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© Holger Bergmann 2015 - 2018

Die theoretische "Letzte Chance"

Es ist sicher eine müßige Frage, zu entscheiden, ob die "Ehre" DER Kriegswende nun "Moskau" oder "Stalingrad" zukommt. Betrachtet man den Zweiten Weltkrieg insgesamt, muss man, wie bereits argumentiert, eine ganze Reihe verschiedener Kriegswenden erkennen. Ebenso kann man die Existenz einer Kriegswende ge- nerell in Frage stellen, nachdem die Achsenmächte sich zwar zunächst auf dem Vormarsch befanden, aber, wie im ersten Kapitel dieses Teils ausgeführt, keinen Globalplan besaßen, nach dem sie den Krieg hätten denn gewinnen wollen. So gesehen hatten sie nie die Chance eines Sieges, und es gab demnach über- haupt keine Kriegswende, sondern immer nur einen Übergang zwischen Vor- marsch und Rückzug. Von Vernunft geprägt war die Kriegführung der Achsen- mächte von vornherein nicht, und sollte es auch nie werden. Sicher war ab irgend einem Zeitpunkt auch ein theoretischer Wechsel zu einer "vernünftigen" Krie- gführung nicht mehr erfolgversprechend, denn je mehr Zeit vergeht, je mehr Fehler gemacht werden und je mehr Verluste sich aufhäufen, um so schwieriger wird es, einen Umschwung zu bewerkstelligen, und irgendwann ist es dann unmöglich. Die Frage nach der Kriegswende sollte also derart gestellt werden, wann in etwa der letztmögliche Zeitpunkt war, zu dem man den Krieg, wenn überhaupt, noch siegreich beenden konnte, sofern man sich nun endlich doch zu einem Umdenken durchgerungen hätte. Es wird hier davon ausgegangen, dass eine derartige Möglichkeit, so utopisch sie auch erscheinen mag, nicht grund- sätzlich ausgeschlossen werden kann.

 

Bevor wir uns aber der Erörterung dieser "letzten Chance" im Detail zuwenden, sollen noch einige Versäumnisse der deutschen bzw. hitlerschen Kriegführung gegen die Sowjetunion betrachtet werden, und zwar in Bezug auf zwei Verbün- dete und deren geostrategische Bedeutung, gemeint sind Finnland und Japan. Man kann unschwer erkennen, dass die deutsche Zusammenarbeit sowohl mit der kleinen nordischen als auch mit der großen ostasiatischen Macht unter den vorhandenen Möglichkeiten blieb. Inwieweit es bei einer "vernünftigen" deutschen Kriegführung überhaupt zum Konflikt mit der Sowjetunion gekommen wäre, mag dahingestellt bleiben. Die Sowjetunion hätte die von Hitler so sehr ersehnte Ukrai- ne sicher nicht freiwillig preisgegeben. Gleichzeitig erscheint ein deutscher Agres- sionskrieg gegen die Sowjetunion NUR wegen der Ukraine eben gerade nicht "vernünftig". Es bleiben zum einen die bereits im dritten Kapitel dieses Teils geäu- ßerte Vermutung, Stalin hätte eine deutsche Landung in England dazu nutzen können, seinerseits anzugreifen, oder er konnte aus internen Überlegungen he- raus zum Angriff schreiten. Wie dem auch sei, in Form der "erweiterten Mittel- meer-Strategie" wäre eine Nachschubversorgung der Sowjetunion durch die Ang- elsachsen weder über die transsibirische noch über die iranische Eisenbahn möglich gewesen.

 

Hierfür noch übrig blieb die Verbindung über das europäische Nordmeer, bei- spielsweise den auch im Winter eisfreien Hafen Murmansk und die zu ihm führen- de Bahnverbindung. Bekanntlich wurde diese nie von deutschen oder finnischen Truppen trotz ihrer äußerst exponierten Lage unterbrochen. Auch gelang es im Laufe des Krieges nie vollständig, die Millionenstadt Leningrad einzuschließen, obwohl eine Landverbindung zwischen den deutschen und den finnischen Linien nur noch wenige um Kilometer um das Südostufer des Ladoga-Sees erfordert hätte. Sicher wäre für die Finnen die Kontrolle und Versorgung der Einwohner Le- ningrads eine überaus unangenehme Aufgabe gewesen. Daraus und aus der Tat- sache, dass das demokratische Finnland für das nationalsozialistische Deutsch- land sicher ein schwieriger Partner sein musste und auch war, kann man jedoch nicht schließen, dass sich die Finnen einer vertieften Zusammenarbeit mit Deutschland grundsätzlich verschlossen hätten. Sowohl ein Vorstoß ans Weiße Meer (und damit verbundener Unterbrechung der Murmanskbahn) als auch ein "Handschlag am Swir" (dem Verbindungsfluss zwischen Ladoga- und Onega-See)

waren erörtert worden. Eine m.e. ohne weiteres möglich gewesene deutsche Marineaktion gegen Murmansk gab es nie, "Basis Nord", ein im Rahmen des Hit- ler-Stalin-Pakts von der Sowjetunion Deutschland zur Verfügung gestellter Stütz- punkt im Kolafjord, war nach der Einnahme Norwegens freiwillig aufgegeben worden, obwohl man ihn vielleicht noch als "trojanisches Tierchen" im Rahmen ei- ner Aktion gegen Murmansk hätte nutzen können. Beim Verlust von Murmansk wäre der Sowjetunion für eine Verbindung zu den Angelsachsen noch der am im Winter zugefrorenen Weißen Meer gelegene Hafen Archangelsk geblieben. Eine Verminung [des relativ engen Zugangs des Nordmeers zum Weißen Meer] war erwogen, aber zumindest in effektiver Form unterblieben.

 

 

 

Eine der merkwürdigsten Erscheinungen des Zweiten Weltkriegs war das Rücken- an-Rücken-Stehen der eigentlichen Gegner Japan und Sowjetunion bis kurz vor Kriegsende. Ein Kriegseintritt Japans an der Seite Deutschlands gegen die Sow- jetunion war aber durchaus denkbar. Für die japanische Armee waren naturge- mäß nicht die angelsächsischen Seemächte, sondern die Landmacht Sowjetunion der Hauptgegner, an dessen Ausschaltung sie ein Interesse haben musste und hatte. Entsprechend hätte die japanische Armeeführung ein gemeinsames Vorge- hen gegen die Sowjetunion wohl mitgemacht. Dem standen aber zwei unüber- windliche Hindernisse entgegen. Zum einen hatte sich die Auffassung des Krieges als Weltkrieg, in dem die Achsenmächte auf Gedeih oder Verderb aufeinander an- gewiesen waren, erst nach dem Krieg entwickelt (trotz der Eindeutigkeit der Kräf- teverhältnisse unterblieb, wie wir bereits sahen, die entsprechende Analyse). Das hatte zur Folge, dass man in Deutschland und Japan die "Kombination von Geg- nern" unterschiedlich auffasste. Während Deutschland die USA so lange als mög- lich aus der aktiven Kriegsteilnahme herauszuhalten versuchen musste und ver- suchte, fasste die japanische Regierung, die einen Krieg gegen die USA als un- ausweichlich ansah, das (gegen die Sowjetunion gerichetete) deutsche Verhalten als strategisch unterschiedlich auf und rechnete entsprechend nicht mit einem deutschen Eingreifen gegen die USA. Daraus folgte für Japan, seinerseits nicht gegen die Sowjetunion einzugreifen.

 

Zum anderen hat Hitler die Teilnahme Japans am Krieg gegen die Sowjetunion aktiv verhindert, da er ja glaubte, mit der Sowjetunion allein fertig zu werden und meinte, ganz in Übereinstimmung mit der o.a. japanischen Position, das japani- sche Kriegspotenzial sei besser voll auf die Angelsachsen konzentriert. Letzten Endes lag darin der Grund, dass es zu keiner koordinierten Kriegführung der westlichen und östlichen Achsenmächte kam. Wiewohl der deutsche Krieg gegen die Sowjetunion durch eine Teilnahme Japans sicher nicht automatisch im deut- schen Sinne entschieden worden wäre, hätte diese doch die Position der Sowjet- union empfindlich beeinträchtigen können. Die japanische Wehrmacht war der sowjetischen klarerweise nicht gewachsen, die Differenz hatte sich zwischen 1939 und 1941 eher noch verschärft. Aber Japan hatte in Ostasien das Gelände auf seiner Seite. Die Transsibirische Eisenbahn war die einzige effektive Nachschub- verbindung für die in dem weiten Gebiet naturgemäß sehr verteilt stehenden Sow- jettruppen. Das Abschneiden dieser Eisenbahn, so weit westlich wie möglich, hätte die Fernost-Rotarmisten isoliert, ihr Widerstand hätte nur gewisse begrenzte Zeit gedauert. Andererseits ist Sibirien aufgrund seines zerklüfteten und teilweise dicht bewaldeten Terrains einer modernen Bewegungskriegführung nicht zugäng- lich. Mehr als eine relativ bequeme Verteidigungsstellung am Baikalsee einzuneh- men wäre den japanischen Truppen sicher nicht möglich gewesen, andererseits hätte dieser Kriegsschauplatz für die sowjetische Führung keinen Vorrang be- sessen, Ersatz wäre bestimmt nur spärlich eingetroffen. Die Entscheidung dieses Teilkriegs wäre so oder so in Europa gefallen.

 

Für eine gemeinsame Fortsetzung des Krieges gegen die Angelsachsen nach einem Fall der Sowjetunion wäre auch eine Landverbindung zwischen den Ach- senmächten über die eurasische Landmasse hinweg sehr wünschenswert gewe- sen. Obwohl Hitler das grundsätzlich eingesehen hatte, wollte er doch Stalin, dem er offensichtlich eine gewisse Bewunderung entgegenbrachte, nach Sibirien ab- schieben. Das einzige Mittel, um die russischen materiellen wie personellen Res- sourcen in bedeutender Weise nutzen zu können, wäre aber m.e. die Einsetzung einer russisch-nationalen Kollaborationsregierung gewesen, die die ansonsten gut zu behandelnden russischen Volksmassen den Achsenmächten dienstbar ge- macht hätte. Aber Hitlers Sieg scheiterte zu allererst an seinen eigenen verqueren Vorstellungen, seinem Rassismus und seiner Grausamkeit.

 

 

Es gab allerdings zwischen der Niederlage vor Moskau 1941 und der "Letzten Chance" noch eine "Vorletzte Chance". Die deutsche Wehrmacht hatte zwar schwere Verluste erlitten, doch waren diese insgesamt nicht derart gravierend, dass eine Wiederaufnahme der Offensive gegen Moskau 1942 ausgeschlossen gewesen wäre. Die Personallage hätte sowohl 1942 als auch 1943 ohne weiteres für großräumige Operationen ausgereicht, soweit man bei Einberufungen und Auf- stellung neuer Verbände "vernünftig" vorgegangen wäre. Die 1941 erlittenen Kraftfahrzeugverluste konnten jedoch nicht innerhalb weniger Monate ausgegli- chen werden, sodass für 1942 eine große Offensive nur noch in einem Frontab- schnitt mit einer Heeresgruppe anstatt mit dreien für 1941 durchführbar war, den anderen blieb nur noch die weitgehend unmotorisierte Verteidigung. Bekanntlich richtete sich dann die deutsche Offensive 1942 gegen den feindlichen Südab- schnitt mit Stalingrad und den Ölfeldern des Kaukasus, wobei vor allem letztere aufgrund des Mineralölmangels der Wehrmacht auf Hitler einen unwiderstehlichen Reiz ausübten.

 

Doch um dahin zu kommen, war erneut eine riesige Entfernung zurückzulegen. Moskau dagegen lag nun, im Gegensatz zu 1941, nicht mehr weit entfernt. Auch war die Kapazität der Roten Armee im Frühsommer 1942 durchaus fragwürdig. Sicher hätten Stalin und seine Militärführung für eine Verteidigung Moskaus alle verfügbaren Kräfte zusammengezogen und härtesten Widerstand geleistet. Die Reserven, die die Rote Armee aber bereits Ende 1941 aufbauen konnte, waren im Zuge der erfolglosen Gegenoffensiven bei Kertsch und Charkow schon wieder aufgebraucht worden. Aufgrund dieser Kalkulation ergibt sich auch für 1942 ein rechnerischer Vorteil für die deutsche Seite, sodass ein Erreichen Moskaus durchaus möglich erscheint.

 

 

 

 

 

Die Funktion Moskaus als russischer Eisenbahnknoten, Personal- und Rüstungs- schwerpunkt kann dabei gar nicht hoch genug veranschlagt werden. Ohne Mos- kau, und umso mehr mit jedem weiteren deutschen Vorrücken gegen den großen Wolgabogen, werden großflächige Truppenverschiebungen für die sowjetische Seite immer schwieriger und die Personallage immer dünner. Die sowjetische Kriegführungsfähigkeit hätte sich m.e. von diesem Verlust nicht mehr erholt. Die Bedeutung dabei, die Hitler nicht gesehen hat, ist folgende: Bekommt er Moskau in die Hand [und stellt sich militärisch dann nicht komplett tollpatschig an], fällt ihm innerhalb kurzer Zeit, sagen wir 1943, der Kaukasus automatisch zu.

 

Real aber gab es 1942 keine Chance, die Ölquellen des Kaukasus zu erreichen. Die Nachschuborganisation für eine derart weit vom Ausgangspunkt entfernte Frontlinie funktionierte nicht, sodass der Angriff versandete, bevor die wesentli- chen Ölfördergebiete von Baku erreicht werden konnten. Der häufig vorgetrage- nen Kritik, Hitler hätte den Feldzug durch Aufspaltung in zwei Schwerpunkte ge- gen Stalingrad und gegen Baku zersplittert und damit den Erfolg verunmöglicht, kann ich mich nicht anschließen. Auch wenn nicht versucht worden wäre, Stalin- grad einzunehmen, hätte die bedeutende Stadt sicher einen hervorragenden Aus- gangspunkt für eine sowjetische Offensive in den Rücken der deutschen Kauka- susfront dargestellt, weshalb auf jeden Fall starke deutsche Sicherungskräfte im Bereich von Stalingrad hätten verbleiben müssen. Vielmehr war deutscherseits noch ein dritter Schwerpunkt, zur Verteidigung, gegen die Wolgamündung bei Astrachan, aufzubauen, aber so weit kam man nicht. So oder so entstand nichts als eine völlig überdehnte Frontlinie, die auch noch an entscheidenden Punkten von den komplett überforderten Truppen der verbündeten Ungarn, Italiener und Rumänen gehalten werden sollte. Das konnte nicht funktionieren.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wenn man die Frage nach einem Zeitpunkt stellt, ab dem Hitlers Fehlentschei- dungen so weit kulminierten, so dass mit ihm als "Führer" ein Sieg der Achsen- mächte ausgeschlossen war, so lässt sich ein solcher angeben, und der lag noch vor Ende des Kaukasusfeldzugs. Am 8. September 1942 hatte Hitler in einem "Führerbefehl" ausgeführt: "Ich kehre [...] bewusst zu der Art Verteidigung zurück, wie sie in den schweren Abwehrschlachten besonders bis zum Ende des Jahres 1916 mit Erfolg angewendet wurde." Nach weiteren, m.e. nicht stichhaltigen Über- legungen folgt: "Es gab und gibt daher nur ein Mittel für den zahlenmäßig unter- legenen Verteidiger, seine Lage zu verbessern; er muss in seiner so gut wie mög- lich ausgebauten Stellung dem Angreifer derartige Verluste zufügen, dass dieser allmählich verblutet."

 

Hitler ignoriert dabei völlig, dass der Erste Weltkrieg verloren ging und die Erfolge der Wehrmacht mit dem Mittel des modernen, motorisierten und offensiven Be- wegungskriegs erzielt wurden. Die Defensive kann immer nur Aushilfe sein für den Fall, dass eine Offensive nicht möglich ist. Wer völlig auf die Defensive setzt, wird schließlich geschlagen. Dass eine weitere große Offensive auch 1943 perso- nell für Deutschland möglich war, nicht nur das begrenzte Unternehmen bei Kursk, haben wir oben gesehen. Die Ausbringung der Rüstungsindustrie hätte auch 1942/43 noch gesteigert werden können. Aber es sind sich sicher die Beo- bachter in ihrer großen Mehrzahl einig, dass ein Umschwung der Kriegslage für die Achsenmächte ohne durchgreifende Neustrukturierung ihrer Anstrengungen spätestens im Herbst 1942 ab Sommer 1943 aufgrund der nach und nach zum Tragen kommenden alliierten zahlenmäßigen und technischen Überlegenheit nicht mehr möglich war.

 

Die "Letzte Chance" ergab sich also in einem Zeitraum der Vorbereitung zwischen Herbst 1942 und der Realisierung einer letztmals möglichen großen Offensive im Osten im Sommer 1943. Dazu wäre es notwendig gewesen, Hitler spätestens im Herbst 1942 zu stürzen, dem Volk hätte man ja eine "plötzliche schwere Erkran- kung des Führers" vorgaukeln können. Als Putschführer und Nachfolger Hitlers als Reichspräsident wäre Göring in Frage gekommen, der sowohl aufgrund sei- nes militärischen Ranges und seines noch immer vorhandenen Ansehens in der Nazipartei und im Volk das passende Aushängeschild abgegeben hätte. Mit Speer als Reichskanzler, Manstein als Militär- und Goebbels als Parteichef wäre eine Nach-Hitler-Regierungskonstellation vorstellbar gewesen, auch wenn auch diese aufgrund der Naziverbrechen korrumpiert und ihr Erfolg alles andere als sicher war. Aus dem Kaukasusvorland hätte man sich im fortschreitenden Herbst 1942 schleunigst zurückziehen müssen. Für 1943 wären dann alle Kräfte auf die Zerschlagung der für die Großaktionen "Kutusow" und "Rumjanzew" aufmarschie- renden sowjetischen Kräfte zu konzentrieren gewesen. Sicher wäre auch damit der Krieg noch nicht gewonnen gewesen. Aber die Frage muss erlaubt sein, wel- ches Missverhältnis zwischen eigenen und deutschen Verlusten sich die Sowjet- union auf Dauer hätte leisten können, wenn nicht Hitlers o.a. "Führerbefehl" zur Anwendung gekommen wäre.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine strategische Defensive im Osten wäre für 1942 vielleicht nicht aussichtslos gewesen, vorausgesetzt, man behält die Nerven, verbringt ein "Jahr mit zusam- mengebissenen Zähnen" und rüstet quantitativ und qualitativ, was die Kapazitäten hergeben (1943 kam der alliierte Rüstungsvorsprung noch nicht voll zur Geltung). Anstatt gegen Moskau vorzugehen, hätte man 1942 vielleicht, noch immer mit relativ geringem Aufwand, versuchen können, die Versäumnisse von 1940 im Mit- telmeerraum wettzumachen. Trotz sehr angespannter Lage im Osten waren im Spätherbst 1942 Kräfte vorhanden, um Tunesien zu besetzen. Diese führten zu- nächst sogar erfolgreiche Kämpfe gegen die westalliierte "Torch"-Landeoperation, selbst von Luftüberlegenheit der deutschen und italienischen Flieger konnte man zeitweise sprechen.

 

Es wird sich nicht beweisen lassen, ob Hitlers o.a. Haltung vom September hier, wie auf die der Luftwaffenplanung, die Anfang 1943 noch einmal alles auf die vor- handenen Flugzeugtypen setzen wollte, abgefärbt hat. So, wie es kam, wurde in Nordafrika eine "Letzte Chance" eigener Art verspielt. Die Entwicklung der Lage mit den erfolgreichen Abwehrkämpfen vor Tunis im Dezember, Rommels Sieg mit italienischer Hilfe über die kampfunerfahrenen Amerikaner am Kasserine-Pass und der hinhaltende italienische Widerstand gegen die von Ägypten vorgerückten Briten an der sog. "Mareth-Linie" ganz im Süden Tunesiens forderten ein bewährtes Mittel der deutschen Taktik, einen Zangenangriff, in diesem Fall durch Rommels Truppen und denen des Armeebefehlshabers im Norden, von Arnim, geradezu heraus. Aber Arnim verweigerte die Teilnahme, mit der möglicherweise fadenscheinigen Begründung, er verfüge über zu wenig Nachschub. Die nun folgende Defensive erwies sich innerhalb weniger Monate als aussichtslos, Nordafrika ging für die westlichen Achsenmächte verloren.

Hier zu Beginn noch einmal Auseinanderset- zung mit der Eingangsthese von Klaus Rein- hardt, Literaturhinweis siehe Vorkapitel, S. 7, der hier wie dort nicht zugestimmt wird.

Bernd Martin (Literturhinweis im 1. Kapitel die- ses Teils) formuliert (S. 25): "Doch ein genauer Zeitpunkt, zu dem Hitler den Krieg verloren glaubte und zu dem er verloren war, beides wird sich, so sehr sich auch die Historiographie um eine schlüssige Antwort bemüht, nie ermitteln lassen. Nicht gewagte Spekulationen oder dok- trinär gebundene Anschauungen, sondern nur vorsichtig wägende Mutmaßungen vermögen ei-

ner historisch offenen Situation gerecht zu wer- den." Dem wollen wir uns anschließen und ent- sprechend vorsichtig wägend mutmaßen, wobei

wir Reinhardts Position, trotzt Widerspruchs, re-

spektieren.

Ein Großteil der Zitate hier stammt wieder aus Andreas Hillgrubers "Hitlers Strategie", Literatur- angabe 5. Kapitel im 5. Teil, auch hier abgekürzt mit [H], die Buchstaben in eckigen Klammern werden weggelassen für unmittelbar folgende Zitate aus derselben Quelle.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

"Ukraine-Zitat" s. Vorkapitel ([H], S. 29).

 

 

 

 

 

 

"Erweiterte Mittelmeer-Strategie" siehe 1. Kapi- tel dieses Teils, die dort erwähnte "Einschlie- ßung der Sowjetunion" bewusst etwas undiffe- renziert unter Ausschluss der "Murmansk-Mög- lichkeit".

 

 

 

 

 

Man beachte die auch ansonsten absurde Front-

linie im Leningrader Bereich, nach der die Sow- jets sogar einen abgeschnittenes Gebiet an der

Küste westlich von Leningrad hielten, das nur über See versorgt werden konnte. Geeignete Schwerpunktbildung vorausgesetzt, hätte es ein Leichtes sein müssen, sowohl diese Posten als auch die unmittelbar an der [zumindest deutsch-

en] Front [im Süden] gelegene Stadt zu stür- men. Danach hätte die Stadt evakuiert werden können, worum sich die Deutschen auch alleine hätten kümmern können.

Der finnische Militärbefehlshaber Mannerheim wollte zwar über die alte finnisch-sowjetische Grenze ([H], S. 493), nicht aber nach Leningrad vorstoßen (S. 492). Von Hitler zitierte finnische Pläne nach dem Ersten Weltkrieg, ans Weiße Meer zu gelangen, S. 226 Anm. 80. "Handschlag

am Swir" als Basis der finnischen Operations- planung (ohne Zitatgrundlage, die Finnen er- reichten den Fluss) S. 494. Aufgabe von "Basis Nord" im September 1940 S. 236, dahingehen- den sowjetischen Druck hatte es nicht gegeben.

Murmansk und Archangelsk sollten vermint wer-

den (S. 502, Planung vom März 1941). Ein briti- scher Konvoi erreichte im August 1941 Archan- gelsk ohne Verluste, auch sonst liefen die Tran- sporte bis Ende Dezember 1941 reibungslos (S. 445 Anm. 95).

 

 

 

 

 

 

 

 

Positionierung der japanischen Armee S. 299.

 

 

Hierzu siehe 1. Kapitel dieses Teils.

 

 

 

 

 

 

 

 

Unterschiedliche deutsche und japanische Kon- zeptionen S. 487f, insbes. Anm. 21. Aus Ribb- entrops erträumtem "Handschlag auf der Trans- sibirischen Bahn" wurde nichts.

 

 

Martin, S. 94ff. Begründung auch [H], S. 488

Anm. 23.

 

 

 

Persönliche Schlussfolgerungen.

 

 

 

 

 

(Japan besaß keine dem sowjetischen T-34 auch nur annähernd ebenbürtigen Panzer).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Was auch Ribbentrop so sieht ([H], S. 488 Anm.

22). Deutschland und Japan, so Hitler nach Hill- gruber (S. 224 ohne Zitatbegründung) könnten als miteinander verbündete "Kontinentalmächte" (Anführungszeichen nicht im Original) autarke, gegen die Angelsachsen verteidigungsfähige "Großräume" (Anführungszeichen im Original) bilden. Hitlers Pläne für Stalin, nach seinen Wor-

ten "eine der außergewöhnlichsten Gestalten der Weltgeschichte", S. 540 Anm. 21.

Sonst persönliche Schlussfolgerungen.

 

 

 

 

 

 

 

Überlegungen hierzu bei Rauh, Literaturhinweis s. Einleitung, Bd. III, S. 99f. Er kritisiert insbeson-

dere die Aufstellung von "Luftwaffenfelddivisio- nen" und die Steigerung der Zahl der Verbände bei sinkender Truppenstärke. Die deutschen Personalreserven mochten demnach gut 5 Milli- onen Mann betragen haben, deren Mobilisierung aus der Rüstungsindustrie heraus, in der sie be-

schäftigt waren, aber m.e. nur das Verschieben

von einer Tasche in die andere darstellt. Eine [notwendige] "Totalmobilisierung" Deutschlands gab es aber auch 1941/42 nicht.

Attraktivität des Kaukasus Reinhardt, S. 286f.

 

 

 

 

 

 

Aufbau von Reserven durch die Rote Armee im Bereich Moskau ds., S. 199ff, diese wurden aber

bereits durch die Gegenangriffe dort weitgehend verheizt, siehe Vorkapitel. Schlussfolgerung bez.

der sonstigen Reserven bei Geoffrey Roberts, Stalins Kriege, Patmos Verlag GmbH & Co. KG, (ohne Ortsangabe) 2006, S. 149. Die im Süden eingesetzten Verbände waren natürlich nicht die-

selben, die für die Verteidigung Moskaus aufge- boten wurden. Nach ihrem Verlust konnten sie aber eindeutigerweise auch nicht mehr dorthin transportiert werden.

 

Persönliche Überlegungen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hierzu Hans Pottgießer, Die Deutsche Reichs- bahn im Ostfeldzug 1939 - 1944, Vowinckel Ver- lag, Neckargemünd 1960, S. 61: "Auch trat im Zugverkehr vorübergehend ein nennenswerter Rückstau ein, der in Richtung Front bedingt war durch Umdispositionen sowie schleppende Aus- ladung in den Betriebsspitzen. Der zeitweilig

auch vorhandene Heimatrückstau wurde verur- sacht durch langsamen Abfluß der Züge mit Wirtschaftsgütern infolge von Verzollungs- schwierigkeiten an der Grenze des GG [Gene- ralgouvernement]." Was von mir wie folgt inter- pretiert wird: Umdispositionen: willkürliche Ein- griffe, vielleicht im Zusammenhang mit der Tei- lung der Angriffsrichtungen. Ausladeprobleme: Möglicherweise LKW- und/oder Personalmangel

an den Entladestellen. Verzollungsschwierigkei- ten: schlicht bürokratische Hemmnisse, kaum begreiflich in einem einheitlichen Machtbereich. Mismanagement! Von Partisanen- oder sowje- tischen Luftangriffen gegen den Eisenbahnver- kehr ist nirgends die Rede.

 

Argument mit der Aufspaltung der Angriffsspit- zen beispielsweise bei Bernd Wegner: Krieg ohne Zukunft. Anmerkungen zu Deutschlands politisch-strategischer Lage 1942/43, S. 18f (In- ternetartikel, herunterladbar: https://www.perspectivia.net/publikationen/phs/martens-vaisse_krieg/wegner_krieg, die angezeigte Nummerierung beginnt mit Seite 16).

Sonst persönliche Überlegungen, die sicher an- dernorts auch angestellt werden. Eine Detailkri- tik des Kaukasusfeldzugs erübrigt sich m.e. we-

gen der völlig verqueren Anlage.

 

 

 

 

 

 

Zitat aus Gerhard P. Groß, Mythos und Wirklich- keit, Literaturangabe 2. Kapitel im 1. Teil, erste Entnahme S. 243, zweite S. 244.

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Auffassung von Rauh: "...nur in der Form des Bewegungskrieges ließen sich alle Wech- selfälle eines ungewissen Kriegsverlaufs meis- tern,..., während die Beschränkung auf den Stel-

lungskrieg ... die Wahlmöglichkeiten in militäri- scher Hinsicht nutzlos einengte." (Bd. II S. 90, in anderem Zusammenhang) schließen wir uns hier vorbehaltlos an.

 

 

 

 

 

 

 

 

In diesem Abschnitt spekulative persönliche Überlegungen.

 

 

 

 

Sicher fragt man sich, inwieweit diese Herr- schaften gegen Hitler hätten konspirieren kön- nen. Görings viel kritisierte Teilnahmslosigkeit beruhte hauptsächlich auf Hitlers dillettantisch- er, aussichtsloser Kriegführung. Goebbels und Himmler wollten Hitler loswerden, im Sommer 1944! (Erklärungen von Rauh, Bd. III, S. 342. Göring versuchte bekanntlich, den Krieg zu verhindern, siehe hierzu 3. und 4. Kapitel im 5. Teil. Zur Positionierung der Generalität wird noch spekulativ Stellung genommen. Der Karrierist Speer hätte sich sicher vor jeden beliebigen Kar- ren spannen lassen, persönliche Einschätzung.) Zu Görings Restbeliebtheit Götz Aly, Volkes Stimme, S. Fischer Verlag GmbH,

Frankfurt/Main 2006, S. 146 (in Zusammenhang mit Görings "Erntedankrede" vom 04.10.1942).

Entgegen weitverbreiteten Ansichten (auch bei Wegner, S. 29) wurde "Kursk" nicht wegen der westalliierten Invasion in Sizilien abgebrochen, sondern weil "Kutusow" (ab 12.07.1943) und "Rumjanzew" (in Gestalt der vorausgehenden Donez-Mius-Offensive seit 17.07.1943) ange- laufen waren (zitiert aus Roman Töppel

"Kursk – Mythen und Wirklichkeit einer Schlacht“, S. 380ff, als PDF des Oldenbourg-Verlags aus dem Internet entgeltlich herunter- ladbar, die Nummerierung beginnt mit S. 349).

Die sowjetischen zu den deutschen Panzerver- lusten standen bei "Kursk" im Verhältnis 8 : 1 (ds., S. 362, Anm. 57). Auch sonst erlitt die Rote Armee stets mehrfach höhere Verluste als die deutsche Wehrmacht (Roberts, S. 23).

 

 

Rauh, Bd. III, S. 93, zur möglichen strategischen

Defensive im Osten.

 

 

 

Neue dahingehende Vorstellungen der deutsch- en Seekriegsleitung ("Stoß Suez- Ägypten") ds., S. 95.

 

 

 

Vorteilhafte Lage für die Luftstreitkräfte der west-

lichen Achsenmächte Shores et al. (s.u.), S. 66, 113.

 

Keine Änderung im Produktionsprogramm der Luftwaffe Januar 1943 s. Budraß, Literaturanga-

be 4. Kapitel im 5. Teil, S. 850.

Eine wirklich gute Quelle (ausgewertete Werke s.u.) zu den Ereignissen um den Kasserine- Pass war nicht aufzutreiben. Kesselrings Dar- stellung, der in seiner Position am besten den Oberbefehl innegehabt hätte, aber eher als Ver- bindungsmann zwischen den Hauptquartieren und den Frontbefehlshabern fungierte, ist un- schlüssig; er sieht das Problem hauptsächlich in

Rommels gedrückter Stimmung (S. 205). Unge-

nügende Materiallage laut Arnim bei David, S. 389. Nach Zaloga (S. 61) kam es zu einer ge- reizten Auseinandersetzung zwischen Kessel- ring und Arnim. Letzterer behauptete, seine Truppen wären an der Front gebunden und an- ders nicht verwendungsfähig. Bei Shores et. al. heißt es, Arnim hätte seine Panzer als repara- turbedürftig bezeichnet, eine Falschmeldung (S. 240). Nach David (S. 382) bestanden Ressenti- ments zwischen dem "schwäbischen Empor- kömmling" Rommel und dem "preußischen Tra-

ditionalisten" Arnim (eigene Begriffskreationen in Anführungszeichen, im Fall des Zutreffens al- so unvaterländische Regionalismen). Rommel verließ Afrika wenig später aus Gesundheits- gründen, Arnim geriet in Gefangenschaft.

 

 

Verwendet wurden:

 

Saul David, Die größten Fehlschläge der Militär-

geschichte, Wilhelm Heyne GmbH & Co. KG,

München 2001 (der Titel subsummiert "Kasse- rine" unter "Truppenversagen", aus amerikani- scher Sicht).

 

Albert Kesselring, Soldat bis zum letzten Tag, Literaturangabe s. 5. Kapitel im 1. Teil.

 

Christopher Shores, Hans Ring, William N. Hess: Tunesien 42/43, Luftkämpfe über Fels und Wüste, Motorbuch Verlag, Stuttgart 1981.

 

Stephen J. Zaloga, Kasserine Pass 1943, Rom- mels last victory, Oxford (UK)/New York (USA) 2005.

 

Die Kritik an diesen Quellen resultiert aus ihrer o.a. Widersprüchlichkeit zur Positionierung Ge- neral von Arnims. Der Sachgehalt ließ sich so- mit nicht verifizieren. Die sonstige Darstellung sei davon unberührt, auch wenn festgestellt wird, dass sich das Niveau dieser Werke nicht mit dem wissenschaftlicher Literatur messen kann.