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© Holger Bergmann 2015 - 2018

A. H. geht in die Politik

Die Bösartigkeit der nationalsozialistischen Ideologie und die bizarre Persönlich- keit ihrers Hauptprotagonisten Adolf Hitler machen es einfach, nahezu alle Schuld am Zweiten Weltkrieg und den damit verbundenen Opfern und Zerstörungen auf ihn abzuladen. Fragen, ob der Zweite Weltkrieg auch ohne Hitler denkbar gewe- sen wäre oder die Nazi-Herrschaft auch "friedlich", zumindest ohne äußeren Krieg, hätte fortgesetzt werden können, werden üblicherweise nicht gestellt. Es ist im Folgenden zu zeigen, dass andere als Hitler hier nicht nur mitgemacht, son- dern "gemacht" haben. Auch Hitler selbst wurde, in gewisser Weise, "gemacht".

 

Diese Arbeit verfolgt zwei Zielsetzungen: zum einen die Serie angelsächsicher Intrigen offenzulegen, die in beide Weltkriege führte, zum anderen die deutsche Unfähigkeit zu beleuchten, diesen Intrigen mit geeigneten Maßnahmen zu begeg- nen. Der Nationalsozialismus sollte sich jedenfalls als absolut ungeeignet erwei- sen, die sich aus der Situation nach dem Ersten Weltkrieg für Deutschland erge- benden Herausforderungen zu meistern (was im 4. Teil näher betrachtet werden wird). Die Zeitgenossen wollten aber keine tiefgründigen, kritischen Analysen an- stellen, sondern sich in Form einer Wolke aus Selbstmitleid und (hauptsächlich antijüdischen) Ressentiments die Sinne vernebeln.

 

Der Wiederaufstieg Deutschlands nach der angeblich unverdienten Niederlage war stehende Regel weiter politischer Kreise der Weimarer Republik. Nachdem man den Reibungsflächen erzeugenden, unflexiblen Adel als mit entscheidenden politischen Faktor losgeworden war, sollte es umso leichter fallen, durch Einimpf- en vaterländisch-völkischen Gedankenguts die für die Restauration notwendige innere Geschlossenheit herzustellen. Die Sozialdemokratie und der nun "Reichs- wehr" genannte Militärapparat hatten sich zur Niederschlagung des Spartakus- aufstands und anderer kommunistischer Erhebungen verbündet. Mit Wissen des sozialdemokratischen Reichspräsidenten Ebert mischte sich die Reichswehr auf eigene Faust in die Politik ein.

 

Zu ihren Zielen gehörte es, zu entlassende Soldaten der geschlagenen Armee moralisch wieder aufzubauen, eben in dem man ihnen das passende Gedanken- gut vermittelte, und dafür mussten geeignete Motivationsredner gefunden werden. Als besonderes Talent in diesem Sinne erwies sich der Gefreite Adolf Hitler.

 

An Hitler-Biographien besteht kein Mangel. Man kann davon ausgehen, dass keine die Tatsache, dass Hitler für seine Ausbildung zum Motivationsredner einen "Aufklärungskurs" besuchte, unerwähnt lässt. An dieser Stelle soll aber hervorge- hoben werden, welche entscheidende Weichenstellung die Kommandierung Hitlers zu diesem Kurs bedeutet. Im Rahmen dieses Kurses wurde, was nicht extra erwähnt werden muss, zum einen Hitlers erhebliches Rednertalent entdeckt, inhaltlich aber sollte Hitler zum anderen praktisch sein gesamtes Programm aus diesem Kurs beziehen!

 

Es ist unerheblich, wann Hitler den "Beschluss gefasst hat, Politiker zu werden". Hitler wurde durch die Reichswehr zum Politiker geformt. Das gilt ebenso für ihn persönlich wie für seine Partei. Die Kleinpartei DAP, die Hitler dann zur NSDAP machte, war, wenn nicht von der Reichswehr gegründet, so doch ab Sommer 1919 entscheidend gefördert worden, um die Arbeiterschaft für die nationa- listische Sache einzunehmen. Hitler brauchte dort also nicht als "Reichswehr- spitzel" eingeschleust zu werden, um diese Gruppierung auszukundschaften. Vielmehr sollte geprüft werden, ob sein Rednertalent auch für die Öffentlichkeit taugte. Hitler bewies das mit Diskussionsbeiträgen gegen bayerische Separa- tisten.

 

 

 

 

 

 

Unglaubwürdig ist auch die Darstellung, Hitler hätte nach seinem Ausscheiden aus der Reichswehr sich selbst und die DAP durch seine Auftritte als Redner fin- anziert. Stattdessen war längst ein umfangreiches Netzwerk an Unterstützern vor- handen, das auch für die notwendigen Mittel sorgte. Der Ankauf des "Völkischen Beobachters" für die Ende 1920 bereits NSDAP heißende Partei erfolgte mit Geld des Stadtkommandanten von München, Ritter von Epp, der es seinerseits wohl aus Schwarzgeldfonds der Reichswehr bezogen hatte. Auf das Funktionieren die- ser Maschinerie konnten sich Hitler und seine Spießgesellen jederzeit verlassen.

 

 

Zusammenfassend muss man feststellen, dass hier zusammenkam, was zusam- menpasste. In der Retrospektive kommt über die Betrachtung der spektakuären Auftritte und Ereignisse das schwierig zu fassende Atmosphärische der vergang- enen Zeit viel zu kurz. Eine Zeit, die an das Unvermögen anknüpfte, die angel- sächsischen Intrigen zu durchschauen und zu durchkreuzen, und stattdessen sich in falschen Anschuldigungen gegen Außenseiter erging, die Juden. Anschuldi- gungen, die durch nichts zu beweisen waren oder sind. In der Konsequenz würde Deutschland durch diese und andere Idiotien auf einen völlig falschen, verhäng- nisvollen Kurs geraten.

 

 

 

 

Die Darstellung in diesem Kapitel stützt sich auf:

Werner F. Grebner, Der Gefreite Adolf Hitler 1914 - 1920, Die Darstellung bayerischer Bezie-

hungsnetzwerke, Ares-Verlag, Graz 2008.

Der Rückentext lautet: "Im Gegensatz zu bishe- rigen Darstellungen verdeutlicht das vorliegende

Buch, dass der Politiker Adolf Hitler eine Schöp- fung der bayerischen Reichswehr aus den Jah- ren 1919/20 ist. Aufgezeigt wird, wie der Gefrei- te Adolf Hitler von der Armee zum politischen Propagandaredner ausgebildet, dann zuerst in- nerhalb des Militärs eingsetzt und nach seiner Bewährung dort in die - von der Armee ebenfalls

geförderte - DAP/NSDAP gesandt und hier in seiner Tätigkeit weiter unterstützt und gefördert wurde." Seitenzahlen ohne weitere Quellenan-

gabe sind i.F. aus Grebner. Die angesprochenen

Beziehungsnetzwerke sind aber nicht nur baye-

risch, sondern führen auch, über Alfred Rosen-

berg, ins Baltikum und stellen somit eine histo-

rische Verbindung zum Antisemitismus des zar-

istischen Russlands her.

Alternativ zu Grebner deckt (bis 1920) densel- ben Stoff ab: Hellmuth Auerbach, Hitlers Politi- sche Lehrjahre und die Münchner Gesellschaft

1919 - 1923, in Vierteljahreshefte für Zeitge- schichte, 1. Heft des Jahrgangs 1977, S. 1 - 45 (aus dem Internet herunterladbar).

 

S. 49 "Bündnis Ebert-Groener" zwischen dem SPD-Führer und dem aus Kap. 2 des 2. Teils bereits bekannten General, nun Nachfolger Lu- dendorffs als Erster Generalquartiermeister. Er leitete die (vom späteren General bzw. Reichs- kanzler Schleicher verfassten) Politischen Richtlinien der Obersten Heeresleitung an Ebert weiter (S. 135).

 

 

 

 

 

 

Hitlers Teilnahme am "Aufklärungskurs Nr. 1" im Juni 1919 S. 63.

 

 

 

Umfassende inhaltliche Bedeutung dieses Kur- ses für Hitlers politisches Wirken S. 78, 137.

 

 

Seiner Behauptung in "Mein Kampf" (S. 225, herunterladbar: http://www.harrold.org/rfhextra/download/adolf hitler - mein kampf - german. pdf), dies wäre infolge der Nachricht der deut- schen Kapitulation im November 1918 passiert, wird heute allgemein widersprochen.

Die Förderung der DAP geschah maßgeblich über Hitlers dienstlichen Vorgesetzten Haupt- mann Karl Mayr (S. 66). Mayr wirkte als die

zentrale Figur in den Beziehungsnetzwerken, die Hitler und die NSDAP entscheidend förder- ten (S. 133) [das geschah durch Mayr keines- wegs "unbeabsichtigt" (Wikipedia-Eintrag zur DAP). Mayr sollte sich allerdings als besonders tragische Figur erweisen. Er wandte sich bald vom Rechtsextremismus ab und starb kurz vor Kriegsende im KZ]. Hitlers Bewährung als Dis- kussionsredner S. 69ff.

 

Selbstverständlich holte Hitler auch persönlich durch Spendenaufrufe Geld herein (S. 72), der Eindruck, den er in "Mein Kampf" S. 404 zu er- wecken sucht, die DAP hätte durch ihre Ver- sammlungstätigkeit "kleine Mittel" zur Produk- tion von Druckerzeugnissen erwirtschaftet, ist wenigstens teilweise eine Vortäuschung falscher

Tatsachen.

Ankauf des Völkischen Beobachters S. 104, 137. Weitere Förderung der NSDAP durch die

Reichswehr in den 20er Jahren S. 134.

 

In einer Ausarbeitung für Hauptmann Mayr for- mulierte Hitler, dass Antisemtismus auf Tatsa- chen, nicht auf Gefühlsmomenten zu beruhen habe (S. 68f, Mayr stimmte zu). Es folgen aber, wie stets andernorts auch, keine Tatsachen, sondern ausschließlich Ressentiments. Wäre Juden irgend etwas nachzuweisen, hätten sich längst antisemitische Historiker auf die Thema- tik gestürzt. Es gibt in dieser Richtung aber kei- nerlei Ansatz.