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© Holger Bergmann 2015 - 2018

1939: Die weitere Kriegsanbahnung durch die Westmächte

(unter Nutzung von Hitlers Expansionsbedarf)

Angenommen, man hätte seitens der Westmächte Ende 1938 das Münchner Ab- kommen als Fehler erkannt, da die Ausschaltung der Tschechoslowakei tatsäch- lich Deutschland in Mitteleuropa ein gewisses militärisches Übergewicht ver- schaffte. Es wäre dann doch das Naheliegendste gewesen, sofort mit Maßnah- men zur Sicherung Polens zu beginnen, etwa in Form der Stationierung britischer bzw. französischer Truppenverbände dort. Auch hätte man sich mit der Sowjetun- ion über ein Verteidigungsabkommen verständigen oder den Abschluss eines solchen wenigstens versuchen können. Dem Gegenargument, sowjetische Trup- pen wären, sofern erst einmal in Polen (oder Rumänien, das sich zwischenzeit- lich ebenfalls bedroht sah) eingerückt, anschließend nicht mehr herauszubekom- men, hätte eine passende Gestaltung des Abkommens in der Art abhelfen kön- nen, dass sowjetische Truppen sozusagen im zweiten Glied auf eigenem Terri- torium verbleiben, solange keine Kampfhandlungen stattfinden. Der propagan- distische Erfolg des Münchner Abkommens für die Westmächte wäre dann aber von ihnen selbst zum Ausschussprodukt einer hochgradig unprofessionellen Di- plomatie erklärt worden. Entsprechend schlossen sich keine für die Sicherheit Europas produktiven Aktionen der Westmächte an (zu den dann Mitte 1939 mit der Sowjetunion ergebnislos erfolgten Verhandlungen der Westmächte wird unten Stellung genommen).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

War man jedoch, im Gegensatz zu den obigen Ausführungen, der Überzeugung, "München" wäre ein Schritt in die richtige Richtung gewesen, warum ging man dann nicht auf diesem Weg weiter und strebte einen Vollausgleich mit Deutsch- land an? Die Sudetengebiete hatten schließlich nie zum Deutschen Reich nach 1871 gehört, und das eigentliche Restitutionsproblem für Deutschland waren der Polnische Korridor und die Stadt Danzig. "München" war Ausweis einer gedeih- lichen Zusammenarbeit zwischen Deutschland, Großbritannien, Frankreich und Italien gewesen, die hätte fortgesetzt werden können, auch unter dem Aspekt, dass die Sowjetunion in Form von "München" von der Einmischung in europä- ische Angelegenheiten ausgeschlossen worden war und hätte ausgeschlossen bleiben können. Tatsächlich schien es zunächst so, dass die von "München" er- zeugten deutschen Hoffnungen, ohne Krieg zu weiteren außenpolitischen Erfol- gen zu kommen, nicht ganz unberechtigt waren. Auch ohne den Besitz von Kolo- nien oder einer großen Flotte hätte Deutschland zu den europäischen Großmäch- ten aufschließen können, hätten diese ihm eine gewisse Vormachtstellung über die (süd)östlich angrenzenden Gebiete eingeräumt. Die betroffenen Staaten von Polen bis Bulgarien wären dabei unabhängig geblieben, nur die anderen Mächte hätten dort von einer Einmischung Abstand zu nehmen. Nach Chamberlain wäre eine deutsche Hegemonie über Südosteuropa zulässig gewesen. Der franzö- sische Außenminister Bonnet machte ebenfalls Andeutungen, "das östliche Eu- ropa als deutsches Einflussgebiet anzuerkennen". Als er davon später nichts mehr wissen wollte, entspann sich zwischen ihm und dem deutschen Außenmi- nister Ribbentrop ein regelrechter Wortkrieg, wobei Ribbentrop natürlich nicht durchdrang. Briten und Franzosen hatten in der Zwischenzeit eine Kehrtwende von der Kooperation hin zur Konfrontation mit Deutschland vollzogen. Alle über "München" hinausgehenden angedeuteten Angebote der Westmächte sollten sich als nichts als während einer Übergansphase ausgestoßene heiße Luft erweisen.

 

 

Was man Hitler traditionell vorwirft, und für den Kurswechsel der Westmächte als Begründung anführt, ist sein Bruch des Münchner Abkommens in Form der "Zer- schlagung der Rest-Tschechei". Aber auch hier verhält es sich etwas anders als die übliche Sichtweise suggeriert, nämlich dass Hitler rein mutwillig und aus Ero- berungsgier gehandelt hätte. Heutzutage kann man die Mehrzahl der Details pro- blemlos im entsprechenden Wikipedia-Eintrag nachlesen. Demnach waren die Slowaken nicht mehr bereit, sich in dem amputierten Staat mit bloßer Autonomie zufrieden zu geben, sondern strebten einen eigene unabhängige Republik an. Was dann die Tschechen veranlasste, Militär gegen das slawische Brudervolk ein- zusetzen. Nachdem aber der slowakische Widerstand sich in der Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung manifestierte, befürchtete der noch-tschechoslowa- kische Staatspräsident Hácha den Ausbruch von Unruhen und suchte in Berlin um Verhandlungen nach. Die Aufrechterhaltung der Ordnung in Tschechien war je- denfalls nicht anders möglich als durch das Einrücken deutscher Sicherheitskräfte dort. Hácha musste der von ihm selbst angeregten Besetzung seines Landes zu- stimmen, das formal unabhängig blieb, und er selbst dessen Präsident (bis er nach der deutschen Niederlage 1945 von Landsleuten totgeknüppelt wurde).

 

Dass aus diesem formalen, aber unter Anregung und mit letztendlicher Zu- stimmung der Betroffenen erfolgten Vertragsbruch durch Deutschland ein Auto- matismus zur Konfrontation durch die Westmächte folgt, sieht man üblicherweise so, die Zwangsläufigkeit besteht aber meiner Ansicht nach nicht. Denn es gab Anzeichen, dass sich die Briten sich mit der neuen Situation abgefunden hätten und bei weiteren Zugeständnissen an Deutschland geblieben wären. Nun wurde aber auf der anderen Seite des Atlantiks Roosevelt aktiv. Die amerikanischen Journalisten Allen und Pearson enthüllten in der Zeitung "Washington Times Herald" am 14.04.1939, dass "in der Nacht zum 16. oder am 16. März Roosevelt an Chamberlain eine ultimative Note geschickt habe. In ihr habe es kurz und bündig geheißen, daß England keinerlei moralische oder materielle Hilfe mehr von den Vereinigten Staaten erwarten könne und daß auch der Verkauf von Flugzeugen an England sofort eingestellt werde, falls die britische Regierung an der Politik von München weiter festhalte. In dieser Note sei Roosevelt so weit gegangen, daß er die Frage stellte, ob England eigentlich ebenfalls bereits eine "Nazi-Nation" oder ob es noch eine Demokratie sei." Vor dem Roosevelt-Ultimatum hatte die britische Regierung noch verhalten auf den Bruch des Münchner Abkommmens reagiert. Danach änderte sie ihren Kurs entscheidend und unverrückbar.

 

 

 

 

 

 

 

Inwieweit die Briten die strenge Ermahnung Roosevelts überhaupt nötig hatten, fragt sich, wenn man die Worte liest, die bereits am 15.03. Halifax an den deut- schen Botschafter Dirksen gerichtet hatte: "Herrn Hitlers Geschmack für blutlose Siege kann ich gut verstehen, aber eines nicht fernen Tages wird er es mit etwas zu schaffen haben, das nicht unblutig sein wird." (Gefolgt von Einschätzungen über die Unempfindlichkeit der deutschen Regierung gegenüber der Weltmeinung und ihrem Streben nach Herrschaft über Europa und sogar den ganzen Globus.) Halifax sah sich also keineswegs mehr an seine Worte vom 19.11.1937 gegenü- ber Hitler gebunden, mit denen er eine friedliche Gesamtlösung in Aussicht stellte. Stattdessen kündigte er den Krieg an.

 

 

 

 

 

 

 

 

In dieser zeitlichen Phase liquidierte Italien mit Albanien nach Abessinien bereits den zweiten unabhängigen Staat, ohne dass seitens der Westmächte irgend etwas Substanzielles gegen Italien unternommen wurde. Auch den Untergang der spanischen Republik und die Errichtung der Herrschaft General Francos nahm man westlicherseits ohne große Gegenwehr hin, obwohl sich hier eine gute Mög- lichkeit zu einer Zusammenarbeit mit der Sowjetunion geboten hätte. Die Kriegs- lüsternheit der Achsenmächte wurde so jedenfalls nicht gebremst. Dass aber Spanien dann im Zweiten Weltkrieg so gut wie keine Rolle spielen würde, war eine weitere der zahlreichen richtigen Kalkulationen der Westmächte.

 

Hitler hatte jedenfalls das Gefühl, dass ihm die Zeit davonlief. Im April 1939 war sein 50. Geburtstag gewesen, und er war überzeugt, nicht alt zu werden. Aus seiner Sicht mussten die Verhältnisse nun so oder so geregelt werden. Nachdem Polen sich im Herbst 1938 mit dem Olsagebiet auch ein kleines Stück Tschecho- slowakei geschnappt hatte, mochte er die Hoffnung hegen, weiteren polnischen Landhunger für sich nutzen zu können, und gemeinsam mit Polen, unter west- licher Genehmigung, Eroberungen in der Ukraine zu tätigen. Polen lehnte ab, und für Hitler konnte es statt mit nun eben gegen Polen gehen. Den Nichtangriffspakt mit Polen von 1934 kündigte er und ordnete mit "Fall Weiß" an, den Überfall auf Polen auszuarbeiten und vorzubereiten. Das bedeutete jedoch nicht, dass Hitler in jedem Fall Krieg gegen Polen, oder sogar den Krieg gegen Polen als Auftakt zum ganz großen Krieg wollte. Die kommenden Verhandlungen aber benötigten deut- scherseits die Unterlegung durch militärischen Nachdruck.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wollte man westlicherseits nun gleichzeitig den Krieg verhindern und weitere Zu- geständnisse an Deutschland vermeiden, bot sich noch die Möglichkeit eines Abkommens mit der Sowjetunion an. Stalin ließ auch, trotz seiner "Kastanien- Rede", darüber verhandeln. Es kam jedoch zu keinem Abschluss, und zwar nicht nur wegen der polnischen und rumänischen Vorbehalte. Sondern die Westmäch- te waren in Wirklichkeit daran überhaupt nicht interessiert. Misstrauen gegenüber der Sowjetunion, die im Fall eines erfolgreichen Krieges selbstverständlich einen Preis für ihr Engagement verlangen würde, mag die eine Ursache gewesen sein. Es liegt aber auch der Schluss nahe, dass man lediglich zum Schein mit Stalin verhandelte, um ihn zu frustrieren, damit er Hitler ein Angebot machte, und Hitler zusätzlich unter Zeitdruck zu setzen, vor Beginn der Herbst-Schlechtwetterperiode mit Stalin ins Reine zu kommen, um seinen Krieg noch im Jahr 1939 beginnen zu können. Die Verhandlungen zwischen der Sowjetunion und den Westmächten führten jedenfalls zu nichts, und Hitler meinte, die Welt durch seinen Pakt mit Sta- lin zu überraschen, wodurch seine Gegner die Chancenlosigkeit ihrer Lage erken- nen und vom Krieg Abstand nehmen sollten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die deutschen Forderungen, die von Polen sogleich zurückgewiesen wurden, lagen jedenfalls seit Oktober 1938 auf dem Tisch und waren, rein für sich ge- sehen, äußerst moderat. Rückkehr Danzigs zum Reich, Verbleib Gdingens bei Polen, Volksabstimmung im Korridor über die Zugehörigkeit zu Deutschland oder Polen und exterritoriale Verkehrswege für den Verlierer. Im Gegensatz zur Meinung von Klaus Hildebrand war nichts daran unzumutbar, rechnet man dagegen die Zumutungen, denen Polen die etwa 50 folgenden Jahre ausgesetzt sein sollte. Stattdessen sorgte Polen mutwillig für eine Verschärfung der Lage. In Danzig setzte es immer mehr bewaffnete Zollinspektoren ein. Als der Danziger Senatspräsident sich darüber beschwerte und die Tätigkeit der Inspektoren be- schränken wollte, reagierten die Polen mit der Ankündigung von Einfuhrverboten leicht verderblicher Waren aus Danzig. Die Stadt hielt jedoch weiter dagegen. Polens Reaktion war eine ultimative Androhung von "Vergeltung". Hätte die Stadt nun nicht nachgegeben, wäre die Eingliederung in den polnischen Staatsverband mit militärischen Mitteln die Folge gewesen.

 

Diese Situation muss man sich vergegenwärtigen, wenn man die Entfesselung des Zweiten Weltkriegs durch Hitler nicht als reine Willkürmaßnahme in ehernen Lettern für alle Zeiten gesetzt lassen will. Einerseits Hitler, angetreten mit dem Ziel der Beseitigung von "Versailles", auf diesem Weg weit vorangekommen und mit wenigstens für die kommende unmittelbare Auseinandersetzung gut gerüsteten Streitkräften versehen, andererseits ein anscheinend unterlegener, aber völlig unbeeindruckter Gegner, der noch dazu provoziert und seinen Machtbereich auf Hitlers Kosten ausdehnt. Hätte Hitler letztendlich nicht mit Krieg reagiert, hätte er die unterlegene Position Deutschlands eingeräumt. Der Kern des Nationalso- zialismus, der Gestus der rassisch-völkischen Überlegenheit, hätte sich als die hohle Phrase erwiesen, die er war. Hitlers Regime hätte sich als außenpolitisch machtlos erwiesen, daran hätte auch das verlogene Pathos eines folgenden "Par- teitags des Friedens" nichts geändert, und wäre alsbald ehrlos (das auch im natio- nalsozialistischen Sinne, nämlich unblutig) beseitigt worden. Für Hitler war Krieg die einzige Alternative.

 

 

 

Dass Hitler dabei "nur" die ihm von den Westmächten zugedachte Rolle spielte, konnte er nicht ahnen. Mit dem Machtpotential Stalins im Hintergrund versuchte er zunächst einige Tage weiter, eine zugleich friedliche, aber für Deutschland vorteil- hafte Lösung zu erzielen. Nicht ohne Grund sah er dabei die Briten als über Krieg oder Frieden in Europa entscheidende Macht an. Obwohl es zu keiner konkreten Hilfeleistung in der Lage waren, hatte sich Großbritannien "schützend" vor Polen gestellt, mit einer Garantie auf den Bruch des Münchner Abkommens und einem Bündnis auf den Hitler-Stalin-Pakt reagiert. Oberflächlich zeigte sich Großbritan- nien in den letzten Tagen des August 1939 sogar vermittlungsbereit. Druck auf Polen ausüben konnte es nicht und wollte es wohl auch nicht. Wer es gekonnt hätte, war nach britischer Einschätzung Roosevelt gewesen. Aber der weigerte sich. Um mit den Briten voranzukommen, hatte Hitler zunächst den bereits für den 26.08. geplanten Angriff verschoben. Auf die Darstellung des folgenden Hin und Her von Verhandlungen und Vermittlungen kann hier verzichtet werden. Polen be- wegte sich jedenfalls nicht um den Bruchteil eines Millimeters. Als die Briten vor- schlugen, Deutschland und Polen sollten die Probleme untereinander bespre- chen, forderte Deutschland die Entsendung eines mit allen Vollmachten ausge- statteten polnischen Emissärs nach Berlin. Halifax lehnte es jedoch ab, dieses Ansinnen zu unterstützen. Nach weiteren diplomatischen Bemühungen erscheint zwar der polnische Botschafter Lipski bei Ribbentrop, darf aber nicht verhandeln. In Wirklichkeit war das britische Entgegenkommen nur vorgetäuscht. Hitler war von den Westmächten verarscht worden. Das konnte er nicht mit sich machen lassen, und den Angriff würde er nun kein weiteres Mal verschieben.

<21.06.2017 Eine sehr detaillierte, wenn auch für unsere Zwecke nicht ausrei- chende Darstellung findet sich bei Walther Hofer, dritte weiterführende Literatur zu diesem Teil, daraus auch die rechts stehende Änderung motiviert.>

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Warum Polen in einer Sache, in der es nichts zu gewinnen hatte, völlig unbeweg- lich blieb, ist nicht leicht nachzuvollziehen. Eine gehörige Portion Selbstüber- schätzung wird dazugehört haben. Neben den Hoffnungen, die die offene Unter- stützung durch die europäischen Westmächte weckten, gibt es aber auch Hinwei- se darauf, dass im Hintergrund Roosevelt die Fäden zog. Doch selbst wenn damit weitere Verantwortlichkeiten für den Kriegsausbruch an die USA fallen, mehr als einen vagen benefitären Einfluss auf eine mögliche erfolgreiche polnische Krieg- führung kann man wenigstens aus heutiger Sicht daraus nicht herausfiltern. Wel- che Macht hier das größere Risiko einging, Deutschland oder Polen, braucht nicht diskutiert zu werden. Polen zu halten wäre im Fall einer friedlichen Regelung ein Leichtes gewesen. Hätte Hitler mehr gewollt, hätte man ihm immer noch auf die Finger klopfen können.

 

 

 

 

 

 

 

Wenn auch die polnische Motivation, den Krieg zu riskieren, schwer zu verstehen ist (man fühlt sich hier an die Hartnäckigkeit Serbiens 1914 erinnert, die von den Polen 1939 mit ihrer Unnachgiebigkeit noch getoppt wurde), meine ich mit meinen bisherigen Ausführungen die Verantwortung der Westmächte auch für diesen Krieg nachgewiesen zu haben. Mit den beiden Krisen von 1938 haben sie Hitler erst angeschoben, um ihn dann 1939 stolpern zu lassen. Seinen Expansionsbe- darf haben sie dabei für ihren Kriegskurs einkalkuliert und benutzt. Auch wenn wie in 1914 im Jahre 1939 die Verantwortung für die eigentliche Kriegsauslösung bei Deutschland liegt, war dieses durch insbesondere angelsächsiche Politik in beiden Fällen aus seiner Sicht in eine Zwangslage gebracht worden, aus der der Krieg der einzige Ausweg schien.

 

 

 

 

Natürlich war es eine Riesendummheit Hitlers, oder seinem unterschwelligen Ziel der Entehrung Deutschlands geschuldet, den Krieg gegen Polen ohne ausreich- ende Begründung (etwa mit der Drangsal der deutschen Minderheit), ohne offen- es Ultimatum, ohne Kriegserklärung und stattdessen mit der dummen Lüge des "Zurückschießens" zu beginnen. Aber zum europäischen Krieg wurde der deutsch-polnische nicht dadurch, dass Deutschland den Westmächten, sondern indem diese ihm den Krieg erklärten. Dazu waren sie, trotz der Vereinbarungen mit Polen, nicht gezwungen. Souveräne Staaten können auch gegen bestehende Verträge handeln, und in einer existenzbedrohlichen Zwangslage befanden sich Großbritannien und Frankreich mitnichten, vielmehr versuchte Deutschland auch nach Kriegsausbruch wieder mit ihnen zu einer friedlichen Lösung zu kommen (siehe dazu das nächste Kapitel), jedoch erfolglos. Ebenso kann die moralische Berechtigung zum antinazistischen Kreuzzug für 1939 nicht gelten, da sich die im deutschen Namen begangenen Massenverbrechen, an erster Stelle die Judenver- nichtung, noch nicht ereignet hatten und ohne den Krieg auch sicher nicht möglich gewesen wären.

 

 

 

 

 

 

 

Das moralische Versagen der Westmächte manifestiert sich nicht zuletzt darin, dass sie für Polen militärisch nichts, aber auch gar nichts taten. Stattdessen ga- ben sie es trotz ihrer Kriegserklärungen ohne Gegenwehr preis. Polen war von den Westmächten nur benutzt worden, um in den Krieg gegen Deutschland zu kommen, und hatte sich wie eine Nation von Vollidioten auf das Spiel eingelassen. Hätten die Westmächte auch nur ein Minimum an Moral besessen, hätten sie auch der Sowjetunion nach deren Eingreifen gegen Polen (es kam noch zu pol- nisch-sowjetischen Kampfhandlungen, aber die militärische Drecksarbeit hatten die Sowjets die Deutschen erledigen lassen) den Krieg erklärt. Die Garantieerklä- rung der Westmächte für Polen hatte aber wohlweislich nur für die Auseinander- setzung mit Deutschland gegolten. Eine Kriegserklärung an die Sowjetunion (man war ja vielleicht, ach, gegen sie zu schwach, soll das Moral sein?) hätte die beiden Schurkenmächte nur enger zusammenschließen (und damit die eigent- lich befürchtete deutsch-russische Chimäre erzeugen) können. So aber erreichte man, auf Kosten Polens, was man erreichen wollte: eine deutsch-sowjetische Nahtlinie, an der der bewaffnete Konflikt zwischen den beiden totalitären Syste- men ausbrechen konnte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Letztes hier zu Hitlers Aussprüchen, die man vielleicht als Entgegnung zu den hier getätigten Ausführungen vorbringen möchte. Am 11.08.1939 sagte er zu Carl Jacob Burckhardt, dem Hochkommissar des Völkerbunds für die Freie Stadt Danzig: "Alles, was ich unternehme, ist gegen Rußland gerichtet; wenn der Wes- ten zu dumm und zu blind ist, um dies zu begreifen..." Wer nicht begriff, war Hitler, und viele mit ihm. Hitler war genau der Richtige, um das Spiel des Westens zu spielen. Wie oben ausgeführt brauchte man ihm nur die passende Falle zu stellen, aufgrund von Großsprecherei und gewalttätiger Natur seines Regimes konnte er am Krieg nicht vorbei. Und man stellte ihm die passende Falle. Er würde auch einen aussichtslosen Krieg "va banque" führen, und würde "sein Wille nicht mehr triumphieren", würde er sein Volk rücksichtslos mit sich in den Untergang reißen, bzw. würde er als "Feldherr" die passenden Fehlentscheidungen treffen, um dies zu bewerkstelligen. Die Entscheidungen, die Hitler getroffen hat, sind aber nicht nach seinen Sprüchen zu beurteilen, sondern stets nach den Umständen, in denen sie fielen.

 

Das obige Zitat lautet weiter: "...werde ich gezwungen sein, mich mit den Russen zu verständigen, den Westen zu schlagen, und dann nach seiner Niederlage mich mit meinen versammelten Kräften gegen die Sowjetunion zu wenden." Das sieht wie eine Prophezeiung seines weiteren Vorgehens aus. Ist es aber nicht. Wenn mit "Westen" nur Frankreich gemeint ist, hat Hitler sich nach der französischen Niederlage knapp ein Jahr Zeit gelassen, um die Sowjetunion anzugreifen. Wenn darin auch Großbritannien eingeschlossen ist, hat Hitler die britische Niederlage nicht herbeigeführt. Eine Niederlage der USA gegen die Achsenmächte war ohne- hin utopisch, auch wenn die Amerikaner selbst das vielleicht anders gesehen ha- ben. Hitler hat also die Sowjetunion nicht nach, sondern vor der Niederlage des Westens angegeriffen. Dass dieser Angriff nicht ideologisch, sondern, wie sonst auch, situationsbedingt erfolgte, wird im nächsten Kapitel zu beweisen sein.

 

Für die Beurteilung des Zitats lt. Richard Overy aus den Wikipedia zum Polenfeld- zug: "Danzig ist nicht das Objekt, um das es geht. Es handelt sich für uns um Arrondierung des Lebensraumes im Osten und um Sicherstellung der Ernährung … In Europa ist keine andere Möglichkeit zu sehen" gilt dasselbe. Zum Ausbruch des deutsch-polnischen Krieges ging es, wie oben ausgeführt, nur um die Korri- dorfrage inklusive Danzig, und diesen Krieg, der Hitler nicht genehm war, suchte er, so gut es einem Hitler möglich war, zu vermeiden. Die weitergehenden Vor- stellungen sind die aus "Mein Kampf" bekannten, infolge der lediglichen "Arrondie- rung" nicht Lebensraum-, sondern nur Agrarraumvorstellungen. Egal wie verquer auch diese Vorstellungen gewesen waren, trotz seines Ausspruchs plante Hitler nicht für einen Krieg zur Gewinnung der entsprechenden Gebiete. Der Abscheu vor Hitlers Person, seinem System, seiner Ideologie und seinen Megaverbrechen verhindert "seriöserweise" die Schlussfindung, der Zweite Weltkrieg war seitens Hitlers nur das Werk eines Gehilfen, nicht eines "Schöpfers". Doch dieses ergibt unsere Analyse.

Auch in diesem Kapitel wird wieder auf die Bän- de von Manfred Rauh, Literaturangabe siehe Einleitung, zurückgegriffen. Zitate aus dem ers- ten Band sind mit [R I], solche aus dem zweiten mit [R II] gekennzeichnet.

Persönliche Einschätzungen in diesem Ab- schnitt "militärisches Übergewicht" und "unpro- fessionelle Diplomatie".

 

Formulierung zu den Sowjettruppen in Polen und Rumänien siehe [R I], S. 356 (zu den Kriegsergebnissen zählte dann ja gerade diese Situation). Für ein spekulatives Abkommen wie das Skizzierte wäre natürlich der gute Wille der Beteiligten die Voraussetzung. Rumänische Furcht vor einem deutschen Angriff ausgedrückt

durch den Diplomaten Tilea in London siehe Schultze-Rhonhof (s.u.), S. 428. Ereignis auch bei Dilks, Literaturhinweis s. 4. Kapitel im 4. Teil, S. 159f, rasch folgendes Dementi des rumäni- schen Außenministers Gafencu. Ein deutscher Angriff unter Hilfestellung des traditionell mit Deutschland verbündeten Ungarn auf Rumänien

wäre nicht undenkbar und wegen der für die deutsche Kriegführung unabdingbaren rumäni- schen Ölvorkommen auch nicht ziellos gewe- sen, es handelte sich bei dieser Möglichkeit aber

eher um eine britische als um eine deutsche strategische Vorstellung. Es gibt hierzu eine fünfteilige SPIEGEL-Serie aus dem Jahr 1964, basierend auf einem Buch von Martin Gilbert und Richard Gott (ab Nr. 35 S. 38), nachdem es dem (deutschstämmigen) polnischen Außenminister Beck gelungen war, die ursprünglich für Rumä- nien vorgesehene Garantie in eine für Polen um- zuwandeln.

Gerd Schultze-Rhonhof, dessen hier zitierte Schrift "1939 Der Krieg, der viele Väter hatte" (erschienen 2003 bei Olzog Verlag GmbH, Mün- chen, aus dem Internet herunterladbar: https://ia800301.us.archive.org/10/items/DerKriegDerVieleVaeterHatteGerdSchultzeRhonhof/DerKriegDerVieleVaeterHatteGerdSchultzeRhonhof.pdf) gehört zu den "verfemten" Geschichts- revisionisten, was wohl weniger an methodi- schen Fehlern in seinem Buch liegen dürfte, als generell an dem Tabubruch, die Alleinschuld Hit- lers (und damit Deutschlands) am Zweiten Welt- krieg überhaupt in Frage zu stellen. Dieses un- ternimmt auch Manfred Rauh, der in [RII], S. 53, von einem "vordergründigen Täter-Opfer-Sche- ma" spricht. Die genaue Erarbeitung der Kriegs- ursachen misslingt jedoch beiden. Rauh schrammt knapp, Schultze-Rhonhof deutlich vorbei. Während Rauh zwar die richtige Spur sieht, aber nicht beweist, bleibt Schultze-Rhon- hof in seinen Schlüssen zu vage, was er bereits im Titel ("viele Väter") andeutet. Seine Schrift liefert allerdings Details, die anderweitig nicht oder schwer zu finden sind und die hier vertre- tene Gesamtschau entscheidend mitprägen (weitere Zitate mit [SR] gekennzeichnet).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Motiv der antisowjetischen Abstimmung durch "München" [R I], S. 347f. Die Verstümmelung der Tschechoslowakei entwertete deren Beistands- vertrag mit der Sowjetunion.

 

 

 

Persönliche Schlussfolgerungen und Bewer- tungen.

 

 

 

[R I], S. 346: Die Appeaser, namentlich Cham- berlain, erwogen, Deutschland eine Vormacht- stellung gegenüber den "zwischeneuropäi-schen" Ländern einzuräumen. Bonnets unklare Äußerungen vom 06./07.12.1938 [R II], S. 29, Anm. 7, zum Thema auch [SR], S. 175ff. Verba- le Auseinandersetzung Ribbentrops mit Bonnet S. 272 in Roland Ray, Annäherung an Frank- reich im Dienste Hitlers? Otto Abetz [ein deut- scher Diplomat] und die deutsche Frankreich-

politik 1930 - 1942, R. Oldenbourg Verlag, Mün- chen 2000.

Schlussbemerkung des Abschnitts persönliche Bewertung.

 

Altnazi Klüver (Literaturhinweis siehe vorange- gangenes Kapitel) verneint einen Vertragsbruch mit Berufung auf eine "clausula rebus sic stan- tibus", nach der Verträge nur so lange gelten, wie die Voraussetzungen bestehen, unter denen

sie geschlossen wurden. Mit ihrem Nichteingrei- fen zugunsten der Tschechoslowakei hätten sich die Briten selbst auf eine derartige Klausel berufen (S. 291, s.u. mit "veränderten Umstän- den" hätte sich eine Vermeidung der Kriegser- klärungen Großbritanniens und Frankreichs an Deutschland ebenso begründen lassen).

 

 

Zweck des deutschen Eingreifens ds., S. 84.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dieses entscheidende Zitat stammt aus der Feder eines weiteren Altnazis, nämlich Gisel- her Wirsing, dessen braune Vergangenheit ihn nicht hinderte, nach dem Krieg als Chefredak- teur der Zeitschrift "Christ und Welt" Karriere zu machen. Es steht auf S. 239 in Wirsings Werk "Der maßlose Kontinent. Roosevelts Kampf um die Weltherrschaft", Eugen Diederichs Verlag, Jena 1942 (herunterladbar aus dem Internet: https://archive.org/details/Wirsing-Giselher-Der-masslose-Kontinent, PDF-Seite des Zitats: 98, trotz ihres hochtrabenden Titels gibt die Schrift außer diesem Zitat für die hier verfolgten Zwecke nichts Wesentliches her).

"...keinerlei Grund für eine Alarmstimmung...", ds., kurz zuvor. Zweifel an der Authentizität des Zitats würden mich interessieren. Jedenfalls findet es sich auch bei Walendy (Literaturhin- weis siehe 2. Kapitel dieses Teils), S. 22. Dort S. 20f auch zur Erpressbarkeit Großbritanniens durch die USA, niedergelegt in polnischen, 1940 durch das deutsche Auswärtige Amt herausge- gebenen Dokumenten.

Der Schlusssatz des Abschnitts ist meine per- sönliche Beurteilung.

 

 

Eigene Übersetzung des englischen Originals von Dilks, S. 157: "I could well understand Herr Hitler's taste for bloodless victories, but one of these days he would find himself up against something that would not be bloodless... The conclusion everybody in this country and far outside it would draw must be that [the German Government] had no great desire to establish good relations with this country, that they were prepared to disregard world opinion and were seeking to establish a position in which they could by force dominate Europe and if possible the world." Während uns Halifaxens Abgehen von seiner konzessionsbereiten Position von 1937 (siehe dazu vorheriges Kapitel) auffällt, fällt Halifax der Widerspruch zwischen "blutlosen Siegen" und der Fiktion einer darauf basierenden "deutschen Weltherrschaft" nicht auf (oder er unterschlägt ihn bewusst).

 

 

 

 

Auf den Spanischen Bürgerkrieg kann hier nur ganz am Rande hingewiesen werden. Dass der Westen trotz der dortigen innerlich chaotischen bürgerlich-anarchistisch-kommunistischen Ge- mengelage mehr für die spanische Republik hät- te tun können (siehe auch ungenügend unterleg- tes Fromm-Zitat 4. Kapitel im 4. Teil), steht auß- er Frage.

 

Passender Ausspruch Hitlers: "Ich bin jetzt 50 Jahre alt, noch im Vollbesitz meiner Kraft. Die Probleme müssen von mir gelöst werden, und ich kann nicht mehr warten. In einigen Jahren bin ich dazu rein körperlich und vielleicht auch geistig nicht mehr in der Lage." (Zitat aus der Hitler-Biographie von Ian Kershaw, DVA-GmbH,

Stuttgart 2000, S. 320).

Weiteren Zeitdruck übte die durch den Aufrüs- tungskurs verursachte Verschärfung der wirt- schaftlichen Lage des deutschen Reiches aus,

formuliert etwa durch (den später in den 20. Juli

1944 involvierten) General Fromm in Müller, Lite-

raturhinweis im vorherigen Kapitel, S. 253, spe- ziell im Fall der Luftwaffe bei Lutz Budraß, Flug- zeugindustrie und Luftrüstung in Deutschland 1918 - 1945, Droste Verlag GmbH, Düsseldorf 1998, S. 571 (Deutschland drohte zusätzlich durch die ebenfalls verschärfte alliierte Rüstung bald überflügelt zu werden).

"So oder so" schreibt Klüver auf S. 334.

Versuch des Zusammengehens mit Polen un- ter westlicher Genehmigung (bereits im 2. Ka- pitel dieses Teils angesprochen) [R I], S. 349, 353, Polens Ablehnung ds., S. 355.

Beurteilung des Ausmaßes Hitlerscher Kriegs- absichten durch Gotthard Jasper, Vierteljahres- hefte für Zeitgeschichte, III. Quartal 1962, S. 523:

"Kein ernstzunehmender Historiker wird Hitler soweit überschätzen und dämonisieren wollen,

als ob er lange im voraus den Zweiten Weltkrieg,

so wie er am 1./3. September 1939 ausbrach, plante und kaltblütig herbeiführte." Genau diese Dämonisierung wird, behaupte ich, zumindest von weniger ernstzunehmenden Historikern of- fen oder unterschwellig, aber stets permanent unternommen. Jasper setzt sich in seinem Auf- satz über die Ursachen des Zweiten Weltkriegs mit 1962 erschienenen Büchern des "rechten" Revisionisten David L. Hoggan und des "linken" A. J. P. Taylor, der sich damit (so sein englischer

Wikipedia-Eintrag ) einen Ruf als Revisionist einhandelte, auseinander. Auf Taylors Schrift wird auch unten an einigen Stellen verwiesen.

 

 

 

 

Stalins Rede (bereits erwähnt im 2. Kapitel die- ses Teils) [R I], S. 313, 348. Rauh ist wirklich dicht davor, die Motivation der Westmächte auf- zudecken, aber dann misslingt ihm doch die In- terpretation der westlich-sowjetischen Verhand- lungen. Denn ein Abschluss zwischen Moskau und dem Westen hätte nicht "die Kriegsgefahr erhöht" ([R I], S. 357), sondern den Krieg verhin-

dert. Noch auf der vorangehenden Seite (356) schreibt Rauh, es gibt "...Hinweise, dass Hitler vor einem Krieg zurückgescheut hätte, wenn er sich einer Einheitsfront der anderen Großmäch- te gegenübergesehen hätte." Großbritannien hätte nur Druck auf Polen ausüben müssen, entweder die sowjetischen oder die deutschen Bedingungen anzunehmen (erstere zu einem Bündnis, letztere zu Gebietsrevisionen), und der Krieg wäre vermieden worden, tat es aber nicht. Chamberlain konnte keine Verständigung mit Russland herbeiführen, behauptete er im Juli 1939 ([R I], S. 357, keine kursive Hervorhebung im Original). Konnte er nur dann nicht, wenn er in Wirklichkeit Krieg wollte (persönliche Schluss- folgerung). Rauh vermutet, wohl zutreffend, westliche Scheinverhandlungen mit Moskau ([R II], S. 34f), um "Hitler unter Druck zu setzen und Zeit zu gewinnen", was nicht beides gleichzeitig sein kann, Zeitdruck zur rechtzeitigen Kriegser- öffnung durch Hitler wirkt auch in die Gegenrich- tung. Folgend das Argument der Witterungs- gründe und Halifaxens Desinteresse an einem Abschluss mit Moskau, begründet mit seinem Misstrauen gegenüber der Sowjetunion. Bei ehr- lichem Misstrauen hätten die Briten aber gar nicht erst zu verhandeln brauchen. Begründung für die Scheinverhandlungen kann also nur ge- wesen sein, Stalin ins Leere laufen zu lassen, damit er an einem Abschluss mit Hitler Ge- schmack fand, und Hitler dadurch in der Illusion einer überlegenen Position zu wiegen, damit er einen riskanten Kurs fuhr (persönliche Schluss- folgerung).

 

 

 

Die Forderung nach Volksabstimmungen war deutscherseits vor dem 30.08.1939 noch gar nicht erhoben worden (SR, S. 402, erste Form in 8 Punkten ds., S. 392 folgend die Darstellung des fruchtlosen Hin und Her). Hildebrand laut Anmerkung 27 im Wikipedia-Eintrag zum Polen-

feldzug.

"Zollinspektorenstreit" bis zum Zurückweichen Danzigs am 07.08.1939 bei Klüver, S. 316ff, und [SR], S. 448ff.

I.e. handelte es sich um Margarine und Heringe (s.o. Klüver).

 

 

 

Hitler hatte dem Danziger Senatspräsidenten geraten, "die Angelegenheit nicht noch weiter zu vergiften" [SR], S. 449, 450, worauf dieser nach-

gab. Als aber polnische Zeitungen Öl ins Feuer gossen, indem sie die Ereignisse als polnischen

diplomatischen Sieg auskosteten (Klüver, S. 322f, [SR], S. 450, fasste Hitler das und eine folgende polnische Demarche, keinerlei Beein- trächtigung polnischer Interessen in Danzig zu dulden (10.08.1939, Klüver, S. 324) als die offe- ne Herausforderung auf, als die sie gedacht war.

Entsprechend ging er jetzt die "Lösung" des Problems an.

Mögliches Projekt eines "Parteitags des Frie- dens" [R I], S. 356.

Dass Hitlers Regime eine gravierende diploma- tische Niederlage nicht überstanden hätte, war Halifax im Zusammenhang mit der Sudetenkrise

klar ([R I], S. 313). Diese seine Einschätzung hat sich im darauffolgenden Zeitraum eines knappen Jahres ganz sicher nicht geändert.

 

 

 

Detaillierte Darstellung der Verhandlungsprozes-

se bei [SR], ab S. 461 (der schwedische Ver- mittler Dahlerus, ein Vertrauter Görings, wird dauernd falsch mit "m" statt "ru", also "Dahlems"

geschrieben).

 

 

Hierzu aus A. J. P. Taylor, S. 312f: "Diesmal wa- ren die Briten bereits verpflichtet - ihre Hände waren ihnen nicht sosehr durch das förmliche Bündnis mit Polen gebunden als durch die Ent- schlossenheit der britischen öffentlichen Mei- nung [worunter man die - regierungsnahe oder -gesteuerte - Presse verstehen kann, persönli- cher Einschub]. Sie konnten den Polen keine Konzessionen diktieren, sie konnten nicht ge- statten, dass Hitler sie diktierte. Es würden je- doch keine Konzessionen gemacht werden, wenn nicht jemand sie diktierte. Am 23. August teraf sich Sir Horace Wilson im Namen Cham- berlains [Wilson gehörte zu dessen außenpo- litischen Beratern] mit Kennedy, dem amerika- nischen Botschafter. Nach dem Gespräch rief Kennedy das Außenministerium an. "Die Briten erwarten von uns dies und nur dies, nämlich dass wir Druck auf die Polen ausüben. Sie spüren, dass sie dank ihren Verpflichtungen nichts derartiges tun können, aber wir können es." Präsident Roosevelt wies diese Idee so- gleich zurück. Darauf verlor Chamberlain - wie- derum nach Kennedys Bericht - jede Hoffnung: Er sagte, daß es die Nutzlosigkeit aller Bemü- hungen wäre, die so schrecklich sei; sie können die Polen schließlich nicht retten, sie können nur

einen Vergeltungskrieg durchführen, der die Zer-

störung ganz Europas zur Folge haben wird."

Kursive Hervorhebungen nicht im Original. Tay- lors Buch "Die Ursprünge des Zweiten Welt- kriegs. Die Jahre 1933 - 1939" Copyright bei C. Bertelsmann Verlag, München 1962.

Ursprüngliche Fundstelle bei Walendy, S. 29. Dieser hatte die englischsprachige Originalaus-

gabe verwendet.

<Folgender Block geändert 21.06.2017>

Rauhs Behauptung, Hitler hätte am 25.08. "die Nerven verloren" und deshalb den Angriff ver- schoben [R II, S. 25] bzw. dieses unternom- men, um sein kriegsunwilliges Volk zu täuschen [R I, S. 358], kann durchaus zutreffen, mindes- tens brachte ihn das britisch-polnische Bündnis aus dem Konzept, und er verschob den bereits für den 26.08. geplanten Angriff.

<Ende Änderung>

Halifaxens Weigerung, Polen zur Entsendung eines Unterhändlers zu raten, [SR], S. 494.

Die Anweisung an Lipski, auf keinen Fall deut- sche Vorschläge entgegenzunehmen, war von der deutschen Funkaufklärung abgefangen wor-

den (ds., S. 500). Man wusste also im Voraus, Lipskis Besuch war nur das finaleTäuschungs- manöver (ds., S 502, Bewertung persönlich zu- gespitzt).

 

Polnische Selbstüberschätzung [SR], S. 376, 456ff. Ursprüngliche Konzessionsbereitschaft des polnischen Außenministers Beck in Danzig-

und Korridorfagen gegenüber seinem Jagd- freund Göring ds., S. 391. Die Ablehnung der deutschen Vorschläge durch Polen sei "wahr- scheinlich auch durch die Diplomatie der Ver- einigten Staaten beeinflußt", so Klüver auf S. 132. Für diese Aussage zitiert er durch seine Anm. 40 mit Hans Roos einen politisch unver- dächtigen Historiker.

Im Fall einer friedlichen Lösung hätten sich das Deutsche Reich und die Sowjetunion weiter ge- genseitig von einem Einfall nach Polen abge- schreckt (persönliche Beurteilung). Es ging also nicht darum, "Deutschland und Russland ge- trennt zu halten" (so Manfred Rauh, [R I], S. 335), das wäre mit der friedlichen Lösung er- reicht worden, sondern um die Möglichkeit, sie aufeinanderprallen zu lassen (s. auch u. Zitat Walendy S. 16).

 

 

 

 

 

 

 

"Stolpern" s.o. zu Halifax [R I], S. 313.

Diese Ausführungen sind nicht als Rechtferti- gungen für Angriffskriege im allgemeinen bzw. Deutschlands, und damit Hitlers, im Besonde- ren gedacht! Eine anderweitige vollständige und nachvollziehbare Erarbeitung der Ursachen der Weltkriege bzw. der politischen Entwicklung ihrer Entstehung ist mir nicht bekannt. Auch die Nazis und Revisionisten unter den Historikern, selbst wenn ihre Schiften hier verwendet wer- den, liefern keine insgesamt ausreichende Dar- stellung.

 

 

 

Zur Situation der deutschen Minderheit in Polen [SR], S. 450 - 453, 455. Diese wird von der "seriösen" Geschichtsschreibung ignoriert (Ge- genbeispiele wären willkommen), genauso wie polnische bewaffnete Grenzverletzungen (in etwa ds.). Es wäre vorteilhaft, würde sich ein- mal ein ernstzunehmender polnischer Historiker des Themas annehmen.

"Es ist jetzt unmöglich, eine Übereinkunft zu fin- den. Angesichts der veränderten Verhältnisse ist Seiner Majestät Regierung nicht bereit, sich un- endlich an das zu halten, was sie als eine vorüb- ergehende Verpflichtung bereit war, zu akzeptie- ren." Diese Worte Chamberlains, geäußert im Zusammenhang mit der Abtretung der Sudeten- gebiete in Bezug auf die fehlende britische Ber- eitschaft, der Tschechoslowakei weiter beizu- stehen (Klüver, S. 401, Anm. 13 zu S. 291), zeigt, dass die Entscheidungen der britischen Regierung nicht moralisch, sondern politisch zu verstehen waren. Für das entgegengesetzte Verhalten in Form der britischen und im briti- schen Kielwasser der französischen Kriegser- klärung an Deutschland am 03.09.1939 kann man getrost dasselbe annehmen.

 

Die "Irreführung" Polens konstatiert Rauh durch [R II], S. 37.

 

 

 

 

 

Seitens Großbritanniens kam es nur zu einer diplomatischen Note mit dem Ausdruck der Indignation wegen des sowjetischen Vorgehens, gefolgt von dem Zusatz, die britischen Verpflich-

tungen gegenüber Polen blieben unberührt!

(Dilks, S. 218, eigene kursive Hervorhebung).

 

 

Halifax: "Hierduch [die britische Kriegserklärung an die Sowjetunion] könne freilich Rußland noch mehr an die Seite Deutschlands getrieben wer- den" ([R I], S. 359, Rede vom November 1939).

Westliche Zielsetzung, geäußert ein Jahr zuvor durch den amerikanischen Botschafter in Frank-

reich Bullitt, aufgezeichnet durch den polnischen

Botschafter in den USA Potocki: "Es würde der Wunsch der demokratischen Staaten sein, daß es dort im Osten zu kriegerischen Auseinander- setzungen zwischen dem deutschen Reich und Russland komme..." (Walendy, S. 16).

Potocki war ebenso klar, dass das Ganze auf dem Rücken Polens ausgetragen werden würde

(ds. S. 28), Polen wurde vom Westen offenbar bewusst geopfert, so Manfred Rauh ([R II], S. 17).

 

 

Zitat bei Rauh, [R I], S. 353. Klüver (S. 92ff) zweifelt an dessen Authentizität.

 

 

 

 

 

 

 

Göring zu Hitler (29.08.1939): "Wir wollen doch das va banque Spiel lassen." Darauf Hitler: "Ich habe mein Leben lang immer va banque ge- spielt." ([R II], S. 27).

Zu Hitlers Kriegführung dann im sechsten Teil.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zur amerikanischen Chimärenfurcht und der isolationistischen Kritik daran siehe 2. Kapitel dieses Teils.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Keine Planung Hitlers für einen Krieg gegen die Sowjetunion sieht auch Taylor (S. 252), und in den gegen Polen wurde er eher verwickelt, als dass er ihn plante (S. 318). Siehe a.o. "Jasper".

Zur Verantwortlichkeit eine Zeugenaussage aus berufenem Munde, nämlich ([SR], S. 532) von Joseph Kennedy: "Weder die Franzosen noch die Briten hätten aus der deutsch-polnischen

Frage einen Kriegsgrund gemacht, wenn nicht Washington dauernd gebohrt hätte."