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© Holger Bergmann 2015 - 2018

"Mai-" und "Sudeten"-Krise - und die Verwerfung des deutschen Widerstands

Angenommen, man wäre jetzt westlicherseits der Meinung gewesen, man bräuch- te ein wiederaufgerüstetes Deutschland als Gegengewicht gegen die anwachsen- de Macht der Sowjetunion in Europa, dann hätte man es doch dabei belassen können. Sicher wäre auch von so einem Deutschland, umso mehr unter national- sozialistischen Vorzeichen, eine Gefahr ausgegangen. Dennoch ist nicht einsich- tig, warum es nicht hätte möglich sein sollen, dieses Deutschland im Gewahrsam zu halten, sofern noch eine intakte Tschechoslowakei existierte. Selbige, im Verein mit Polen, Großbritannien und Frankreich hätte genügend Abschreckungs- potenzial besessen, um deutschem militärischen Druck zu begegnen bzw. militä- rische Abenteuer Deutschlands wenig aussichtsreich erscheinen zu lassen. Mit einer deutsch-sowjetischen Kooperation brauchte niemand realistisch zu rechnen.

 

Es wäre also nicht notwendig gewesen, deutschen Gebietsforderungen nachzu- geben. Die deutschen Minderheiten in Polen und der Tschechoslowakei hätten nicht unbedingt in das deutsche Staatsgebiet eingegliedert werden müssen, ande- re Möglichkeiten der Emanzipation dieser Volksgruppen wären ebenso denkbar gewesen. Man kann sicher ohne weiteres davon ausgehen, dass Hitler mehr woll- te, als er 1937 hatte. Aber man hätte ihn bereits in diesem Stadium bremsen kön- nen. Bei genauem Hinsehen stellt sich jedoch heraus, dass man 1938 nicht Hitler begrenzt nachgegeben hat, "um den Frieden zu wahren". Denn die Dynamik der Entwicklung ging noch nicht einmal von Deutschland aus, sondern von Großbri- tanien, unter Assistenz Frankreichs.

 

Man musste demnach nicht Hitler nachgeben, sondern man lud ihn sozusagen ein, tätig zu werden. Der britische Lordsiegelbewahrer Edward Wood Viscount Halifax, der alsbald Außenminister werden würde und für die Entwicklung zum Zweiten Weltkrieg eine ähnliche Schlüsselrolle spielen sollte wie sein Vorgänger Grey für die zum Ersten, hatte in engem zeitlichen Zusammenhang zur Nieder- schrift von Hitlers Kriegsabsichten durch seinen Wehrmachtsadjutanten Hoßbach (05.11.1937) eine Unterredung mit Hitler (19.11.1937). Darin sprach er von "Feh- lern der Versailler Vertrags" und "Änderungen der europäischen Ordnung..., die wahrscheinlich früher oder später eintreten würden. Zu diesen Fragen gehöre Danzig und Österreich und die Tschechoslowakei. England sei nur daran interes- siert, dass diese Änderungen im Wege friedlicher Evolution zustande gebracht würden und daß Methoden vermieden würden, die weitgehende Störungen, wie sie weder der Führer noch andere Länder wünschten, verursachen könnten."

 

So weit man, bzw. Hitler, sich darauf verlassen konnte, dass Halifax den neuen britischen Kurs getreulich wiedergab, bedeutete dies nicht mehr und nicht weni- ger, als dass zur Verwirklichung von Hitlers Revisionsabsichten (auch hier muss betont werden, dass Halifax keine britische Genehmigung für ein großflächiges deutsches Ausgreifen Richtung Osten gab) kein Krieg erforderlich zu sein brauch- te. Außerdem war Danzig, die Stadt, an der sich der Krieg später entzündete, ausdrücklich eingeschlossen und stand sogar an erster Stelle der Fragen, um die es ging. So gesehen konnte Hitler mindestens eine berechtigte Spekulation da- rauf anstellen, er würde an der Vereinnahmung der genannten Gebiete letzten Endes nicht durch militärischen Widerstand gehindert.

 

Im Falle Österreichs war großartige britische Assistenz nicht erforderlich, das deutschsprachige Land wurde unter Jubel der Betroffenen in den deutschen Staatsverband eingegliedert. Für die Tschechoslowakei ergab sich nun allerdings die prekäre Situation, auf drei Seiten von deutschem Gebiet umschlossen zu sein. Damit war das Land aber als möglicher Verbündeter einer Koalition gegen Hitler- deutschland noch längst nicht ausgefallen. Halifax hatte aber, wie oben zitiert, durchblicken lassen, dass die Briten die Tschechoslowakei aufgeben und damit Gebietsansprüchen Hitlers auch gegen Polen Tür und Tor öffnen würden. Es wür- de nur zu gut passen, wenn es tatsächlich die Briten waren, die dafür sorgten, dass Hitler die Aufteilung der Tschechoslowakei nun konkret beabsichtige.

 

Wenige Wochen nach dem vollzogenen Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich kommt es zu einem merkwürdigen, scheinbar folgenlosen Ereignis, der so genannten "Mai-" oder "Wochenend-Krise", die eigentlich gar keine Krise war. Normalerweise gibt es bei einer Krise immer mindestens zwei antagonistische Akteure. In diesem Fall aber hatte ohne jeden äußeren Anlass die Tschecho- slowakei einen Teil ihrer Truppen mobilisiert. Der Grund liegt bis heute im Unkla- ren, <vorgehende Formulierung inzwischen sachlich unrichtig, wird mit Rücksicht auf den dadurch transparent werdenden Erkenntnisvorgang beibehalten, siehe rechts Literaturhinweis "Krämer", 04.06.2017, ebenso zur Fortsetzung des Satzes> mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit hatten Falschmeldungen des bri- tischen Geheimdienstes über deutsche Truppenverbände im Anmarsch auf die tschechislowakischen Grenzen die Prager Regierung aufgeschreckt.

 

Die Irritation in Deutschland war jedenfalls ganz erheblich, was die Briten durch diplomatische "Aufklärungsersuchen" (Klüver, S. 53) weiter steigerten. Hitler hatte zwar mit dem Anführer der Sudetendeutschen Henlein die Verschärfung der Situation in der Tschechoslowakei vereinbart, aber keinerlei Aktionen gestartet, insbesondere befand sich die deutsche Wehrmacht ganz ruhig in ihren Kasernen. Sollte durch dieses Ereignis sichergestellt werden, dass Hitler die Tsche- choslowakei tatsächlich auf dem Schirm hatte? Erreicht wurde es jedenfalls, den vorhandenen Spannungszustand konnte Hitler fortan nicht mehr ignorieren.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Im Verlauf des Sommers 1938 verdichteten sich die Anzeichen, dass für die briti- sche Seite eine "Generalbereinigung" der europäischen Situation nicht mehr aus- geschlossen schien. Ein Lord Runciman wurde nach Prag geschickt, um die Tschechen zu einer konstruktiven Haltung zu bewegen, erreichte aber bei Präsi- dent Beneš natürlich nichts. Die Sudetendeutschen, die sich eigentlich schon nach und nach an die tschechische Herrschaft gewöhnt hatten, wollten nun nicht mehr stillhalten. Britische und französische Presseartikel forderten eine Lösung im deutschen Sinn. Das waren Positionen, hinter die Hitler nicht zurückfallen konnte. Erwartungsgemäß forderte er auf dem Reichsparteitag im September 1938 unter Gewaltandrohung den Anschluss der sudetendeutschen Gebiete. Eine sudeten- deutsche Miliz begann einen bewaffneten Aufstand. Zu einem Krieg war zu die- sem Zeitpunkt aber keine Macht wirklich schon gerüstet. Außerdem wäre das Ziel einer sowjetisch-deutschen Konfrontation, wenn man ein solches annehmen darf, mit einem Krieg um Prag nicht zu erreichen gewesen.

 

 

 

 

 

 

 

Das Münchner Abkommen, in die Verhandlungen hatten Göring und Mussolini moderierend eingegriffen, löste die "Sudetenkrise" bekanntlich in deutschem Sinn. Und es zeigte vor allem eins: dass eine Befriedigung der deutschen Ansprüche, so weit sie ein gewisses Maß nicht überschritten, auf diplomatischem Weg ohne weiteres möglich war. Man hätte nur wollen müssen. Wenn man aber davon aus- geht, dass die Initiative für "München" eigentlich auf der Seite der Westmächte lag, standen die Ergebnisse von "München" längst vorher fest. Die Beseitigung der Tschechoslowakei, die nach Verlust ihrer Grenzbefestigungen an Deutschland als militärischer Verbündeter nicht mehr taugte, war so gesehen ein wichtiger Zwischenschritt auf dem Weg, eine deutsch-polnische und sodann eine deutsch-sowjetische Konfrontation zu erreichen. Das Getöne des britischen Premier- ministers Chamberlain, durch schmerzliche Großzügigkeit den Frieden in Europa gewahrt zu haben, war demnach nichts als Propaganda.

 

So nimmt es auch nicht Wunder, dass über ein mögliches Scheitern von "Mün- chen" bewusst die Chance verpasst wurde, den grausamen und gefährlichen Irren Hitler loszuwerden und die deutsche Führung wieder in vernünftigere Hände zu legen. Der neu ernannte Generalstabschef des deutschen Heeres Halder hatte einen Staatsstreich geplant und vorbereitet. Ein Stoßtrupp unter einem Major Heinz sollte in die Reichskanzlei eindringen und Hitler töten, wodurch die Wehr- macht nicht mehr an ihren Eid ihm gegenüber gebunden gewesen wäre. Über einen Mittelsmann waren die Briten von dieser Möglichkeit informiert. Cham- berlain hätte nur hart bleiben müssen. Aber offensichtlich brauchte er Hitler noch für seine weiteren Pläne (persönliche Schlussfolgerung).

 

Denn auch ein Deutschland ohne Hitler, nun wieder unter der Führung der in Großbritannien besonders verhassten Junkerkaste, hätte einerseits weiterhin Großmacht- und Irredenta-Ansprüche vertreten. Andererseits hätte eine solche Führung wohl vor einem Krieg zur Durchsetzung dieser Ansprüche zurück- gescheut. Wenn man britischerseits auf einen größeren Krieg als den um Prag zusteuerte, war es besser, den aggressiven Hitler im Amt zu belassen. Das galt sowohl für 1938 als auch für die Kriegszeit, denn der hauptsächlich von der Jun- kerkaste und Militärs getragene deutsche Widerstand (nur diese Kreise waren zu einem Umsturz fähig) sollte von den Briten nie wirklich eine Chance bekommen.

 

 

Hier und im nächsten Abschnitt persönliche Überlegungen zu einem möglichen Kräftegleich-

gewicht in Europa ohne "München".

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Rauh, Literaturhinweis s. Einleitung, hier i. F. nur Bd. I, S. 339. Das Gespräch mit Hitler findet sich auch als appeasement-typische Handlung ("missachtete Halifax Edens [seines appease- ment-kritischen Außenministers] Direktive") in Halifaxens Wikipedia-Eintrag.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Persönliche Schlussfolgerung.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der französische Ministerpräsident Daladier wollte (09.05.1938) für die Tschechoslowakei keinen Krieg führen (Rauh, S. 346) GB + F hatten nach Rauh (ds.) CS "im Stillen bereits abgeschrieben" (zu Daladier Zitat mit Tagesan- gabe Anm. 20 S. 347).

 

Zur "Mai-Krise" existiert kein eigener Wikipedia- Eintrag, die Ereignisse werden aber in dem zur Sudetenkrise erwähnt. Zur Deutung des Ereig- nisses ziehe ich hier wieder ein Exemplar aus der Nazi-Literatur zu Rate, "Die Kriegstreiber. Englands Politik gegen Deutschland 1937 - 1939" von Max Klüver, erschienen in 2. Auflage 2006 im einschlägig bekannten Druffel-Verlag, Stegen am Ammersee. Nach Klüver, der noch eine ganze Reihe weiterer möglicher Ursachen auflistet, hät eine seiner Quellen, der [ansonsten

unverdächtige] Historiker Oswald Hauser, ""...es für möglich, daß der britische Secret Service die Quelle war, aus der die Nachrichten über deut- sche Truppenbewegungen nach Prag gelang- ten..." (S. 50f, zitiert nach Hausers "England und das Dritte Reich, Bd. II, Göttingen 1982, S. 345). Diese m.e. einzig schlüssige Erklärung wird von einer neueren Untersuchung gestützt:

Andreas Krämer, Hitlers Kriegskurs, Appease- ment und die "Maikrise" 1938, erschienen bei Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston 2014.

<Wegen der besonderen Einschlägigkeit dieses

Werkes für unsere Zwecke wurde hierzu eine

eigene Auswertung in "Weiterführende Literatur"

zu diesem Teil verfasst, 04.06.2017.>

Als Strippenzieher steckte hinter der Krise nie- mand anderes als der als Deutschenhasser be-

kannte Sir Robert Vansittart (S. 247, zu ihm s.

4. Kapitel 4. Teil). Demnach sollte mit der Krise britisch-intern der Appeasement-Kurs zu Fall gebracht werden (was aber nicht sein kann, das Appeasement war ja noch gar nicht richtig angelaufen, vielmehr müssen auch hier, trotz aller äußerlicher Differenzen Appeaser und Anti- Appeaser im Grunde bestens zusammengear- beitet haben. Vermutlich haben nur die Scharf- macher den geschickten Kurs der Appeaser nicht verstanden, persönliche Einschätzung. Halifax begann jedenfalls schon ab April 1938, die Tschechoslowakei unter Druck zu setzen, ds. S. 104ff).

Dass die in Deutschland als diplomatische Schlappe aufgenommene Maikrise bewirkte, dass Hitler die Tschechoslowakei nun erst recht in den Fokus nahm, formuliert Klaus-Jürgen Müller in seiner Studie über den Generalstabs- chef und späteren Widerständler Ludwig Beck (erschienen im Harald Boldt Verlag 1980 in Bop- pard am Rhein), S. 136 (Müller gehört zu Man- fred Rauhs Quellen).

 

Zum Thema, ob Großbritannien 1938 tatsäch- lich eine Generalrevision der europäischen Ver- hältnisse anstrebte, gibt Rauh auf den Seiten 330, 331, 332 Widersprüchliches von sich. Wo- mit er "Recht hat", denn die Appeaser verhiel- ten sich widersprüchlich. Scheitern der Runci- man-Mission Klüver, S. 65ff. Den Gewöhnungs- prozess der sudetendeutschen Normalbürger hat mir meine Mutter (ich bin selbst sudeten- deutscher Abstammung), damals 15jährig und sehr "in brauner Wolle gefärbt", zu Lebzeiten persönlich berichtet. Presseartikel vom 03.06. 1938 in der regierungsnahen (schon seit vor dem Ersten Weltkrieg, siehe Buchbesprechung "Wormer" im ersten Teil) "Times" und 27.08. "New Statesman" (Labour-nah) Klüver, S. 67,

ds. "Times" vom 07.09. (auch bei Wikipedia zur Sudetenkrise), "La Republique" vom 06.09. ds., S. 68. Hitlers Rede gehalten am 12.09..

Zum Rüstungsstand der Mächte 1938 kann hier nicht im Detail Stellung genommen werden, ich bitte dazu vom noch immer insgesamt schwa- chen Stand 1939/40 auf den noch schwächeren der Vorperiode zurückzuschließen. Bei der be- schriebenen Zielsetzung handelt es sich um ei- ne persönliche Schlussfolgerung, ebenso sind die Behauptungen des ab hier nebenstehenden Abschnitts persönliche Bewertungen.

Hitler hätte sicher bereits zu diesem Zeitpunkt trotz allen bekannten Risikos (Rauh, S. 294f) Krieg gewollt. Aber sein Adlatus Göring konnte schlecht in engem zeitlichen Zusammenhang vermitteln und die deutsche Luftwaffe in den Kampf führen (was wohl für die Zustimmung Hitlers zu "München" den letzten Ausschlag gab, persönliche Einschätzung). Stattdessen wurden Hitler die Sudetengebiete, wie auch andernorts ausgedrückt, "auf dem Silbertablett serviert", wodurch er sich um den Eroberungskrieg gegen die Tschechoslowakei betrogen fühlte (Anm. 278 in seinem Wikipedia-Eintrag).

 

 

 

Halder, der Hitler passend charakterisierte (Rauh, S. 305) war Nachfolger des o.a. Beck und genießt bei Rauh besondere Aufmerksam- keit. Zur "Septemberverschwörung" existiert ein Wikipedia-Eintrag, Ereignisse bei Rauh S. 309. Den von Widerstandskreisen zur Information über den Putschversuch nach London entsand- ten Emissär Kleist-Schmenzin bezeichnet Rauh

(S. 308) als preußischen Junker.

 

 

Bezugnahme auf das Ansehen der Junker in Großbritannien siehe 4. Kapitel 4. Teil. "Irreden- ta" ist ein geläufiger italienischer Ausdruck für nicht zurückgegebenes, also beanspruchtes Gebiet. Zur Position der Weimarer Republik in der Frage der Grenze zu Polen siehe erstes Kapitel im dritten Teil, bzw. stelle man sich den Staat Hindenburgs und Papens wohlbewaffnet vor. Die Vergeblichkeit der Bemühungen des deutschen Widerstands um britische Unterstüt- zung soll im 5. Kapitel dieses Teils behandelt

werden.