2 - 6

© Holger Bergmann 2015 - 2018

Chaos vor und Selbstbetrug in der Niederlage

 

Dem deutschen Volk einzureden, seine Streitkräfte wären "im Felde unbesiegt" geblieben, ist die wohl dümmste und folgenreichste Lüge der deutschen Ge- schichte. Dabei war es jedem Beobachter klar, dass nach den gescheiterten Früh- jahrsoffensiven 1918 an eine erfolgreiche Fortsetzung des Krieges nicht zu den- ken war. Das lag außerdem nicht nur an der allmählichen Ermattung der Kräfte der Mittelmächte. Die Entscheidung fiel auf dem Schlachtfeld gleichermaßen. Den "Schwarzen Tag des deutschen Heeres" vom 09.08.1918 erkämpften die briti- schen Truppen praktisch ohne fremde Hilfe, ab da blieb den Deutschen nur noch ein ums andere Mal der Rückzug.

 

Die amerikanischen Truppen, die seit dem Frühjahr 1918 in immer größerer Zahl auf dem Kontinent eintrafen, waren von ihrem Oberbefehlshaber Pershing wohl- weislich bis dahin aus bedeutenderen Kämpfen herausgehalten worden, spielten für die Kriegsentscheidung also keine Rolle. Sie griffen erst ab September 1918 in größerem Maße ein, als die Sache praktisch schon gelaufen war. Im gleichen Monat löste sich auf dem Balkan die Salonikifront auf. Bulgarien musste aus dem Kampf für die Mittelmächte ausscheiden, in der Folge drangen alliierte Truppen bis Belgrad vor. Da sich der Zusammenbruch Österreich-Ungarns abzeichnete und Deutschland somit praktisch den Boden unter den Füßen verlor, empfahl Lu- dendorff, bis dahin de facto der Militäroberbefehlshaber Deutschlands, in Waffen- stillstandverhandlungen einzutreten. Auch die Türkei, mit der sich die Deutschen noch ein ebenso kurzes wie überflüssiges Geplänkel um Baku bzw. in Georgien geliefert hatten, musste schließlich die Waffen strecken.

 

Mit seinem "14-Punkte-Programm" hatte der Moralist Wilson die Hoffnung ge- nährt, es wäre doch noch ein annehmbarer Friede möglich. Auf dieser Basis be- schloss man deutscherseits, an ihn bezüglich eines Waffenstillstands zu appellie- ren. Auf den nun folgenden Notenwechsel wird hier nicht näher eingegangen, je- denfalls liefen die Antworten aber doch in der Konsequenz auf eine Kapitulation Deutschlands hinaus. Nun führte Ludendorff eine Kehrtwende durch. Er verbün- dete sich mit der Marine, um mit einer letzten, militärisch unsinnigen Großaktion ein Zeichen gegen den kommenden Frieden zu setzen. Da diese gegen den ein- deutigen Willen von Kaiser und Regierung erfolgte, führten Ludendorff und die Marineleitung praktisch einen Staatsstreich durch. Es waren die meuternden Kie- ler Matrosen, die so gesehen nicht das Reich zerstörten, sondern Recht und Ord- nung wiederherstellten! Ludendorff wurde ab- und die Waffenstillstandsverhand- lungen fortgesetzt, auch der Kaiser musste in die Niederlande ins Exil gehen. Reichskanzler Baden verfügte die Abdankung des Kaisers gegen dessen Willen und übergab die Macht an die Sozialdemokraten. Der Krieg endete, und die deutsche Republik musste seine Folgen ausbaden.

 

Eine letzte, außerhalb von Fachkreisen kaum bekannte, aber umso entscheiden- dere Rolle sollte die kaiserlich-deutsche Flotte aber noch spielen. Der Grund für den zurückhaltenden Einsatz der amerikanischen Streitkräfte war, dass Wilson für einen "gerechten" Frieden, wie er ihn sich vorstellte, ein militärisches Faustpfand in Europa brauchte. Nach seiner Überlegung hätten die Deutschen auch ihre Flot- te behalten dürfen. Ohne die Kapazitäten der britischen Kriegs- und Handelsflotte hätten die USA nicht in Europa eingreifen können, die amerikanische Flotte des Jahres 1918 war noch nicht stark genug, um die britische zu dominieren. Wollte Wilson seine Vorstellungen gegen seine Verbündeten durchsetzen, durfte er, egal wie unwahrscheinlich und absurd diese Möglichkeit auch anzusehen ist, die Spekulation auf einen amerikanischen Frontwechsel auf die deutsche Seite nicht komplett ausschließen. Der Verbleib der deutschen Flotte unter deutschem Kom- mando wäre Wilson da gerade recht gekommen, ja geradezu Voraussetzung für Wilsons angestrebte, die Friedensverhandlungen dominierende Position gewe- sen. Aber die Briten bauten vor. Die Auslieferung der deutschen Flotte war für sie nicht Friedens-, sondern Waffenstillstandbedingung. Um einen Waffenstillstand auch zur See zu erlangen, musste die deutsche Flotte bereits wenige Tage nach dessen Verkündung nach Edinburgh dampfen (später nach Scapa Flow). Die Bri- ten, Lloyd George an ihrer Spitze, hatten Wilson ausgetrickst und konnten im Ver- bund mit Frankreich nun einen Frieden nach ihren Vorstellungen erzwingen. Es war der letzte Triumph des britischen Empire (der britische Sieg im Zweiten Welt- krieg läutete dessen Ende ein, war also einer nach der Sorte des Pyrrhus) und der Abschluss einer Entwicklung, die knapp 80 Jahre vorher mit dem Vordringen im Vorfeld Indiens und der Garantie der belgischen Neutralität begonnen hatte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wilson jedenfalls erlitt auf der Versailler Konferenz einen Schlaganfall, die USA sollten den von ihm ausgehandelten Vertrag nie ratifizieren und zogen sich, bis zu Ereignissen im Vorfeld des nächsten Weltkriegs, auf eine Position des "Isolationis- mus" zurück. Insgesamt muss man sich fragen, welchen Gefallen sich die Angel- sachsen mit der von ihnen maßgeblich initiierten und betriebenen Entwicklung ei- gentlich getan haben. Denn der eigentliche Verlierer des Ersten Weltkriegs waren nach meiner Sichtweise nicht irgendwelche Staaten oder Nationen, sondern der Imperialismus als solcher. Vor dem Kriegsausbruch 1914 dominierten wenige Staaten die Erdoberfläche. Hätten sie auf ihre Eifersüchteleien und Unterstel- lungen verzichtet, dann hätte die damalige Welt die Aussicht auf langfristige Stabi- lität geboten. Egal, welche Verbrechen im Namen des Imperialismus auch zuvor begangen wurden, gerade monarchische Systeme, in denen es dem Herrscher egal ist, welche Sprache seine Untertanen sprechen, hätten es ermöglicht, dass humanistische Ideen über nationale Grenzen innerhalb der Reiche hinweg sich Bahn gebrochen, aufgeklärte und tolerante Gesellschaften sich weltweit entwickelt hätten. Die Alternative, das von Wilson propagierte "Selbstbestimmungsrecht der Völker", mag ein nettes Ideal sein, potenziert in seiner Anwendung aber die An- zahl der Staaten und damit der Konflikte zwischen ihnen. Eine Entwicklung, die mit der Unabhängigkeit Griechenlands von der Türkei im 19. Jahrhundert begann und mit der Entstehung neuer Staaten aus der Konkursmasse des Imperialismus in Europa nach dem Ersten Weltkrieg so richtig Fahrt aufnahm, wobei die Heraus- bilung totalitärer Ideologien zur Herstellung innerer Geschlossenheit für den Zweck der erfolgreichen "Bewältigung" der äußeren Konflikte eine besonders inhumane Rolle spielen sollte.

 

Zu einer Aufrechterhaltung des Staatensystems bis 1914 wäre es erforderlich ge- wesen, dass die einander gar nicht so unähnlichen machthabenden Schichten füreinander Gefühle von Vertrauen und Respekt entwickelten. Nachdem das ins- besondere auf Seiten der Angelsachsen nicht erfolgte, waren sie versucht, ihre Verunsicherung auf den Rest der Welt zu übertragen. Damit fehlte für einen "ge- rechten Frieden" jede Grundlage, Lippenbekenntnisse dazu waren reine Propa- ganda.

 

Wilson musste mit seinen Vorstellungen schon deshalb scheitern, weil er in Wirk- lichkeit ganz andere Ziele als die vorgeblichen vertrat. Als bisher in dieser Be- trachtung einzige Quelle gibt Parsons an vielen Stellen in seinem Werk wirtschaft- liche Motive für das amerikanische Handeln an. Der dabei insbesondere von Wil- son, gegen Anhänger einer anglo-amerikanischen Allianz, vertretene amerikani- sche wirtschaftliche Vormachtanspruch richtete sich aber nicht primär gegen Deutschland, sondern gegen Großbritannien und dessen maritime Machtstellung! Der von Wilson konzipierte Völkerbund hätte diese britische Vorherrschaft sozu- sagen auf dem Verwaltungsweg erledigt. Konsequenterweise wehrten sich die Bri- ten, solange sie konnten, und setzten ihre Friedensvorstellungen auf Kosten Deutschlands durch, wodurch Deutschland nicht nur als Partner Russlands, wie die den Krieg eigentlich begründende Chimärenfurcht beinhaltete, ausfiel, son- dern auch als Partner der USA.

 

Dass man nicht gleichzeitig Krieg führen und neutral sein kann, hätte Wilson wis- sen müssen, genauso, dass man nicht Krieg um der eigenen Vormachtstellung willen führen und einen "gerechten Frieden" ins Werk setzen kann. Die auch durch das amerikanische Eingreifen in Europa hinterlassene Unordnung war aber keineswegs geeignet, Amerika am weiteren Aufstieg zu hindern, ganz im Gegen- teil. Andererseits war auch die Nachkriegsordnung nicht so instabil, wie sie auf den ersten Blick aussah. Die Konsolidierung Europas brachte einen Machtzu- wachs der infolge des Ersten Weltkriegs Ausgestoßenen, Deutschlands und Russlands, was zu einer neuen Verunsicherung Großbritanniens führte, das da- raufhin wieder den Schulterschluss mit den USA suchen musste. Diese neue, alte Konstellation sahen sich die angelsächsischen Mächte veranlasst, in einem zwei- ten Anlauf zu erschüttern: dem Zweiten Weltkrieg.

 

Wie es genau dazu kam, wird in den folgenden Teilen berichtet. Auf jeden Fall war der Erste Weltkrieg nicht die "Urkatastrophe" des Zwanzigsten Jahrhunderts, die anscheinend wie eine Naturgewalt über die Völker hereinbrach. Sondern er war, wie gezeigt wurde und weiter zu zeigen versucht wird, eingebettet in längerfristige Entwicklungen und Bestrebungen.

 

 

 

Die Vorgänge sind auch als "Dolchstoßlegende" bekannt. Hindenburg und Ludendorff hatten an ihrer Verbreitung maßgeblichen Anteil, das "un- besiegt"-Märchen erzählten aber auch Reichs- präsident Ebert und der spätere Bundeskanzler Adenauer (Wikipedia).

 

Der Wikipedia-Artikel zur Schlacht bei Amiens listet zwar außer britischen auch andere alliierte Verbände auf, diese werden in der Beschreibung

aber kaum erwähnt.

 

Amerikanische Zurückhaltung Parsons (Litera- turangabe 4. Kapitel dieses Teils), S. 107ff. Sonst in diesem Block kurze Zusammenfas- sung bekannter Ereignisse.

 

 

 

 

 

 

Eingeständnis der militärischen Niederlage durch die deutsche Oberste Heeresleitung Klaus Schwabe, Deutsche Revolution und Wil- son-Frieden (Habilitationsschrift), Droste-Verlag,

Düsseldorf 1971, S. 88. (Parsons und Schwabe

gehören zu Manfred Rauhs Quellen).

 

Eingehende Behandlung der Thematik bei Schwabe.

 

 

 

 

Absprache Ludendorffs mit der Marineleitung im Artikel von Wilhelm Deist, Seekriegsleitung und Flottenrebellion 1918, in Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, 4. Heft des Jahrgangs 1966, S. 358 (aus dem Internet herunterladbar).

<Nachtrag 19.02.2017> Staatsstreichversuch Ludendorffs bei Heinrich August Winkler in "Die deutsche Abweichung vom Westen. Der Unter- gang der Weimarer Republik im Lichte der Son- derwegs-These", S. 132, selbe Schrift wie Lite- raturhinweis "Pyta" im 4. Kapitel zum 3. Teil.

Persönliche Bewertung des Handelns der Kieler Matrosen.

 

 

Parsons, S. 107, 114, 117, insbes. 118, 143.

 

 

Wilsons Gedankenspiele, mit Hilfe der deutsch- en die britische Flotte im Zaum zu halten, Rauh, Literaturangabe s. Einleitung, S. 123, bei Par- sons S. 14, 159f. Deutschland als möglicher Partner Amerikas ds. S. 70, 147f, 153. Deutscherseits schienen ähnliche Überlegungen

zu kursieren, amerikanische Truppentranspor- ter wurden von deutschen U-Booten kaum angegriffen (ds., S. 108).

Um diese Möglichkeit zu nutzen, hätte Wilson sie rechtzeitig mit deutschen Seite abstimmen müssen (persönliche Einschätzung). Er unter- nahm aber nichts dergleichen. Seine uninstruier-

ten Emissäre stimmten der britischen Forder- ung nach Internierung der deutschen Flotte zu (ds., 156, 160).

"..., the British outmaneuvered the Americans" meint auch Parsons (S. 193).

Die amerikanischen Soldaten in Europa hätten im Fall allzu forschen Auftreten Wilsons leicht zu Geiseln werden können, hätte Großbritannien

sich geweigert, sie zurückzutransportieren (ds., S. 150f). Deutschland wiederum hätte für die Kooperation mit Amerika hohe Forderungen stel-

len können, insbesondere wäre die erkämpfte deutsche Vormachtstellung in Osteuropa erhal- ten geblieben. Klarerweise unterstützte die ame-

rikanische Öffentlichkeit (ds., 36, 199), insbe- sondere die republikanische Opposition um den Ex-Präsidenten Theodore Roosevelt (ds., S. 138, 153) Wilsons nachgiebigen Kurs gegenü- ber Deutschland nicht. Roosevelt drückte wie- der Chimärenfurcht aus ("Mittel-Europa [sic] world menace" , ds., S. 116), ebenso für Groß- britannien Lord Milner (S. 128). Der Sieg der Republikaner bei den Senatswahlen vom 05.11. 1918 unterminierte Wilsons Position weiter.

 

 

Ab hier (abgesehen von den Zitaten) persönliche

Schlussfolgerungen.

Stellungnahmen bei Rauh zu Wilsons Gesund- heitsproblemen S. 121, zur Ablehnung des Ver- sailler Friedensvertrags und des Völkerbunds durch den US-Senat S. 135ff (die Ereignisse sind allgemein bekannt).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nur Verunsicherung zwingt andere Mächte auf die Seite der USA (Interpretation von Parsons, S. 71, hier angewandt auf Großbritannien, aus- gedrückt in einem Briefwechsel an sich pro-bri- tischer amerikanischer Seeoffiziere: Kapitän Pratt fordert gegenüber Vizeadmiral Sims briti- sche Vertragskonzessionen für die Gestellung amerikanischer Kriegsschiffe <erweitert 11.05. 2018>).

 

Auch wenn Geld und Zugang zu Märkten im Zuge von Machtausübung immer eine Rolle spielt, bleibe ich bei meiner Darstellung, dass wirtschaftliche Motive weder für die Auslösung des Krieges noch für seine Beendigung aus- schlaggebend waren.

 

 

 

 

 

 

 

 

Widersprüchlichkeit Wilsons im Notenwechsel mit Deutschland Schwabe, S. 145f. Als Lloyd George sich doch einmal zu milderen Friedens-

bedingungen durchringen wollte, stellte sich ihm Wilson in den Weg (was sogar den alten Chi- märenfurcht-Propagandisten Nicolson irritierte, Parsons, S. 183). Hoffmann (Literaturangabe s. Kapitel 1 dieses Teils) erklärt mit seinem letzten

Satz Wilson für "geisteskrank" (S. 232).

<Einfügung 18.10.2016>

Ausführliche Betrachtungen zu Wilsons Ge- sundheits- und Geisteszustand bei Rust, Litera- turangabe s. Kapitel "Alternativen" im erstenTeil, S. 285ff.