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© Holger Bergmann 2015 - 2018

Der ungerechte Kriegseintritt der USA

Beim Kriegseintritt der USA wird deutlich, wie sehr die bloße, nicht hinterfragte Aneinanderreihung von Fakten den Blick auf den Hintergrund verstellt. Die "Lusi- tania", das "Zimmermann-Telegramm" und vor allem die Ankündigung des unein- geschränkten U-Boot-Krieges durch Deutschland und Österreich-Ungarn zum 01.02.1917 werden traditionell als Gründe angeführt. Der tatsächliche Grund, auch wenn alles andere eine Rolle gespielt haben wird, findet sich aber nicht in solchen Darstellungen.

 

 

 

 

Da die USA in den Krieg erst relativ spät eintreten, wird ihre Rolle in der Vorge- schichte der weltgeschichtlichen Auseinandersetzung meistens ausgeblendet, schließlich sind viele andere Ereignisse, vor allem diejeinigen in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Kriegsausbruch 1914 (bei dem die USA keine aktive Rolle spielen), sehr viel plakativer. Dass man den Kriegsausbruch aber nicht mit den Geschehnissen von ca. 1900 an ausreichend erklären kann, habe ich mit der bisherigen Arbeit zu beweisen versucht. Insbesondere spielte das Verhältnis der USA zu Großbritannien eine mit entscheidende, wenn nicht die entscheidende Rolle.

 

Rekapitulieren wir an dieser Stelle die mindestens mittelbar in den Krieg führen- den US-amerikanischen Aktivitäten: ab der Venezuela-Affäre 1895, mit der die USA beginnen, in die Weltpolitik einzugreifen, konnten sie Großbritannien den zukünftigen außenpolitischen Kurs, zumindest im Groben, diktieren. Mit dem Spanisch-Amerikanischen Krieg 1898 und den Anstrengungen zur Beendigung des Russisch-Japanischen Krieges 1905 taten die USA das ihre, um Russland nach Europa abzulenken. Durch ihre Haltung in der Algeciras-Konferenz im Rahmen der Ersten Marokkokrise 1906 beteiligten sich die USA am Einschließ- ungskurs gegenüber den Mittelmächten. Die Motivation für diese Vorgehenswei- se, die Furcht vor der deutsch-russischen Chimäre, ist für die USA genauso nach- weisbar wie für Großbritannien.

 

 

 

 

 

 

 

Zwischenzeitlich, bis 1914, unternahmen die USA wenig, zu nennen ist nur der Versuch des Präsidenten Taft, die anderen Mächte in ein System von Schiedsver- trägen zu Lösung von Konflikten einzubinden. Deutschland ließ sich allerdings so nicht fangen, nachdem die Entscheidungshoheit beim amerikanischen Senat ge- legen wäre. Es lag allerdings nicht nur an den vorerst noch fehlenden Macht- mitteln, warum die USA nicht in die europäischen Krisen 1908/13 eingriffen. "Nichts tun" ist dann auch "etwas tun", wenn eine Sache von selbst in die richtige Richtung läuft. Dann braucht man sie nicht aufzuhalten.

 

 

Bei Kriegsausbruch 1914 finden sich die USA in einer komfortablen Position wie- der: während die anderen Mächte sich im Kämpfen erschöpfen, könnten die USA, ohne sich militärisch zu engagieren, in Form der Neigung zur einen oder anderen Seite, aufgrund ihres erheblichen Gewichts, einen Frieden der Art herbeiführen, wie er den amerikanischen Vorstellungen entspricht. Mit dem Demokraten Woodrow Wilson ist außerdem ein Moralist an die Macht gekommen, der meint, die amerikanischen Möglichkeiten nutzen zu können, um seine Gedanken eines gerechten Friedens dem Rest der Welt aufdrücken zu können. Um Derartiges zu bewerkstelligen, hätte es allerdings echter amerikanischer Neutralität bedurft. Zwischenzeitlich kamen tatsächlich Pläne auf, die USA gegen die Entente in den Krieg ziehen zu lassen, nachdem jene sich den amerikanischen Vorstellungen verweigerte. Aber die USA waren nun einmal keineswegs neutral.

 

Denn die komfortable Position der USA bezog sich auch darauf, dass sie am Krieg prächtig verdiente. Die USA belieferten die westlichen Entetemächte mit Nachschub und finanzierten ihn großzügig. Mit den Mittelmächten konnten sie das aufgrund von deren unterlegener geostrategischer Position, die insbesondere die Briten für maritime Blockademaßnahmen nutzten, klarerweise nicht. Hätten die USA eine gerechte, neutrale Position eingenommen, hätten sie darauf bestehen müssen, auch mit den Mittelmächten ungehindert Handel zu treiben. Aber das wäre für die USA nicht nur sehr schwierig durchzusetzen, sondern auch politisch inopportun gewesen. Auch die USA konnten sich nicht ungestraft von ihrem Vor- kriegskurs distanzieren. Der Anspruch auf Verteidigung der Freiheit der Meere richtete sich demnach ausschließlich gegen die Mittelmächte in Form von deren U-Boot-Krieg. Tatsächlich ließ sich Deutschland davon zeitweise beeindrucken.

 

Als Ende 1916 die Mittelmächte wie die USA ähnlich lautende Vorstellungen zur Beendigung des Krieges verlautbarten, die Entente diese jedoch zurückwies, wäre es eigentlich logisch gewesen, hätten die USA nun die Entente unter Druck gesetzt. Aber dazu kam es nicht, weil die USA, wie oben argumentiert, sich fak- tisch gebunden hatten. Auch als die Mittelmächte als Reaktion auf die Reaktion der Entente zum uneingeschränkten U-Boot-Krieg zurückkehrten, erklärten ihnen die USA nicht unmittelbar den Krieg. Dazu würden noch einige weitere Wochen vergehen.

 

 

 

Inzwischen war aber eine anderweitige Entwicklung eingetreten. Anfang 1917 war Russland erheblich am Schwanken. Der sich abzeichnende Zusammenbruch des Riesenlandes hätte die Mittelmächte in die Position bringen können, die die West- mächte immer befürchtet hatten: unter Ausnutzung der russischen Ressourcen nicht mehr militärisch besiegbar zu sein. Die "gute" alte Chimärenfurcht also. Diese Befürchtungen konkretisierten sich, als der Zar am 15.03.1917 zurücktreten musste (zunächst zugunsten seines Bruders, der aber auch einen Tag später auf den Thron verzichtete). Die Dynastie Romanow war nicht mehr, und am 20.03. 1917 traf Wilson seine Entscheidung, die am 06.04.1917 verkündet wurde: die USA erklärten Deutschland den Krieg. Der U-Boot-Krieg und der "Kampf gegen den preußischen Militarismus" waren dabei nur Vorwände. Den tatsächlichen Be- weggrund, die Chimärenfurcht, verlautbarte Wilson wenige Monate später öffent- lich.

 

 

 

 

 

 

 

Eins sei an dieser Stelle vorab hinzugefügt: Der Kriegseintritt der USA in den Er- sten Weltkriegs wirkte sich, im Gegensatz abermals landläufigen Vorstellungen und zu dem im Zweiten Weltkrieg, nicht kriegsentscheidend aus. Dazu mehr im nächsten Kapitel.

 

Auf der menschlichen Ebene möchte ich noch einige Hinweise auf die Einstellung wichtiger handelnder Personen geben. Wilson hatte den Pazifisten Bryan durch den Scharfmacher Lansing ersetzt, der nach dem Rücktritt Greys zugunsten Bal- fours (Lloyd George hatte im Dezember 1916 in Großbritannien eine neue Koali- tionsregierung gebildet) sozusagen den Kopf der Kriegstreiberfraktion darstellte. Wilsons Vorgänger Taft hatte vor dem Krieg noch Kaiser Wilhelm als Friedens- freund gelobt, dass er den Kriegskurs seines Nachfolgers bedingungslos unter- stützte, machte er in einer Rede vom Juni 1917 deutlich. Einer von Lansings Spießgesellen als Hardliner war der Marinestaatssekretär (Neffe Theodores) Franklin Delano Roosevelt, der als späterer US-Präsident vor und im Zweiten Weltkrieg noch eine besondere Rolle spielen wird.

 

 

 

 

Dass die Weltkriege zur Zerschlagung der Großmachtstellung Deutschlands dien- ten, habe ich eingangs des ersten Teils dieser Arbeit ausgedrückt. Für den Ersten Weltkrieg lässt sich das zum einen anhand der kompromisslosen Haltung der eu- ropäischen Westmächte ablesen, zum anderen am nun auch offen vorgetragenen amerikanischen Anspruch, die Geschicke der Welt zu bestimmen, wie ihn Wilson mit der "Ausdehnung der Monroe-Doktrin auf die ganze Welt" im Januar 1917, also noch vor dem Kriegseintritt der USA, formulierte. Diesem amerikanischen Anspruch würden sich andere Mächte immer wieder entziehen können, Deutsch- land jedoch nicht.

 

Die Versenkung der "Lusitania", die im Übrigen Munition transportierte, fand knapp zwei Jahre vor dem amerikanischen Kriegseintritt statt. Das Telegramm des deutschen Staatssekretärs

Zimmermann mit einem Bündnisvorschlag an die mexikanische Regierung war zwar ein him- melschreiender Blödsinn, spielte aber im ameri- kanischen Entscheidungsprozess keine Rolle. Auf den U-Boot-Krieg brauchten sich die USA nur formal zu berufen, da sie sich, s.u., ohnehin nicht neutral verhielten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ausführliche Behandlung dieser Thematiken im ersten Teil.

 

 

 

Präsident Theodore Roosevelt bezog die USA sozusagen in die Entente cordiale mit ein, in dem er Grey im Umfeld der Ersten Marokkokrise

ausrichtete: "Your good relations with France are an excellent thing from every standpoint", in

Robert E. Hannigan, The New World Power, American Foreign Policy 1898 - 1917, S. 206.

Zuvor weitere in dieses Schema passende Aus- sprüche, darin gipfelnd, dass Roosevelt ein deutsches Ausgreifen nach Südamerika be- fürchtete (S. 205). Zu seiner Chimärenfurcht

insbesondere die nachträgliche externe Einfü- gung vom 13.07.2016 in der Literaturbesprech- ung "Campbell" im ersten Teil.

 

 

Taft-Verträge 1911 ds., S. 220. Der Vorschlag eines "Abkühlungsvertrags" 1914 nach Idee des pazifistischen Außenministers Bryan, so mit an- deren Mächten abgeschlossen, hätte die deut- sche schnelle Mobilisierungsfähigkeit beein- trächtigt und scheiterte entsprechend, S. 224f.

Die Vermittlungsbemühungen Wilsons über sei- nen Freund und Berater "Colonel" House unmit- telbar vor Kriegsausbruch führten zu nichts und werden hier nicht weiter behandelt. Im Übrigen vermied es House, Russland aufzusuchen.

 

Hannigan formuliert auf S. 230: "..., Washington sought itself as a (indeed as the only possible [Hervorhebung im Original]) mediator of the war, beginning within weeks of its onset." Zu Wilson Rauh, Literaturangabe s. Einleitung, S. 74: "An die Stelle des überkommenen Gleichgewichts und des freien Spiels der Macht, das zur Entfes-

selung des Krieges mißbraucht worden war, sollte eine organisierte Gemeinschaft der Staa- ten treten, die fortan den Frieden zu wahren hat-

te."

S.u..

 

Hannigan gebraucht den Ausdruck "unneutrali- ty" (S. 231).

 

Zur Position der USA als Kriegsfinanzierer der Entente Rauh, S. 77, Neitzel, Blut und Eisen, Literaturangabe im ersten Kapitel dieses Teils, S. 155, und Edward B. Parsons, Wilsonian Diplomacy, Allied-American Rivalries in War and Peace, Forum Press, St. Louis, Missouri, 1978, S. 6f., wonach Wilson 1915 die Verbreitung von Freiheit und Gerechtigkeit durch den amerikani- schen Kapitalismus preist.

Bindung der USA an die britische Politik lt. Han- nigan, S. 234, mit Konsequenzen gegen Deut- schland. Grey hatte die USA veranlasst, die Blockade stillschweigend zu akzeptieren (ds., S. 231).

 

Friedensangebot der Mittelmächte vom 12.12. 1916, Wilsons Friedensnote vom 18.12.1916 Rauh, S. 77, seitens der Mittelmächte war man demnach "vollauf bereit, den amerikanischen Vorstellungen (nach den eigentlichen Friedens- verhandlungen internationaler Kongress über Wilsons Plan einer Weltfriedensordnung)" ent- gegenzukommen." Zeitweise hatte anscheinend die Möglichkeit eines Krieges der USA gegen die Entente im Raum gestanden (ds., ähnlich Parsons, S. 12). Ablehnung der Friedensofferten

durch die Entente Rauh, S. 78.

 

 

Die Möglichkeit eines russischen Frontwechsels

in der Folge eines Separatfriedens war im Ja- nuar 1917 im Washingtoner Kabinett diskutiert worden (Parsons, S. 62).

Passende Argumentation (mit Bezug auf Lan- sing) bei Rauh, S.94f.

 

Anfrage Wilsons zu diesem Datum an den Kon-

gress wegen der Kriegserklärung Parsons, S. 21.

 

Entsprechende Reden des Präsidenten Juni und August 1917, wobei er in letzterer die angeblich angestrebte deutsche Dominanz über Russland behauptet (ds., S. 60). Dass er den Krieg nicht glaubwürdig als einen für die Demokratie ver- kaufen konnte, hatte er am 20.03. seinem Auß- enminister Lansing erklärt (ds., S. 23). Was ihn nicht hinderte, in seiner Rede vor dem Kongress am 02.04. genau das zu unternehmen (ds., S. 33).

 

 

 

 

 

 

 

 

Bryan, der sich die deutsche Sichtweise zu ei- gen gemacht hatte, dass Passagiere an Bord von die Kriegszone befahrenden Schiffen menschliche Schutzschilde darstellten, war kalt-

gestellt worden und im Nachgang der Lusitania- Affäre zurückgetreten (Hannigan, S. 243). Lan- sings Haltung Rauh, S. 77, 84, und Hannigan, S. 264. Wilhelm war, nach Taft: "...the single greatest force in the practical maintenance of peace in the world." (Aus http:// inconvenienthistory.com/archive/2011/volume_3/number_4/on_the_avoidability _of_world_war_ one.php). Dagegen Tafts Rede vom 13.06.1917 in http://www.firstworldwar.com/source/taftonwar.htm. Zeitgenössische Einschätzung F. D. Rossevelts Parsons, S. 48.

 

"Zerschlagung d. G." wörtliche Übernahme einer

Formulierung von Neitzel, S. 148.

 

 

 

 

Rauh, S. 79, Hannigan, S. 263.