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© Holger Bergmann 2015 - 2018

Der "Anspruch" des Nationalsozialismus auf Irrationalismus -

von Vorgängerströmungen hergeleitet

Genauso wie es falsch ist, dem Nazi-System eine eigene, wenn auch vielleicht "fehlgeleitete" Intelligenz zu unterstellen, ist es falsch, aus der Singularität der Nazi-Verbrechen eine singuläre nazistische Dummheit abzuleiten. Die Dummheit des Nazisystems hat sich nicht erst infolge Hitlers Agitationen wie eine dunkle Decke auf Deutschland niedergesenkt, vielmehr bestand bereits seit langer Zeit ein aus Bereichen des deutschen Geisteslebens (man ist versucht, hier "Geist" in Anführungszeichen zu setzen) heraus erwachsender Anspruch auf Dummheit, auf dessen gut gedüngtem Boden das Nazisystem üppig gedieh.

 

Der hierzu passende Begriff ist der der "Gegenaufklärung". Gegen die geistige Strömung der "Aufklärung" mag es berechtigte Einwände gegeben haben, soweit diese die "Vernunft" absolut setzte und das "Gefühl" negierte. Aber dabei blieb es nicht. Das eigentliche Gegenteil von "Aufklärung" ist (geistige) "Verdunkelung", und dieser Pfad der Entwicklung wurde in der Folge beschritten. Aus unserer heu- tigen, "westlichen" und vollständig durchintellektualisierten Sichtweise heraus ist es kaum noch vorstellbar, dass Dummheit, als "Irrationalismus" kaum verbrämt, von Menschen, die ja wohl irgendwo intelligent sein mussten, als Perspektive ge- fordert wurde.

 

 

 

 

 

 

Aber so war es. Synonym für "Gegenaufklärung" steht der Begriff der "Konservati- ven Revolution", eigentlich selbst schon ein Widerspruch in sich. Und der Wider- spruch zur Aufklärung bedeuete auch, was sich im Wikipedia-Eintrag zur "Konser- vativen Revolution" leicht nachlesen lässt, für eine Reihe von "Denkern" auch den Anspruch auf Irrationalität. Kulturpessimismus und Antisemitismus gehen mit dieser eher Denkverweigerung zu nennenden Denkweise locker einher, es ist auch nichts anderes zu erwarten. Hier wird nicht der Versuch unternommen, diesen geistigen Strömungen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, das geschieht andernorts, mancher mag dafür auch ein ganzes Philosophiestudium aufwenden. Stattdessen soll hier in bewusst einseitiger Betonung die Bedeutung dieser Strö- mungen als Basis der systematischen Dummheit des Nationalsozialismus heraus- gestrichen werden.

 

 

Die Töne, von denen hier nur einige der Schrillsten herausgegriffen werden, reichen vom 18. Jahrhundert bis in die unmittelbare Zeit vor Hitlers Macht- ergreifung. Für den Philosophen Julius Langbehn, seinem Kollegen Paul de Lagarde (eigentlich Bötticher) in Kulturpessimismus und Antisemitismus herzlich verbunden, waren Rationalität, Wissenschaftlichkeit und andere Ausdrucksfor- men des modernen Lebens schlicht Degenerationserscheinungen. Auch das Aus- land ist betroffen, mit dabei sind Vordenker der antideutschen Action française. Der Schriftsteller Ernst Jünger sah den Instinkt als der Intelligenz überlegen an, das "unheroische Tagesgeschehen" war für ihn nichts als "politischer Kuhhandel". Jünger sah den Ersten Weltkrieg als "willkommene Zerstörung des 19. Jahrhun- derts" mitsamt dessen "falschen und trügerischen Prinzipien der Vernunft und des verweichlichten humanitären Demokratismus" (wobei er Hitlers gegen das 20. Jahrhundert gerichtete Zerstörungssucht vorwegnimmt, persönliche Einschät- zung). Nach seiner Ansicht wächst mit der Aufklärung die Blindheit, und "...nur jenseits der Vernunftgrenzen und der Verstandestätigkeit sei die Wahrheit des Lebens zu entdecken, ... folglich dürfe nicht die Ratio, sondern die Irratio das Führungsrecht im Leben beanspruchen, und das mithin nicht die Verstandes- aufklärer und Humanitätsgläubigen die Lehrer der zur wahren Lebenserkenntnis entschlossenen Menschen zu sein hätten, sondern die Abenteurer und die Visio- näre des Dunklen und Bösen"! Kann man Hitler treffender charakterisieren als in diesem Nebensatz aus dem Jahr 1929?

 

 

 

 

In denselben Zusammenhang gehören auch Vorstellungen eines "deutschen Son- derwegs", so weit diese nicht kritisch, sondern positiv gemeint sind. Danach hätten nur die Deutschen "Kultur", die anderen (gemeint sind vor allem die Angel-sachsen) lediglich "Zivilisation" (wie es etwa der Schriftsteller Thomas Mann, der heute in keiner Weise mehr als Mit-Wegbereiter des Nationalsozialismus rezipiert wird, in seinen "Betrachtungen eines Unpolitischen" ausdrückte, Langbehn und Lagarde tauchen unter Manns Einflüsterern wieder auf). Die Überlegenheit des deutschen Konzepts würde sich demnach in der Feuerprobe des Krieges zeigen, der die "deutsche Volksgemeinschaft wie einen Phönix emporsteigen lassen würde". Nachdem dieser Feuervogel im Ersten Weltkrieg bekanntlich abgestürzt war, war die Volksgemeinschaft wohl nicht völkisch genug gewesen. Unter An- wendung der "Dolchstoßlegende" konnte also, unter radikalisierten Voraussetz- ungen, ein zweiter Versuch gestartet werden. Dessen Ausgang ist ebenfalls be- kannt.

 

Die Zweischneidigkeit der Aufklärung muss natürlich auch hier anerkannt werden, nachdem auch die moderne Waffenentwicklung auf ihr beruht, genau wie jede "vernünftige" Strategie zu einer erfolgreichen militärischen Auseinandersetzung. Der Verzicht darauf, bzw. die Geringschätzung mit Verweis auf eine nachrangige Position gegenüber "Haltung" und "Widerstandsgeist", bedeutet bereits die Vor- wegnahme der Niederlage, bzw. ihr Anstreben.

 

 

 

Der Kampf sowohl der Konservativen Revolution als auch der Nazis gegen die "Vernunft" richtete sich schon deshalb zwangsläufig gegen die Juden, als diese eine im Durchschnitt höhere Bildung besaßen als der Rest der Bevölkerung und ebenso auffällig viele von ihnen im deutschen Geistesleben herausragende Stel- lungen einnahmen. Klarerweise wird auch eher ein Mensch, der nachdenkt, zum Pazifisten, während ein Idiot sich leichter widerstandslos verheizen lässt, was den Kreis zu Hitlers Vernichtungsphantasien schließt. Die Dummbeutelei der Deut- schen (so weit sie Hitler folgten) im Allgemeinen, formuliert als Anspruch auf Irrationalität durch so genannte Geistesgrößen, und Hitlers persönliche im Spe- ziellen, waren sowohl Voraussetzung als auch Methode, um Deutschland in den Untergang zu treiben.

 

In diesem Kapitel muss ein kleiner Ausflug in die Philosophiegeschichte unternommen werden. Nach den populären Darstellungen gab es wohl "Antisemitismus irgendwie schon länger", da es aber in der Philosophie normalerweise weniger laut kracht als im Krieg, mangelt es ihr an der darstellerischen Attraktivität. Entsprechend fehlt üblicherweise die Motivation, auf die Vorgänger-strömungen des Nationalsozialismus zu fokus-sieren.

 

Über die Gegenaufklärung liegt eine Schrift des jüdischen Politologen Zeev Sternhell vor: "The Anti-Enlightenment Tradition", Yale University Press, New Haven 2010. Laut SPIEGEL-Inter- view mit Sternhell (Nr. 28/2014, S. 130f) "erwar- teten alle Konservativen und Reaktionäre Euro- pas, die in der Französischen Revolution die größte Katastrophe seit dem Untergang des Rö-

mischen Reiches sahen, das ganze 19. Jahr- hundert über das Heil vom russischen Zaren." (aus syntaktischen Gründen leicht umgestellt). Sternhells o.a. Schrift liefert aber keine entspre- chenden Zitate, er beschäftigt sich nur mit Westeuropa. Einflüsse der russisch-christlichen

Orthodoxie auf die Gegenaufklärung sind mit dem vorhandenen Quellenmaterial nicht zu be- legen.

 

Zum Thema wird ein Aufsatz des Brünner Aka- demikers Aleš Urválek empfohlen: Aufklärung und Gegenaufklärung (Begriffsgeschichtliche Überlegungen). Er steht im Internet herunterlad- bar zur Verfügung: https://digilib.phil.muni.cz/bitstream/handle/11222.digilib/106055/1_BrunnerBeitratgeGermanistikNordistik_18-2004-1_14.pdf?sequence=1.

 

 

 

 

 

 

Einer der Protagonisten der deutschen Gegen-

aufklärung des 18. Jahrhunderts war der Philo-

soph und Theologe Johann Gottfried Herder

(Sternhell passim), <nachträglich eingefügt 19. 02.2017>.

Zu Langbehn und Lagarde existieren Wikipedia- Einträge. Zum Ursprung der Entwicklung des europäischen Faschismus in Frankreich unter anderem durch den Action française-Anführer Charles Maurras (Thematisierung dieser Bewe- gung bereits im Kapitel "Alternativen" im ersten Teil) siehe ein Autorenporträt von Zeev Sternhell durch den rechtsradikalen Autor Karlheinz Weißmann (ein Schüler Armin Mohlers, der den Begriff der "Konservativen Revolution" prägte) in der Zeitschrift "Sezession" Nr. 34 vom Februar 2010, herunterladbar: http://sezession.de/wp-content/uploads/2010/07/Wei%C3%9Fmann_Autorenportrait-Zeev-Sternhell.pdf.

 

Erster Satz Jünger-Zitate aus dem Wikipedia- Eintrag zur Konservativen Revolution. "Blindheit"

nach Urválek, s.o., S. 258, PDF-S. 22, längeres Zitat (aus syntaktischen Gründen leicht umge- stellt, Hervorhebung im Original) ds., Anm. 81.

Schwierigkeiten für die Aufklärung während der Weimarer Republik allgemein ds., S. 255ff, die auch Thomas Mann mit bereitet, ds. S. 257, PDF-S. 21, Anm. 77. Geringschätzung des Ver- standes in dieser Epoche und bereits im Kaiser-

reich nach dem jüdischen Historiker Fritz Stern zum Kulturpessimismus http://www.deutschlandfunkkultur.de/die- geistigen-vorlaeufer-des-nationalsozialismus. 986.de.html?dram:article_id=153666, mit Verweis u.a. auf Langbehn und Lagarde, die zu Zeiten von Sterns Schrift (1953) in Deutschland noch sehr präsent

waren.

 

Zu Thomas Manns Thesen siehe Wikipedia-Ein-

trag zum "Deutschen Sonderweg". Dass sich Mann, Jünger und andere Vordenker der "Kon- servativen Revolution", etwa der Theologe Mar- tin Niemöller, sich nach oder noch vor Hitlers Machtergreifung kritisch zum Nationalsozialis- mus stellten, ist sozusagen nur die Rückseite des selben Blatts, dessen beide Seiten ihre widersprüchlichen Einschätzungen repräsentie- ren.

 

Für die marxistisch-jüdischen "dialektischen" Aufklärer Horkheimer und Adorno "strahlt die vollends aufgeklärte Erde im Zeichen triumpha- len Unheils" (nach Urválek, S. 259, PDF-S. 23, aus syntaktischen Gründen leicht umgestellt), wobei weder der Marxismus im Allgemeinen noch die Arbeiten von Horkheimer und Adorno im Speziellen ohne die aufklärerischen Vorarbei-

ten denkbar wären. Auf die Einseitigkeit ihrer Thesen weist Urválek hin (S. 255, PDF-S. 19).

 

 

 

 

In der ursprünglichen Fassung dieser Anmer-

kungen wurde ein "geringfügig höheren Anteil an Juden als unter den Wehrpflichtigen allgemein unter den Kriegsdienstverweigerern im Ersten Weltkrieg" behauptet. Die so genannte "Juden- zählung" (siehe entsprechender Wikipedia-Ein- trag) ergab aber keine irgendwie signifikanten Abweichungen.

 

Im Grunde ist die ganze Auseinandersetzung zwischen "Hell" und "Dunkel" wesentlich älter, als es die Festlegung des Beginns im 19. Jahr- hundert unterstellt, sie zieht sich vielmehr durch die ganze menschliche Geistesgeschichte. Angefangen einerseits alttestamentarisch, nach-

dem die Sünde über einen Akt der Erkenntnis des Guten und Bösen in die Welt kommt, und der "lichttragende" (Lucifer) Vermittler als Teufel diffamiert wird, andererseits klassisch antik, wo Prometheus für seinen aufklärerischen Akt an einen Felsen geschmiedet wird, über die Ermor-

dung der Wissenschaftlerin Hypatia von Alexan- dria durch fanatische Christen (der Anstifter wird noch heute als Heiliger verehrt) und die Schließ- ung der athenischen Philosophenschulen durch den byzantinischen Kaiser Justinian (damit Be- ginn des "dunklen" Mittelalters), fortgesetzt mit Luther, für den "die Vernunft das größte Hinder- nis für den Glauben ist, weil alles Göttliche ihr absurd scheint" (Zitat aus syntaktischen Grün- den leicht umgestellt) und die hier behandelten Ereignisse bis zum "postmodernen" Philoso- phen Jean-François Lyotard, für den sich in der Chriffre "Auschwitz" die "tragische Unvollendet- heit der Moderne" zeigt. Wobei er, verdunkelnd, die Aufklärung, nicht die in Wirklichkeit verant- wortliche Gegnerschaft zu ihr, verantwortlich macht.

Das heutige Dunkle zeigt sich vor allem im "mo- dernen" Islam, der alles weltlich-Geistige als "haram" verachtet, die Idiotie wiederholt sich in seinen Selbstmordattentätern, die ihre Dumm- heit feiern, und deren Verehrern.