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© Holger Bergmann 2015 - 2018

Der Mythos vom tapferen Wehrmachtssoldaten

Am 07.08.1944 blieb bei der französischen Ortschaft Mortain ein deutscher Vor- stoß gegen die westalliierten Invasionstruppen im Feuer von britischen Hawker Typhoon- und amerikanischen Republic P-47 Thunderbolt-Jagdbombern liegen. Als angelsächsische Gefechtsauswertungsteams die deutsche Fahrzeugkolonne näher untersuchten, machten sie eine überraschende Entdeckung: von den Fahr- zeugen, die die Deutschen bei Mortain zurückgelassen hatten (132), gepanzer- ten (77) wie ungepanzerten (55), war nur ein relativ geringer Teil (33), den Luft- angriffen zum Opfer gefallen. 38 hatten US-Soldaten am Boden ausgeschaltet, wobei diese sich wohl die Wirkung der Luftangriffe zunutze gemacht hatten. 14 Fahrzeuge, darunter 6 Panzer V Panther, wurden völlig intakt aufgefunden. 5, davon 4 Panther, waren von der eigenen Besatzung zerstört worden. Bei 42 Fahr- zeugen konnte die Ursache nicht ermittelt werden.

 

 

Die Angriffe der angelsächsischen Jagdbomber waren also so ungenau wie de- moralisierend. Bei einem Treffer durch eine von einer Typhoon abgefeuerten "RP"-Rakete hatte eine deutsche Panzerbesatzung so gut wie keine Überlebens- chance. So spielte es keine Rolle, dass solche Treffer relativ selten waren und dass der Panzer den wohl sichersten Ort während des Angriffs darstellte. Ausstei- gen, irgendwo Deckung suchen und abhauen stellte besonders für unerfahrene Besatzungsmitglieder die bessere Lösung dar. Die aufgegebenen Panzer block- ierten in der Folge heillos die Straßen, sodass auch die anderen Soldaten das Weite suchen mussten.

 

 

 

 

Ähnliches war bereits zuvor beim Ort La Baleine vorgekommen, als eine deutsche Kolonne, in einer Engstelle zwischen einer Böschung und einem Gewässer ein- geklemmt, unter Beschuss feindlicher Jagdbomber geraten war. Nur ein einziger deutscher Soldat fiel, und der wurde offensichtlich Opfer eines Heckenschützen. Im weiteren Kriegsverlauf sollten sich derartige Ereignisse bei Falaise (deutscher Rückzug in Richtung Seine) und in den Ardennen (deutsche Offensive) wiederho- len. Zwischenzeitlich genügten sogar einfache Überflüge westalliierter Jagdbom- ber, um deutsche Truppen zum Aufgeben zu veranlassen.

 

 

 

 

 

Soweit dem geneigten Leser meine Arbeit bis zu diesem Kapitel gefallen hat, mag mir das recht sein. Es geht aber in dieser Arbeit darum, Dinge zu beschreiben, die nicht unbedingt gefallen, bzw. Sichtweisen zu vetreten, die anderweitig nicht oder zu wenig zur Geltung kommen. Man hat also weder von Deutschlands alleiniger oder überwiegender Schuld an beiden Weltkriegen auszugehen, noch von der dämonischen deutschen Überlegenheit, sondern eher von der selbstzerstöreri- schen deutschen Idiotie.

 

Daher ist es auch nicht richtig, in der Wehrmacht, je nach eigener Haltung, schlicht entweder nur Helden oder nur Verbrecher zu sehen. Die Mythifizierung der Wehrmacht im Besonderen wie der deutschen Macht im Allgemeinen ist dabei eher eine angelsächsische als eine deutsche Sichtweise. Der "Rote Baron", der "Wüstenfuchs", die U-Boote, alles ins Gewaltige gesteigerte oder unheimliche Gegner, die man (seitens der Angelsachsen) letzten Endes doch besiegt hat. Insofern dient die Überhöhung des (deutschen) Gegners nur der Mythifizierung der eigenen (angelsächsischen) Leistung.

 

 

 

 

 

 

Dabei waren aber auch Wehrmachtssoldaten letzten Endes nur Menschen. Ihre Tapferkeit wird an dieser Stelle nicht generell in Frage gestellt, noch werden ihre Verbrechen geleugnet. Die Fixierung auf die Wehrmacht als Verkörperung von Macht, Masse und Skrupellosigkeit, in Verbindung mit einer Beschwörung an- haltender Gefahr, sollte sie aus irgendeinem Grund (etwa des dämonischen deut- schen Charakters, "der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem dies kroch") wieder- auferstehen, verstellt aber den Blick auf den deutschen Soldaten als Versager, der er eben auch war.

 

Beispiele wie oben zum westlichen Kriegsschauplatz 1944/45 lassen sich auch in anderen Bereichen und zu früheren Perioden zahlreich aneinanderreihen. Im vor- angegangenen Kapitel zur Luftwaffe wurde die menschliche Komponente bewusst ausgespart. Sie war nichtsdestoweniger in "voller Blüte" vorhanden. Die häufig schlecht ausgebildeten deutschen Jagdflieger des betrachteten Zeitraums verfie- len dem "Jägerschreck", suchten ihr Heil im Absprung oder ließen sich einfach abschießen ("[Ziel-]Scheibenfliegen"). Die im Grunde richtige, wenn auch in der Form häufig überzogene Kritik Görings an der nachlassenden Kampfmoral seiner Piloten 1944 lässt sich ohne weiteres bereits auf das Jahr 1940 übertragen, als Göring bei den deutschen Jagdfliegern, zu deren nicht unwesentlicher Empörung, "mangelnden Kampfgeist" konstatiert hatte. Denn nicht nur er selbst, auch "Jägeras" Galland und seine Kumpane waren die "besten" Beispiele an Disziplin- losigkeit.

 

 

 

Die Illegitimität des Nazisystems und seines Krieges, genau wie dessen antizipier- te, offensichtliche Aussichtslosigkeit, untergruben die Moral der deutschen Solda- ten zu einem nicht unwesentlichen Maß. 15.000 gegen deutsche Soldaten voll- streckte Todesurteile, 23.000 langjährige, 404.000 kürzere Gefängnisstrafen bzw. Kommandierung in Strafbataillone machen nach Overy 3,5% der Gesamtstärke des deutschen Heeres aus und übertreffen die geschätzte entsprechende Zahl für die Rote Armee (1,25%).

 

Der deutschen Heeresführung, die schließlich auch für die Ausbildung der am Boden kämpfenden Soldaten zuständig war, konnte es nicht gelegen kommen, dass Nazigrößen ihr eigene Verbände zur Seite stellten, die über diese Ausbil- dung nicht verfügen konnten. Gemeint sind zum einen Görings Luftwaffenfelddivi- sionen, mit denen er seinen besser für einen systematischeren Luftkrieg einzuset- zenden Personalüberhang verbrauchte. Der Kampfwert dieser Verbände war ge- ring. Zum anderen scheint auch Himmlers Waffen-SS ihren Ruf als Elitetruppe nicht unbedingt zu Recht zu besitzen. Manstein war mit ihrer Leistung unzufrie- den. Ziemke berichtet von SS-Einheiten, die beim Anschein der Annäherung von Sowjettruppen in einem Abschnitt der nordfinnischen Front im Sommer 1941 das Weite suchten.

 

Auch wenn die Marine bis Kriegsende (dann etwa Meuterei auf dem Minensuch- boot M 612) von diesen Ausfällen wenig betroffen scheint, wird es diese zu- mindest in Einzelereignissen gegeben haben, sonst hätte der "furchtbare Jurist", der Marinerichter und spätere baden-württembergische Ministerpräsident Hans Karl Filbinger, nichts zu tun gehabt. Insgesamt meinte die Marine unter ihrem Hit- ler bedingungslos treuen Oberbefehlshaber Dönitz wohl, die "Scharte" von 1918 auswetzen zu müssen (schon laut Dönitzens Vorgänger Raeder sollte sie, wir er- innern uns, nichts als ehrenvoll untergehen), und blieb zum größten Teil einsatz- freudig. Wie folgerichtig wurde nach Hitlers Selbstmord Dönitz dessen Nachfolger. Zuvor hatte Hitler noch Göring und Himmler ihrer Ämter enthoben.

 

Das bisweilen katastrophale Versagen meist aus älteren Männern aufgestellten "Volkssturm"-Einheiten wie der oft, zumindest im Westen, nur noch hinhaltend- passive Widerstand der deutschen Soldaten zeigt, dass von einer "Amalgamie- rung" zwischen NS-System und Wehrmacht gegen Kriegsende überhaupt keine Rede sein kann (wobei nicht behauptet werden soll, dass es gewöhnliche Pflicht- erfüllung wie Fanatismus nicht ebenso gegeben hat). Vielmehr versuchte sowohl die einfache Bevölkerung (dort, wo es möglich war), wie auch die Regierung Dönitz wahrzunehmen (auf deren Verhalten ist ein Blick im abschließenden achten Teil dieser Arbeit zu werfen), was Deutschland spätestens seit den Tagen Salisburys verweigert worden war: den Schulterschluss mit den angelsächsischen Mächten zu erzielen, egal wie deren Politik und Kriegführung gegenüber Deutsch- land auch immer ausgesehen haben mochte.

 

Die ersten drei Textblöcke basieren auf: Ian Goo-

derson, Air Power at the Battlefront, Allied Close Air Support in Europe 1943 - 1945, Frank Cass Publishers, London und Portland/Oregon 1998. Hierin zu La Baleine ("Roncey Pocket", 25.07. 1944) S. 107ff, Mortain S. 110ff, Falaise (ca. 18. 08.1944) S. 117ff, Ardennen (16.12.1944 - 16.01. 1945) S. 119ff.

 

Zahlen laut Tabelle S. 114. Bei Falaise (s.u.) wa-

ren von 133 aufgefundenen gepanzerten deut-

schen Fahrzeugen 33 aus der Luft getroffen worden, bei den ungepanzerten (701) waren es

immerhin 325, davon erlitten 85% "nur" Bord-

waffenbeschuss. Fast 60% der Fahrzeuge wur-

den intakt oder von der eigenen Besatzung zer-

stört aufgefunden (Zahlen S. 117).

 

 

S. 116.

Von 300 zur Luftunterstützung des deutschen

Verbandes vorgesehenen Maschinen (S. 111)

kam keine näher als 40 Meilen an Mortain heran

(S. 112, Gründe siehe Vorkapitel und unten).

 

S. 123.

 

Bombenteppiche und Artillerieangriffe auf deut-

sche Stellungen (im zweiten Fall abgesehen vom Gebrauch von Abstandszündern) hatten

dabei mitnichten dieselbe Wirkung wie Jagd-

bomberangriffe auf Kolonnen (S. 177).

 

 

 

 

S. 110.

 

 

 

So geschehen am 01.11.1944 auf der Insel Nord-Beveland (S. 182, im Rahmen der Opera- tion "Infatuate", S. 174). An der Ostfront, so ein deutscher General, steckten deutsche Soldaten bei Annäherung eines Feindflugzeugs den Kopf in den Sand, während Rotarmisten aus allen Rohren feuerten (Stilla, s.u., S. 84 (Anm. 401)).

 

 

 

 

 

 

Siehe hierzu die vorangegangenen Teile dieser Arbeit.

 

 

Zum Thema gibt es den umfangreichen Band Die Wehrmacht: Mythos und Realität, im Auftrag

des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes herausgegeben von Rolf-Dieter Müller und Hans-Erich Volkmann, R. Oldenbourg Verlag, München 1999. Mythifizierung der Wehrmacht durch westalliierte Schreiber darin lt. Beitrag von

Martin van Creveld, S. 175ff, insbes. S. 177, (amerikanische "priesen" die Wehrmacht), spe- ziell Rommels als deutsche Ausprägung des untadeligen, wenn auch für die böse Seite käm- pfenden Robert E. Lee (ds., S. 176). Die Stel- lung Richthofens und der U-Boot-Gefahr in ang- elsächsischen oder durch diese beeinflussten deutschen Publikationen halte ich für hinreich- end bekannt und verzichte auf ein genaues Zitat.

 

Persönliche Schlussfolgerungen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

"Jägerschreck" bei McFarland, Literaturhinweis im Vorkapitel, S. 196, und Stilla, Literaturhinweis 2. Kapitel im 6. Teil, S. 227, dort auch "Scheibe fliegen", (weitere Zitate in diesem Block ds.), "Aussteigen" bei Kontakt mit Feindjägern S. 236,

Görings Kritik S. 234, zu seinen persönlichen, auch sonst wohl bekannten Mängeln insbes. S. 38, 241f, 245. Zu Gallands Nachtschwärmerei "als Geschwaderkommodore an Kanal" S. 241, zu seinem Auftreten S. 244 Anm. 1373.

Dagegen konnte ein als "sinnvoll" gewertetes Opfer durchaus motivierend wirken (S. 233 Anm. 1306).

 

Argumentation und Zahlen lt. Overy, Literaturhin-

weis 2. Kapitel im 6. Teil, S. 390.

Norbert Haase (Beitrag Wehrmachtsangehörige vor dem Kriegsgericht in Wehrmacht: Mythos und Realität, S. 480f) nennt die Zahlen von

30.000 gefällten, davon 20.000 vollstreckten To-

desurteilen gegen Wehrmachtsangehörige, die

sowjetische Vergleichszahl von verhängten To-

desurteilen beträgt nach dieser Quelle 157.000.

 

 

 

 

Rauh, Literaturhinweis s. Einleitung, Bd. III, S. 99.

 

 

 

Manstein, Literatuhinweis 1. Kapitel in diesem Teil, S. 187f.

Ziemke, Literaturhinweis 5. Kapitel im 6. Teil, S. 158ff.

 

 

Hierzu Aufsatz Kampfmoral und Einsatzbereit- schaft in der Kriegsmarine 1945 von Kathrin Orth in Kriegsende usw., Literatuhinweis 1. Kapitel in diesem Teil.

Erwähnung Filbingers bei Haase, s.o. S. 484. Vollstrecktes Todesurteil gegen einen Oberleut- nant der Marine wegen Wehrkraftzersetzung bei Orth, S. 139. Trauma "1918" für Marineoffi-

ziere s. Beitrag von Jörg Hillmann, Die "Reichs- regierung" in Flensburg, im selben Band S. 50. Zitat zu Raeder 1. Kapitel im 6. Teil.

 

 

Ein Beispiel zum Volkssturm bei Jörg Friedrich, Der Brand, Propyläen Verlag, München 2002, S. 208. Haltung "passive Resistenz" (Anm. 54) im Beitrag von Heinrich Schwendemann, Strategie der Sebstvernichtung, in Wehrmacht: Myth-

os und Realität, S. 234.

These der Amalgamierung vertreten von Armin Nolzen in dessen Aufsatz Von der geistigen As- similation zur institutionellen Kooperation: Das Verhältnis zwischen NSDAP und Wehrmacht, 1943 - 1945, in Kriegsende usw., S. 94.

Die einfachen Soldaten werden hier unter die "Bevölkerung" sortiert, zu den Zivilisten (bei An- näherung der Amerikaner wurde häufig mittels Bettlaken "weiß geflaggt") ein Beispiel im Auf- satz von Elisabeth Timm, "Reutlingen", in Kriegsende usw., S. 204 (dort allerdings zu Tü- bingen und wohl gegenüber französischen Trup-

pen).

Der Marquis von Salisbury ist eine der Hauptfi- guren der Anfangskapitel des 1. Teils.