrad"-Idee doch noch zu einem gemeinsamen deutsch-britischen Vorschlag an Österreich-Ungarn. Das lehnt am 30.07. ab und nimmt am 31.07. "bedingt" an, was keine Wirkung mehr hat.

 

30.07.1914

Russland macht mobil.

Kaiser Wilhelm II. fordert den Zaren Nikolaus II. auf, den Frieden zu wahren. Der Zar formuliert daraufhin die Mobilmachung in eine Teilmobilmachung um, was nichts bringt (s.u.).

Die deutschen Militärs drängen auf die Generalmobilmachung.

Letzte Anstrengungen Bethmann Hollwegs, Österreich-Ungarn zur Abgabe be- schwichtigender Erklärungen an Russland und zur Gesprächsaufnahme zu ver- anlassen.

Belgien trifft Maßnahmen zur Verteidigung.

Unklarheiten in Österreich-Ungarn über die deutsche Mobilmachung bestärken den dortigen Konfrontationskurs.

Deutschland erfährt, dass die russische "Teilmobilmachung" umfangreicher ist als angenommen und die Vorbereitungen dazu schon 5 Tage her sind. Der Zar ist jetzt entweder als Lügner anzusehen, oder er hat seinen Laden nicht im Griff. Tatsächlich war dem durchsetzungsschwachen Zaren von seinem Apparat mit "Revolution" gedroht worden, hätte er darauf bestanden, die Mobilmachung wirk- lich zu begrenzen.

 

<Einfügung 07.08.2016>

Nach der Auswertung von "Copeland", s. "Weiterführende Literatur", nehme ich von der bisher hier folgenden Formulierung: "Ab diesem Zeitpunkt ist die Unver- meidlichkeit des großen Kriegs auch in Deutschland klar, auch hier schaltet man jetzt auf Konfrontation" Abstand. Selbst wenn zwischenzeitlich auch ein Lokalisie- rungskurs gefahren worden sein sollte, der deutsche Konfrontationskurs ist sicher bereits mit der ersten Anwendung der Formel "Mobilisierung bedeutet Krieg" ge- genüber Russland vom 26.07.1914 nachzuweisen.

 

 

 

31.07.1914

Österreich-Ungarn erklärt die Generalmobilmachung.

Russland erklärt die Generalmobilmachung.

Deutschland erklärt die "drohende Kriegsgefahr" (de facto die Mobilmachung).

Grey fragt nach der Neutralität Belgiens. Frankreich garantiert sie, Deutschland weicht aus.

<Neufassung des folgenden Blocks 07.08.2016>

Deutschland fragt nach der Neutralität Frankreichs. Garniert ist diese Anfrage mit der Forderung nach Auslieferung der alten Reichsfestungen Toul und Verdun als Faustpfänder. Ministerpräsident Viviani weicht aus.

 

 

 

 

 

 

 

 

<Neufassung des folgenden Blocks 07.08.2016>

In Deutschland war man <nicht nur offensichtlich, wie bisher argumentiert, sondern ganz dezidiert, s. Quelle "Copeland" in "Weiterführende Literatur"> der Ansicht, über die russische Generalmobilmachung die Kriegsschuld Russland zuschieben zu können (die spätere historische Rezeption sollte diese Überlegung ad absurdum führen <die deutsche Überlegung ging in eine andere Richtung, s.o. "Copeland">). Man stellte also ein Ultimatum an Russland, das der deutsche Botschafter um Mitternacht übergeben sollte und das die bedingungslose Einstel- lung der Mobilmachung innerhalb von 12 Stunden forderte. Großbritannien wurde darüber informiert.

An diesem und am folgenden Tag sollte Grey ein Bravourstück seiner intriganten Diplomatie abliefern. Zunächst, noch ohne Kenntnis des deutschen Ultimatums, teilt er dem russischen und dem deutschen Botschafter mit, Großbritannien wür- de nicht neutral bleiben, dem französischen Botschafter sagt er das genaue Ge- genteil (siehe auch sein ähnliches Manöver am 27.07.). Belgien, dessen Haltung noch unklar ist, fordert er auf, sich zu verteidigen. Auf Vorhaltungen des französi-

schen Botschafters macht er klar, dass das britische Kabinett (dessen Mehrheit für den Kriegseintritt nur im Fall der Verletzung der belgischen Neutralität zu Stande kommen wird) entscheiden wird.

 

01.08.1914

Laut "The Mirage of Power" wollen Grey, Asquith und Churchill den König nachts um 1:30 Uhr aus dem Bett geholt haben, um auf eine Vermittlungsanfrage Wil- helms II. den Zaren von der Generalmobilmachung abzubringen. Aber außer der Störung der Nachtruhe des Königs kam nichts dabei heraus, Nikolaus war nicht umzustimmen.

<07.08.2016 Die bisher an dieser Stelle stehende Passage eines eigenen deut- schen Ultimatums an Frankreich mit der Forderung der Auslieferung der Reichs- festungen war unzutreffend und wurde entfernt.>

Frankreich erklärt die Mobilmachung (15:45 Uhr nachmittags laut französischen Wikipedia).

 

Man muss sich für diesen Tag und diese Uhrzeit folgendes verdeutlichen: Deutschland sieht sich einem Angriffsbündnis und der Mobilmachung zweier sei- ner Nachbarn gegenüber. Nach menschlichem Dafürhalten handelt es sich bei der Kombination von Angriffsbündnis und Mobilmachungen um Kriegshandlungen. Deutschland muss davon ausgehen, dass ein koordinierter Angriff auf sein Staatsgebiet unmittelbar bevorsteht. Das Deutsche Reich hat somit einen objek- tiven Kriegsgrund!

 

 

 

 

 

 

 

 

Deutschland erklärt die Mobilmachung (17:00 Uhr).

Ein missverständliches Telegramm des deutschen Botschafters in London Lich- nowsky suggeriert die Möglichkeit der Neutralität sowohl Großbritanniens als auch Frankreichs, falls es im Westen nicht zu Kampfhandlungen kommt. Wilhelm II. verlangt draufhin, die Mobilmachung gegen den Westen zu stoppen. Es gibt aber keinen militärischen Alternativplan.

König Georg V. klärt das Missverständnis auf.

Deutschland erklärt Russland den Krieg (19:00 Uhr).

 

 

 

 

 

Lloyd George meint noch an diesem Tag, 95% des englischen Volkes wären ge- gen einen britischen Kriegseintritt.

 

<Eingefügte Erläuterung 07.08.2016>

Die in der u.a. Detailbetrachtung analysierte Greysche Intrige mag sehr interes- sant sein, die Analyse Greys Motivation aufdecken. Für den Kriegsausbruch war sie aber aufgrund der Zeitdifferenzen der in Berlin ein- und ausgehenden Telegramme nicht entscheidend. Denn: Das Telegramm mit der Anweisung zur Übergabe der Kriegserklärung wurde bereits um 12:52 Uhr abgesandt. Das "Lich- nowsky-Telegramm" (DAS Telegramm, versandt hat der deutsche Botschafter in London viele) ging erst um 16:23 Uhr in Berlin ein.

 

 

Detailbetrachtung zum "Lichnowsky-Telegramm":

 

Am Morgen des 01.08.1914 steht Grey vor folgender Situation: Infolge des deut- schen Ultimatums an Russland scheint der allgemeine Krieg unmittelbar bevorzu- stehen. Aber ohne die Verletzung der belgischen Neutralität durch deutsche Trup- pen ist eine Kriegsteilnahme Großbritanniens, wenigstens unter dem liberalen Ka- binett, nicht sicher. Belgien hat zwar die Generalmobilmachung erklärt, ob es sich aber wirklich verteidigen wird, ist unklar, "belgischer sein als die Belgier" können die Briten nicht. Ebenso muss nicht auf jeden Fall davon ausgegangen werden, dass Deutschland das Ultimatum überhaupt in eine Kriegserklärung umsetzt, und wenn, könnte es auch gleich gegen Russlands Verbündeten Frankreich eine solche aussprechen. Weiter könnte Frankreich sich durch eine Kriegserklärung Deutschlands an Russland veranlasst sehen, mit einer solchen an Deutschland zu antworten. Großbritannien wären dann die Hände gebunden, so lange Deutsch- land nicht in Belgien einmarschiert bzw. Belgien sich nicht verteidigt. Um die britische Kriegsteilnahme zu gewährleisten, muss also Frankreich möglichst lange neutral gehalten, Deutschland aber zu einem militärischen Abenteuer ermutigt werden.

 

[Bei der vorstehenden Aufzählung von Möglichkeiten und der Schlussfolgerung daraus handelt es sich um meine eigene Interpretation. Der Darstellung von Valo- ne, Grey wollte mit seiner Handlungsweise Frankreich veranlassen, Druck auf Russland auszuüben und so in letzter Minute den Frieden zu wahren, ist nicht zu folgen. Valone kann diese Argumentation nur aufbauen, indem er die britische Kommunikation gegenüber Russland völlig außer Acht lässt.]

 

Durch einen persönlichen Telefonanruf bei Lichnowsky und zwei Besuche seines Privatsekretärs Tyrrell bei ihm stellt Grey die sowohl die britische als auch die französische Neutralität in Aussicht, falls es nicht zu einem deutschen Angriff auf Frankreich kommt. Noch vor Ablauf des deutschen Ultimatums an Russland gibt Lichnowsky diese Nachricht nach Berlin weiter. Bei seinem zweiten Besuch stellt Tyrrell sogar die britische Neutralität im Falle nur des Krieges Deutschlands gegen Russland in Aussicht. In Berlin meinen sie entweder, sie träumen oder Grey ist verrückt geworden. Der ist aber völlig klar im Kopf und Lichnowsky nicht taub. Der Vorschlag, von Grey eindeutig als sein eigener gekennzeichnet, findet sich auch als besondere Einfügung in seinen Akten. Es gab kein Missverständnis.

 

Vielmehr handelt es sich um die vielleicht wichtigste von Greys Intrigen. Denn kurz nach Mittag machen die Belgier klar, dass sie im Falle einer Invasion kämpf- en werden. Ebenso meldete Goschen aus Berlin, sein Militärattaché wäre zuver- sichtlich, dass Deutschland im Kriegsfall durch Belgien marschieren würde. Im Gespräch mit Lichnowsky um 15:30 Uhr relativiert Grey daraufhin seine Aussage. Er sagt, [im Falle Frankreichs] müsse er erst nachfragen, und es wäre schwer, die zwei Armeen auseinanderzuhalten. Auch das gibt Lichnowsky nach Berlin weiter.

 

Dort ist man aber zunächst, die Kommunikation braucht Zeit, weiter der Auffassung, im Westen würde es nicht zum Krieg kommen, und hat die Kriegs- erklärung an Russland ausgesprochen. Kaiser Wilhelm II. verlangte, den Trup- penaufmarsch nach Osten umzudirigieren, der deutsche Generalstabschef Moltke flippte darüber schier aus. An Georg V. schickte Wilhelm ein Akzeptanztelegramm zu den von Lichnowsky vor Mittag übermittelten Vorschlägen Greys.

 

Der britische König konnte sich auf Wilhelms Telegramm anscheinend keinen Reim machen und zitierte Grey in den Buckingham-Palast. Der redete sich dort mit dem "Missverständnis" heraus, was so nach Berlin weitergegeben wurde. Der überhöfliche Lichnowsky schloss sich, wider besseres Wissen, an.

Nachdem also von der britischen Neutralität und der Abstandnahme von Kämpfen im Westen keine Rede sein konnte, wandte sich der Kaiser mit den Worten: "Nun können Sie machen, was sie wollen!" resigniert an Moltke. Der Aufmarsch im Westen konnte wie geplant weitergehen.

 

Greys Rechnung war zum wiederholten Mal aufgegangen. Er konnte jetzt auch Frankreich von der Leine lassen. Bisher hatte er den Franzosen erkärt, dass sie bei einem Kriegseintritt die alleinige Verantwortung trugen. "Sie werden uns im Stich lassen, sie werden uns im Stich lassen," jammerte der französische Botschafter in London Paul Cambon (neben Moltke das andere [aber wohl nicht das einzige] Nervenbündel dieses Nachmittags) gegenüber Nicolson. Der begab sich zu Grey und hielt ihm vor: "Sie machen uns zum Sprichwort [= "Perfides Albion", wie Bertie im nächsten Absatz ausführt] unter den Nationen!" Grey biss sich auf die Unterlippe.

Nach seinem Besuch beim König änderte Grey seinen Kurs. Dort wird er auch von der deutschen Kriegserklärung an Russland erfahren haben. Churchill bekommt das um 9:30 Uhr mit und darf die britische Flotte mobilisieren. Grey, der zwischen 8:30 und 9:30 Uhr das Antworttelegramm mit dem angeblichen Missver- ständnis an Wilhelm II. entworfen hatte, erklärte Churchill weiter, dass er den Franzosen den Schutz ihrer Küste zugesichert hatte. Cambon konnte sich nun beruhigen, denn das bedeutete den britischen Kriegseintritt [ganz ohne Belgien] auf der Seite der Tripel-Entente.

In Frankreich beschloss man aber, bei Greys vorsichtigem Kurs zu bleiben und erst noch zuzuwarten.

 

02.08.1914

Deutsche Truppen rücken in Luxemburg ein. Deutsches Ultimatum an Belgien, den Ein- und Durchmarsch zu dulden. Belgien lehnt ab und gibt bekannt, dass fünf französische Armeekorps zum Einmarsch bereitstünden.

Völlig überzogene britische Forderung an Deutschland bezüglich der Schonung französischer Küsten und französischer Schiffe in Kanal und Nordsee. Deutsch- land hätte ersteres sogar zugestanden. Großbritannien reicht das nicht.

Über die Frage der belgischen Neutralität hebelt Grey die Stimmung im Kabinett in Richtung Krieg.

Die Verteidigung der Neutralität Belgiens wird dabei sehr ungleich gesehen - je nachdem, wer sie verletzt.

Nach Sasonow hätte eine Fortsetzung des friedlichen Zusammenlebens Deutsch- lands "Hegemonie" "bestätigt".

 

03.08.1914

Deutschland erklärt Frankreich den Krieg.

 

Als Grey vorübergehend keine Mehrheit im Kabinett hat und schwankt, gelingt es einer Kamarilla aus der Konservativen Partei, die Opposition zu sammeln und zum Kriegskurs zur Verfügung zu stellen (vorausgegangen war eine deutsche Neutralitätsformel für Großbritannien).

Grey stimmt in einer mitreißenden Rede die britische Öffentlichkeit auf Krieg.

Bethmann Hollweg gibt den Briten bekannt, dass es sich bei der erwarteten Neu- tralitätsverletzung Belgiens durch Deutschland nicht um einen bewussten Völker- rechtsbruch, sondern um einen Verzweiflungsakt handelt.

Aber Großbritannien ist nicht beeindruckt. Das britische Ultimatum an Deutsch- land ergeht.

 

 

04.08.1914

Großbritannien erklärt Deutschland den Krieg. Zuvor gab es weitere Kommunika- tion zwischen Deutschland und Großbritannien, die aber zu nichts mehr führte. Grey äußert ganz offen das Hegemonieargument.

 

06.08.1914

Österreich-Ungarn erklärt Russland den Krieg.

 

Damit ist nun die Katastrophe komplett, und das britische Intrigenspiel erneut und entscheidend aufgegangen. Der große Krieg ist da, und infolge ihrer Kriegserklä- rungen stehen die Mittelmächte als Aggressoren da. Kriegsgrund hin oder her, anstatt Kriegserklärungen an Frankreich und Russland abzugeben, hätte man auf Seiten der Mittelmächte besser eiskalt abgewartet, bis man angegriffen wird. Eine Defensivaufstellung der eigenen Truppen wäre kein Ding der Unmöglichkeit gewesen. So, wie es gekommen ist, konnte den Mittelmächten die Kriegsschuld zugeschoben und sie nicht nur militärisch, sondern auch moralisch geschlagen werden.

 

Wenn ich bis hierhin meine Arbeit richtig gemacht habe, dann habe ich eine ver- ständliche und lückenlose Darstellung der Ereignisse geliefert, die in den Ersten Weltkrieg führten. Wir haben gesehen, was die beteiligten Mächte antrieb. Russ- land wollte in seinem kontinuierlichen Expansionsdrang seine Machtbasis erwei- tern und benutzte Serbien als Mittel dazu. Serbien wollte sein Gebiet erweitern und zur Macht mittlerer Größe aufsteigen. Frankreich suchte den Revanchekrieg bis hin zur Rückzersplitterung Deutschlands. Großbritannien suchte den russi- schen Druck von der indischen Nordwestgrenze loszuwerden und dazu Russland und Deutschland gegeneinander in den Krieg zu treiben, außerdem im Verein mit den USA in den Machtverhältnisse auf der Welt zu einer angelsächsischen Vor- rangstellung zu kommen. Österreich-Ungarn fürchtete um seine Existenz. Deutschland fürchtete, seinen einzigen Verbündeten zu verlieren und wollte den Einkreisungsring sprengen.

 

So weit, so schlecht. Nachdem wir hier aber auch spekulieren wollen, betrachten wir einmal die Frage, was passiert wäre, hätte man den Krieg doch noch vermie- den. Was wäre gewesen, wären die beteiligten Großmächte (Serbien lassen wir mal außen vor) doch noch im letzten Moment vor dem Krieg zurückgeschreckt?

 

Nun, jeder ist ersetzlich, auch ein Franz Ferdinand. Österreich-Ungarn hätte die serbische Provokation auch einfach schlucken können. Aber welchen Eindruck hätte das auf die Welt gemacht, und erst auf die innere Situation? Die Führung musste fürchten, ihre Autorität gerade zu den (wenigen) loyalen Bevölkerungstei- len auch noch zu verlieren. Die Selbstauflösung des Landes, womöglich mit bür- gerkriegsähnlichen Zuständen, hätte folgen können.

 

Was wäre die zugesicherte Unterstützung Russland für Serbien wert gewesen, hätten sich die russischen Versprechungen als reine Lippenbekenntnisse erwie- sen? Russland konnte es sich nicht leisten, zu kneifen. Es musste zeigen, für sei- ne und die serbischen Interessen auch zu kämpfen, wenn es darauf ankam, meinte der Historiker Dominic Lieven in einer Fernsehdokumentation.

 

Und was wäre der französische Beistand für Russland wert gewesen, hätte Frank- reich sich im entscheidenden Moment verweigert? Das gesamte europäische Bündnissystem hätte zur Disposition gestanden, hätte es keinen Krieg gegeben. Auf niemanden hätte man sich mehr verlassen können.

 

Das gilt ganz besonders, wenn Deutschland nach der Adriakrise zum zweiten Mal Österreich-Ungarn kalt geduscht hätte. Man konnte einfach nicht immer bremsen. Auch falls es keinen Krieg und kein Chaos in Österreich-Ungarn geegeben hätte, wäre das Bündnis mit Deutschland für die Donaumonarchie wertlos gewesen. Die Gefahr bestand, dass auch sie sich von Deutschland abwandte und Deutschland alleine dastand.

 

Und Großbritannien? Dazu habe ich am Ende von "Kriegsgeständnisse" schon ein paar Worte verloren. Nun war man, nach jahrzehntelangen Vorbereitungen, endlich da angekommen, wo man hin wollte, beim deutsch-russichen Krieg, und dann soll man ihn verhindern? Wozu bitte?

 

Im Friedensfall wäre nichts mehr berechenbar gewesen. Jede andere Kombi- nation von Mächten wäre denkbar geworden, und ein dauerhafter Frieden dadurch unwahrscheinlicher denn je. Da war der Krieg schon "sicherer".

 

Eine Frage habe ich noch nicht beantwortet, nämlich die eingangs gestellte, ob die Mittelmächte nicht eine Alternative zum Krieg gehabt hätten, wenn sie sich, anders als in den unmittelbar vorangegangenen Abschnitten ausgeführt, nicht einzeln, sondern gemeinsam entschlossen hätten, einfach keinen Krieg anzufan- gen. Denn, und da möchte ich Neitzel, und damaligen Zeitgenossen, die gemeint haben, der Krieg wäre 1914 gerade noch gewinnbar, später aber nicht mehr, wi- dersprechen. Der Krieg war schon 1914 nach menschlichem Ermessen für die Mittelmächte nicht gewinnbar. Dennoch "sprang man ins Dunkle".

 

 

 

Die einzige denkbare Alternative wäre die gewesen, gleich komplett das Handtuch zu werfen, der eigenen Selbstauflösung zuzustimmen und sich den fremden Mächten auszuliefern. Das war aber nach den damaligen Ehrbegriffen undenkbar. Man wusste, dass das Spiel aus war. Aber mit einem "Reaganschen Winseln" wie die Sowjetunion 1991 wollte man die Bühne nicht verlassen. Dafür, vor dem Ver- schwinden noch den passenden Eindruck zu hinterlassen, konnte man nicht an- ders, als sehr, sehr viel Blut zu vergießen. Diese Einschätzung ist relativ schwer zu beweisen. Zu finden war aber Folgendes:

 

Für Deutschland aus einem bereits 1894 von Bülow an Philipp von Eulenburg geschrieben Brief: "Der schüchterne, einsilbige, hyperbescheidene Friedrich Wil- helm III. konnte Jena überdauern: unser stolzer Herr [gemeint ist natürlich Wil- helm II.] würde es nicht."

 

Für Österreich-Ungarn der Reichsratsabgeordnete Josef Redlich (angesichts des Ultimatums): "Wir wollen und dürfen kein kranker Mann sein..., lieber rasch zugrunde gehen!"

 

Für die Türkei, die den Mittelmächten alsbald in den Krieg folgen sollte (29.10. 1914), der Marineminister und spätere Kommandeur der 4. Armee Dschemal Bey:

"Ich glaube, es ist die letztendliche Pflicht der Türken, entweder wie eine ehren- hafte Nation zu leben oder die Bühne der Geschichte ruhmreich zu verlassen."

 

 

 

 

 

Einleitender Text: Schlussfolgerungen aus den bisherigen Betrachtungen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Siehe hierzu sehr ausführlich Sean McMeekin, The Berlin-Baghdad Express, Literaturangabe s. 4. Kapitel 1890 - 1897.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das wohl auffälligste dieser Bücher war "Die Schlafwandler" des australischen Historikers Christopher Clark. Wenn, als oberflächlichste Beurteilung, es in einer Rezensionsnotiz der "Frankfurter Allgemeinen" (gefunden auf https://

www.perlentaucher.de/buch/christopher-clark/

die-schlafwandler.html) etwa heißt, Großbritan- nien und Frankreich hätten eine "unsinnige" Bündnispolitik verfolgt, deutet das darauf hin, dass Clark der Sinn dieser Vorgehensweise nicht klar ist. Den Sinn hoffe ich herausgearbei- tet zu haben.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das "Schlittern" geht auf ein Zitat von Lloyd George zurück, der in seinen Memoiren aus- führte: "Die Nationen schlitterten über den Rand,

hinein in den brodelnden Hexenkessel des Krie- ges ohne eine Spur von Verständnis oder Bes- türzung." [Auf die Angabe einer genauen Fund- stelle wird vezichtet, da das Zitat allgemein ge- läufig ist.] Das das nicht sein kann, dass gerade auch Lloyd George eine aktive Rolle im Zusam- menhang mit der Auslösung des Krieges ges- pielt hat, geht aus der bisherigen Darstellung hervor.

 

 

Die alte Version dieses Kapitels bleibt aus Ver- gleichsgründen weiter zugänglich.

 

 

 

Nicht nachweisen kann Copeland, entgegen sei-

nes dahingehenden Anspruchs, dass Öster- reich-Ungarn von Deutschland zum Krieg ge- drängt wurde bzw. dass Russland eine Strate- gie der Kriegsverhinderung fuhr. Man muss sich die Ereignisse damit wohl so vorstellen, als wä- ren mehrere Autofahrer auf einer sternförmigen Kreuzung zusammengestoßen, und keiner hatte

gebremst.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ab hier folgende Zitate aus Neitzel, s. links:

 

 

 

 

 

 

S. 105.

 

 

 

 

 

 

 

S. 107.

 

 

ds.

Fortgang der Krise als solcher bei den "Syste- matischen".

 

 

 

 

 

 

Der "30 Jahre alte Fehler Bismarcks", siehe "Systematische Krisen".

Bei der Auslösung beider Weltkriege werden entscheidende Zwischenschritte von Italien unternommen (persönliche Beobachtung).

 

 

 

 

S. 125.

 

 

 

 

 

 

S. 126.

 

 

 

 

S. 125.

S. 126.

 

ds.

 

 

 

ds.

 

 

 

 

ds.

 

 

ds.

 

 

 

ds.

 

 

 

 

ds.

 

 

 

 

 

 

 

S. 134.

 

 

 

 

 

S. 134f.

 

 

 

 

 

 

 

 

S. 135.

 

 

 

 

Wörtliche Übernahme aus S. 135.

 

Wörtliche Übernahme aus S. 136.

 

 

 

 

 

 

 

Persönliche Schlussfolgerungen. Ab hier wer- den wieder Zitate aus Oncken, a.a.O., einge- flochten. Diese werden zur besseren Lesbar- keit hier mit [O] gekennnzeichnet, solche aus Neitzel (s.o.) mit [N].

[O], S. 737.

 

 

 

Möglicherweise kommt man zu "Schafwandler- thesen", wenn man Überlegungen dieses und des nächsten Absatzes anstellt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Genaues siehe dort.

 

 

 

 

 

 

 

Das meint auch Grenville (a.a.O.) auf S. 369: "...neither the Kaiser nor his advisors did more than dream of a great imperial future for Ger- many."

 

 

 

 

 

Quintessenz der 800-Seiten-Dissertation von Stephen Schröder zum Thema zitiert von Mich- ael Epkenhans (http://www.sehepunkte.de/2007

/09/12024.html): "Im Vergleich mit den anderen Faktoren, welche die deutsche Politik im Juli 1914 beeinflussten, war die Episode um die Marinekonvention in einem spezifischen Sinne bedeutsam und trug insgesamt als ein erheb- lich verstärkender, wenn auch nicht ursächli- cher Faktor zur Gestaltung des Berliner Risiko- kurses in der Julikrise bei." ([vermutlich Zitat S.] 725).

 

[O], S. 783f, siehe auch "Kriegsgeständnisse",

bei [N], S. 158, liegt das Zitat drei Monate früher.

<Geändert 07.08.2016>

Tatsächlich gibt es zwei dahingehende Äuße- rungen Suchomlinows in diesem zeitlichen Ab- stand, Kommentar zu den Deutschen Doku- menten S. 15, s. Buchbesprechung "Copeland".

 

[N], S. 166.

<Eingefügt 06.06.2016>

Zur Julikrise gibt es in Wikipedia eine sehr aus- führliche Chronologie, die sich hauptsächlich auf ein entsprechendes Werk von Immanuel Geiss stützt.. Zitate von dort sind mit [W] ge- kennzeichnet.

 

 

[N], S. 164.

 

 

[N], S. 165.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

"Experiment": Gerd Krumeich laut Wikipedia zur Julikrise: "Dahinter habe die Idee gestanden, Russlands Kriegsbereitschaft und -willigkeit zu testen." Als Möglichkeit formuliert das Fritz Fi- scher im Vorwort zu Vogel, a.a.O.. Christopher Clark vertrat das in einer Fernsehdokumentati- on. [Bei Kenntnis der Mächtebeziehungen kann es sich nicht nur um Russlands ~ gehandelt haben] "Fait accompli", ein gängiger Ausdruck für Bethmann Hollwegs Vorgehensweise aus dem diplomatischen Schriftverkehr z. B. bei [N], S. 180.

 

[N], S. 166.

 

 

 

[N], S. 167.

 

 

 

Persönliche Beobachtung, s.u. "Interne Diskus- sionen".

[O], S. 792.

Nach der bisherigen Argumentation ist Deutsch-

land infolge der Abgabe des "Blankoschecks" schlicht nicht mehr am Zug, die Entscheidung über den Fortgang der Entwicklung liegt bei den Alliierten. Die Kriegserklärungen an Russland und Frankreich könnten nur so motiviert werden,

indem man die Bündnissituation und die kon- gruenten Mobilmachungen dieser Mächte deut- scherseits verwertet hätte (die Zeitdifferenz zwischen den Kriegserklärungen bliebe aber auch dann noch rätselhaft). Das tat man aber nicht, s.u.. Stattdessen liefert Copeland (Buch- besprechung s. "Weiterführende Literatur") die nachvollziehbare Darstellung.

 

 

 

 

 

 

[O], S. 795f.

 

 

 

 

[N], S. 168.

 

 

 

 

[N], S. 174.

 

 

 

 

[W].

 

 

 

 

 

 

[N], S. 174.

 

 

 

 

 

 

[N], S. 176f, 183.

 

 

[O], S. 798f.

 

 

 

 

 

[N], S. 177f.

 

 

 

 

[W].

 

 

 

Zur Ursache der Verzögerung wird keine Anga- be gemacht.

 

 

 

[W].

 

 

 

 

[O], S. 800f. Der Krieg soll als reine Angelegen-

heit zwischen Österreich-Ungarn und Serbien

aufgefasst werden. Es würde sehr mich inte- ressieren, ob diese entscheidende Demarche

in der neueren Literatur Beachtung findet!

In [W] ist es jedenfalls vorhanden. Die Bekannt- gabe erfolgte am 24.07..

 

 

 

 

Greys Verständnis [O], S. 796.Vorantreiben des innerpersischen Eisenbahnbaus durch Russ- land laut [O], S. 777, was Großbritannien natür- lich gar nicht recht sein konnte. Auf der anderen Seite Garantieangebot der asiatischen Besitz- ungen durch Russland, für Grey unwidersteh- lich [was aber zeigt, dass Russland auch an- ders könnte], [N], S. 179.

Ds., <Einfügung 06.06.2016> genau siehe "Persisches Arrangement" in "Wormer", s.o.. Eine Entschuldigung von Greys Zurückhaltung mit der Unkentnnis des Ultimatumstextes [siehe W] ist schwach begründet. Grey würde aber, s.u., wenige Tage später auf seine spezielle Art aktiv werden.

 

 

[N], S. 180. Bewusste Formulierung der Unan- nehmbarkeit [W] zum 10. und 18.07..

 

 

 

[O], S. 800.

ds.

 

[N], S. 181. Zwischen den Behauptungen von Neitzel und Oncken besteht ein gewisser Wi- derspruch.

[N], S. 182.

[N], S. 179. Laut [W] Vorschlag Greys vom 26.07., deutsche Ablehnung am 27.07..

[N], S. 182.

 

 

 

 

[W].

 

Die Annahme der Defensivität der Maßnahmen laut [W] setzt die Nichtbeachtung der Weltlage durch Serbien voraus.

 

[O], S. 801f.

 

Persönliche Schlussfolgerung.

 

 

 

[N], S. 182.

Ds., S. 182f, <genauer formuliert 06.06.2016 (zuvor zu beiden Staaten gleichlautend Mobil- machung).>

 

[N], S. 183. <nachgetragen 06.06.2016>

[W].

 

Ds.

 

 

 

 

 

Ds.

 

 

Ds.

 

 

 

Persönliche Schlussfolgerung.

 

S. "Persisches Arrangement" in "Wormer", s.o..

 

 

 

 

 

 

 

 

[N], S. 186f, [O], S. 810f. Deutschland verstößt damit gegen seinen Grundsatz, der Krieg sei ausschließlich eine Angelegenheit zwischen Ös-

terreich-Ungarn und Serbien. Österreich-Un- garn lässt sich nicht mehr stoppen.

 

[O], S. 815.

 

[N], S. 182.

 

Nach [W] um 2 Uhr morgens am 29.07..

 

[N], S. 184.

 

 

 

[N], S. 184f.

 

 

[W].

 

 

 

[N], S. 187, 191, [O], S. 812.

 

[W].

 

 

 

 

 

 

[N], S. 185.

 

 

 

 

[N], S. 187.

 

<07.08.2016 s.o. als Täuschungsmanöver ent-

tarnt.>

[N], S. 188.

ds.

 

ds.

 

Eigene zugespitzte Formulierung.

<Nachträgliche Einfügung 10.05.2016>

Letzteres war der Fall, s. "Wormer", S. 269, in "Weiterführende Literatur", <Nachträgliche Ein- fügung 07.08.2016> bzw. sogar beides, weil der Zar die russische Mobilisierung in Dokument

DD 390 als "defensiv" gegen Österreich-Ungarn hinstellte. "Revolution" [O], S. 807f.

 

 

 

 

 

 

Dokument DD 219 (Copeland, S. 91).

 

 

 

 

 

[N], S. 188.

[N], S. 189.

ds.

[N], S. 191f.

 

Aufgrund der Quelle "Copeland", s. "Weiterfüh- rende Literatur".

[N], S. 190f. Viviani will "gemäß den französi- schen Interessen" handeln.

Ein eigenes deutsches Ultimatum an Frankreich

gab es nicht. Dagegen kann man die Forderung nach Auslieferung der Festungen (Deutsche Do-

kumente DD 491, s. Buchbesprechung "Cope- land" nur als handfeste Provokation bezeichnen.

Ob der deutsche Botschafter sie überhaupt stellte, wird kontrovers diskutiert. In "Versailles" muss sie Staatspräsident Poincaré bekannt ge- wesen sein (Kommentar zu den Deutschen Do-

kumenten S. 99).

 

<Einfügung dieses Blocks 07.06.2016>

Zur russischen Kriegsschuld [N], S. 189.

Die herunterladbaren Deutschen Dokumente,

mit DD gekennzeichnet (s. Buchbesprechung "Copeland") erlauben eine hervorragende Nach-

prüfbarkeit <eingefügt 07.08.2016>.

 

Ultimatum laut [W], Dokument DD 490.

Nachricht an Großbritannien in Stephen J. Valone, "There Must Be Some Misunderstan- ding": Sir Edward Grey's Diplomacy of August 1, 1914, S. 8f. Digitale Publikation des St. John Fisher Colleges, herunterladbar: http:// fisherpub.sjfc.edu/cgi/viewcontent.cgi?article= 1000&context=history_facpub, weiter zitiert als [V].

Greys Kommunikation mit dem deutschen Bot- schafter ist in [W], die mit dem russischen ist in [V] (S. 8, gedruckte S. 410) nicht enthalten (Rest

nachweisbar).

 

 

 

 

Dort Bd. I, S. 149 (Quelle s. "Kriegsgeständnis- se"). In Kenntnis von Greys sonstigen Machen- schaften ist aber entweder diese Darstellung oder die Grey unterstellte Motivation, dadurch den Frieden wahren zu wollen, unglaubwürdig.

 

<Bisheriges Zitat [N], S. 190.>

 

 

 

 

 

 

<07.06.2016: Meine These mag formal richtig sein, die Entscheidung für die deutsche Kriegs- erklärung nur an Russland an diesem Tag könn- te einen anderen Grund haben, s.u. Detailbe- trachtung zum "Lichnowsky-Telegramm".>

<07.08.2016 s. Buchbesprechung "Copeland": Tatsächlicher Grund war die russische General- mobilmachung und die darauf aufbauende deut-

sche Kriegsschuldzuschreibung an Russland, die eine Präventivkriegsrechtfertigung gegenüb- er der eigenen Bevölkerung ermöglichte.>

Der Kriegsgrund, eine persönliche These, wur- de von der deutschen Regierung nicht verwer- tet. Bethmann Hollweg nahm von der französi- schen Mobilmachung erst um 23:30 Uhr Kennt- nis (Dokument DD 605).

 

[N], S. 189. <Fehlerkorrektur 07.06.2016, bisher S. 191.>

 

<Diese übliche, verkürzte Darstellung muss als Aufhänger für die Detailbetrachtung so stehen bleiben.>

 

[N], S. 190. <nachgetragen 07.06.2016.>

< Neueinfügung 07.08.2016>

Tatsächlich erfolgten deutsche Mobilmachung und Übergabe der Kriegserklärung durch den deutschen Botschafter zeitgleich (17 Uhr MEZ

= 19 Uhr in St. Petersburg).

 

 

 

[O], S. 817.

 

 

 

 

 

 

 

Siehe Deutsche Dokumente:

Kriegserklärung an Russland DD 542.

"Lichnowsky-Telegramm" DD 562.

 

 

 

 

<Einfügung dieses Blocks 07.06.2016 nach Kenntnisnahme von [V] (daraus i.F. nur Angabe der PDF-Zählseite), der hier dazu folgenden

Anmerkungen 08.06.2016.>

 

 

 

 

Dahingehende Nachricht nachts 0:35 Uhr, [V], S. 9. Dass britischerseits auf Belgien Einfluss ausgeübt wurde, ist schon o.a.. Dass sein Kabi-

nett lieber den deutschen Durchmarsch gedul- det hätte, hat König Albert I. im Oktober 1914 zugegeben, siehe David Elstein, August 1914: another foreign war, another dodgy dossier, S. 3,

Webseite, mit herunterladbarem PDF: www.

opendemocracy.net /ourkingdom/david-elstein/august-1914-another-foreign-war-another-dodgy-dossier (ohne Angabe einer Primärquel- le), dort auch Formulierung "Britain could scar- cely be more Belgian than the Belgians". Was letzten Endes den Ausschlag für die anderwei- tige Entscheidung gab, ist nicht vermerkt. Ob auf Belgien Druck ausgeübt wurde wie im Jahr 1911 (siehe Buchbesprechung "Wormer") kann mit dem vorhandenen Quellenmaterial nicht ge- klärt werden.

 

 

 

 

Anruf kurz vor 11 Uhr [V], S. 11. Wenig später muss Tyrrell in der deutschen Botschaft er- schienen sein, ds. S. 10. Gegen 14 Uhr ist Tyr- rell wieder dort und lädt Lichnowsky für 15:30 Uhr zu Grey ein, ds. S. 12.

Telegramme Lichnowskys von 11:14 Uhr, ds. S. 4, 10, und 14:10 Uhr, S. 12.

Deutsche Reaktion S. 11.

Fehlspekulationen bez. Gesundheitszuständen ds., S. 5. Aktenfund ds., S. 18.

Valones Schlussfolgerung S. 14.

 

 

 

Belgische Entscheidung bekannt 12:25 Uhr [V], S. 13, ds. 15 Uhr Telegramm von Goschen.

 

 

Ds., S. 14. Grey gibt zu, am Morgen gelogen zu haben. Er hatte Frankreich nicht konsultiert. Weiteres Telegramm Lichnowskys, ohne Zeit- angabe, ds., S. 15.

 

Zeitverzögerung ds..

Kriegserklärung s.o..

[N], S. 189. Zur sehr geläufigen Reaktion Molt- kes weiter 2. Kapitel, Teil 2. [noch nicht vh.]

Telegramm des Kaisers nach London [V], S. 15,

"am frühen Abend", also unmittelbarer zeitlicher Zusammenhang mit der deutschen Kriegserklä- rung an Russland.

 

 

Britische Antwort 10:02 Uhr in Berlin eingegang- en ds., S. 20. Lichnowskys Kooperativität ds., S. 4.

 

Der Ausspruch des Kaisers wird häufiger zitiert.

 

 

 

 

 

[V], S. 18f.

"Ils vont nous lâcher, ils vont nous lâcher," ds. S. 19. Episode auch bei [O], S. 818. Cambon ist nicht mit seinem Bruder Jules zu verwechseln, der den gleichen Posten in Berlin innehat.

 

"You will render us a by-word among nations", ds..

 

 

Das deutsche Antworttelegramm, wie Valone meint, kann Greys Kurs nicht geändert haben, da es nur seine eigene Position wiedergab. Es muss also die Kriegserklärung gewesen sein.

Zeit von Greys Telegrammentwurf [V], S. 20, Flottenmobilisierung und Grey zu Churchill ds., S. 21. Dort ebenso richtige Sichtweise Cam- bons.

 

[W].

 

 

 

"Luxemburg": [N], S. 190. "Belgien": [O], S. 820.

Die deutsche "Sprachregelung" laut [W] beruht also auf belgischen Informationen.

 

[O], S. 820.

 

 

[N], S. 192.

 

[O], S. 821.

 

[W, dort natürlich ohne Anführungszeichen].

 

 

 

[N], S. 190. Entgegen Neitzels Darstellung über- schreiten deutsche Truppen erst frühmorgens am 04.08. die belgische Grenze, [W].

[O], S. 818.

 

 

 

 

[N], S. 192. Neitzels weitere Darstellung ist auch

insofern nicht ganz korrekt, als dass an diesem Tag Großbritannien nicht den deutschen Rück- zug aus Belgien gefordert haben kann, da noch keine deutschen Truppen auf belgischen Territo-

rium standen. Bethmann Hollweg laut [W].

Auch stimmt Neitzels Aussage nicht, Deutsch- land hätte da britische Ultimatum nicht beant- wortet.

 

 

Britische Kriegserklärung [N], S. 192, und sehr detailliert [W], dort auch das Weitere.

 

 

 

[N], S. 192.

 

 

Persönliche Bewertung.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

<Neueinfügung 07.08.2016>

Die Berücksichtigung von Copeland zeigt, wie sich eine bisher geschlossen erscheinende Argumentation duch neue Quellen auflösen kann. Aber auch das Verfechten einer Präven- tivkriegsthese ändert nichts an der generellen Situationsanalyse. Die Ratte, die, von einem Hund in eine Ecke getrieben, diesem chancen- los an die Kehle springt, führt so gesehen auch einen "Präventivkrieg".

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Keine Behauptung, sondern eher eine Sugges- tion von Neitzel (S. 197), der sich dabei sicher auf entsprechende zeitgenössiche Überlegung-

en stützt. Die Mittelmächte waren im Hintertref- fen. Dass der Krieg dann doch einen anderen Fortgang nahm als allgemein erwartet, ist eine andere Geschichte. Die wird im zweiten Teil er- zählt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zu finden in "Philipp Eulenburgs Politische Kor- respondenz", Harald Boldt Verlag, Boppard 1978, S. 1432.

 

 

 

Neitzel, S. 181. Der Untergang wurde allerdings nicht rasch, sondern lang und qualvoll.

 

 

McMeekin, S. 120, eigene Übersetzung des englischen Textes. Die Türkei hatte überhaupt keinen Kriegsgrund, außer dem, dass das Ende

gekommen war und in Übereinstimmung mit den obigen, die Haltung von Deutschland und Österreich-Ungarn wiedergebenden Zitate ent- sprechend zelebriert werden sollte.