7 - Exkurs

© Holger Bergmann 2015 - 2018

Wäre der Erfolg der Messerschmitt Me 262 möglich gewesen?

Unbestritten war die Messerschmitt Me 262 das erste mit Turbinen-Strahltrieb- werken, umgangssprachlich "Düsen" genannt, ausgestattete Kriegsflugzeug der Welt, das auch eingesetzt wurde. Bis heute ist die Frage in interessierten Kreisen umstritten, ob die Me 262 zum einen rechtzeitig in ausreichender Stückzahl hätte gebaut werden, und zum anderen, ob die Maschine, zweckmäßigen Einsatz vor- ausgesetzt, einen entscheidenden Einfluss auf das Luftkriegsgeschehen Anfang 1944 hätte nehmen können. Da ein klares Gesamtbild u.e. noch immer fehlt, soll an dieser Stelle ein Beitrag dazu geleistet werden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es gibt keinen Dissens darüber, dass die Entwicklung der Me 262 sowohl generell als auch speziell in ihrer am meisten erfolgversprechenden und hier vor allem in- teressierenden Verwendungsweise als Abfangjäger gegen schwere aliierte Tag- bomber erheblich behindert wurde. Das Potenzial eines Düsenjägers konnte da- bei unschwer auch von technisch geringer begabten Offizieren und Beamten des Reichsluftfahrtministeriums erkannt werden. Das hätte allerdings in einer verhält- nismäßig frühen Kriegsphase, oder sogar noch vor Kriegsausbuch, geschehen müssen. Wie in dieser Arbeit bereits ausführlich argumentiert, stand diesem Umstand die generelle, insbesondere strategische und technische Ignoranz des Nazisystems entgegen, das eben auch im Rüstungsbereich mit den ansonsten viel gelobten deutschen technischen Errungenschaften und Möglichkeiten in Kon- flikt geriet. Stattdessen hätte der Entwicklung überlegener, unter Umständen mit kriegsentscheidender Waffensysteme oberste Priorität eingeräumt werden müs- sen.

 

 

 

 

Weiterhin besteht über die Tatsache kein Zweifel, dass die Me 262 in großer Stückzahl gebaut wurde, und das in der sehr schwierigen Endphase des Krieges. Der Schluss, dass die Maschine bei geeigeter Zuteilung von Entwicklungs- und Produktionsmitteln in einer weniger turbulenten Kriegsphase bereits in beachtli- chem Maß hätte gefertigt werden können, ist daher zulässig. Dem wäre nur die mangelnde Priorisierung, s.o., und die sehr lange versäumte Quasi-Vollmobilisie- rung der deutschen Wirtschaft für Kriegszwecke entgegen gestanden.

 

Diese Aussagen gelten im Übrigen nicht nur für die Messerschmitt Me 262 als sol- che, sondern ebenso für Heinkels Konkurrenzprodukt, die He 280, und die in bei- den Maschinen verbauten Düsentriebwerke, deren technische Novität wie ihre Anforderungen an hochwertige Rohstoffe limitierende Faktoren hätten darstellen können. Neben vielen anderen Vorteilen zeichnet sich ein Düsentriebwerk durch geringere Komplexität gegenüber einem Kolbenmotor aus. Und insgesamt litt, ob- wohl bekanntlich Deutschland nicht über die Autarkie im Rohstoffbereich verfügt, wie bereits andernorts argumentiert die deutsche Kriegswirtschaft nicht an Roh- stoffmangel.

 

Turbinenschaufeln daher nicht aus einem massiven Stück hochwertigen Metalls, sondern aus minderwertigerem Material als luftdurchspülte Hohlschaufeln aus- zuführen, was schwierig herzustellen und noch schwieriger präzise in Position und Halt zu bringen war, aber im Jumo 004 der Me 262 praktiziert wurde, erwies sich demnach als eine überflüssige Überkomplizierung der Triebwerksherstellung. Not- wendige Materialien wie Nickel und Chrom hätten durch eine wesentliche Redu- zierung der Produktion schwerer Flugabwehrgeschütze, die entgegen Hitlers An- nahmen wenig zur Verteidigung des deutschen Luftraums beitrugen, in mehr als ausreichendem Maß gewonnen werden können. Letzten Endes hätte man auch Maschinen, denen nun weniger Potenzial zuzutrauen war, wie Bf 109 und 110, zu- gunsten der Me 262 weitgehend oder ganz aus der Produktion nehmen können. Gleichzeitig hätte sich der Beginn der Massenherstellung unter ruhigeren Umstän- den auch auf die Fertigungsqualität von Maschinen und Triebwerken positiv aus- gewirkt, sodass viele im Betrieb des Flugzeugs aufgetretene Probleme nicht oder in geringerem Maß zum Tragen gekommen wären.

 

 

Unbeachtlich der überragenden Flugleistungen in Bezug auf Geschwindigkeit und Einsatzhöhe stellte die Me 262 keine besonderen fliegerischen Anforderungen. Trotz der vor allem gegen Bomber gerichteten Konzeption konnte auch einiges an Abschüssen feindlicher Jagdmaschinen erzielt werden, wobei wie bei der P-51 Mustang das optimale Geschwindigkeitsfenster eingehalten werden musste. Auch wenn der minimale Kurvenradius der Me 262 durch das hohe Gewicht und die Pfeilflügel mit hoher Flächenbelastung schlechter ausfiel als der von Kolbenmotor- jägern, hatte der Strahljäger Me 262 den Vorteil, in engen Kurven besser die Ge- schwindigkeit halten zu können.

 

Die für die Me 262 gewählte Kampftaktik, aus der Überhöhung mit großem Fahrt- überschuss die feindlichen Bomber im Stechflug anzuvisieren, ließ nicht nur den Begleitjägern so gut wie keine Abfangchance, sondern verhinderte auch, dass die Bordschützen der Bomber sich auf die Düsenjäger einschießen konnten. Den einen wie den anderen Gegnern blieb nicht genügend Reaktionszeit. Daher spielte es in der Praxis keine Rolle, dass die Kampfreichweite der in der Me 262 verbauten Maschinenkanonen vom Typ MK 108 nur etwa 450 m betrug und der heftige Rückschlag der vier hochkalibrigen Kanonen die Maschine etwas aus der Bahn warf. Während eines Angriffsfluges brauchte der Pilot auch nicht die ungenaue Schubregelung der unausgereiften Jumo-Triebwerke zu berücksicht- igen, die eher im Marschflug störte, sondern benutzte einfach das Seitenruder. Das alles genügte, um für zwei Sekunden einen Feindbomber unter Beschuss zu nehmen. Die von den MK 108 in einem kurzen Feuerstoß ins Ziel gebrachte Sprengstoffmenge reichte aus, um bei vielleicht 3 - 4 Treffern einen feindlichen Bomber zum Absturz zu bringen.

 

Sowohl die gute Abschuss-Verlust-Relation (4:1 ohne Einsatz von R4M-Bordrake- ten, s.u.) als auch die Tatsache, dass nur ein kleiner Bruchteil der verlustig gegan- genen Me 262 der Bomberabwehr oder dem direkten Gefecht mit Begleitjägern in der Höhe zum Opfer fiel, zeigt, dass die Maschine für ihren Einsatzzweck als Bomberzerstörer das bei weitem effektivste Flugzeug ihrer Zeit war. Nur damit konnten die amerikanischen Bomber überhaupt noch erfolgreich bekämpft wer- den.

 

Die erwähnte R4M-Bordrakete trug zum Erfolg noch zusätzlich bei. Das einfache, ungesteuerte Projektil war zwar keine Präzisionswaffe. In Massen abgefeuert diente sie aber zum Aufsprengen der bei Tag fliegenden engen Bomberfor- mationen ("combat box"), durch die die feindlichen Bordschützen sich gegenseitig Deckung gaben. Die folgende Bekämpfung der auseinandergerissenen Verbände mit Maschinenkanonen gestaltete sich dadurch noch effektiver.

 

Wir denken daher, mit Fug und Recht behaupten zu können, dass ein recht- zeitiger, zahlenmäßig ausreichender und logistisch einwandfrei (inklusive durch geeignete Pilotenausbildung) organisierter Einsatz der Messerschmitt Me 262 zum Zusammenbruch der amerikanischen Tagbomberoffensive geführt hätte. Die zweisitzige B-Version der Me 262 hätte auch als Nachtjäger getaugt. Der techni- sche Vorsprung des Deutschen Reichs gegen Kriegsende wird nicht durch die Tatsache geschmälert, dass auch Briten und Amerikaner zu diesem Zeitpunkt mit Strahljägern aufwarteten. Die britische Gloster Meteor erreichte nicht die Flug- leistungen der Me 262. Die nur versuchsweise nach Italien verbrachte amerikani- sche Lockheed P-80 erwies sich als problematisch, für eine Verwendung als Kampfflugzeug kam sie im Zweiten Weltkrieg nicht in Frage und reüssierte in Korea ebensowenig.

 

Ein deutscher "Sieg im Technologiekrieg" über dem Reich 1944 hätte für die west- alliierte Seite unabsehbare Konsequenzen haben können, insbesondere wenn es eine deutsche Putschregierung verstanden hätte, im Osten mit Stalin zu einem Separatfrieden zu kommen. Bei fortgesetztem Bestehen einer deutschen techno- logischen Dominanz hätte sich in der Luftkriegführung die Waage zugunsten der deutschen Seite neigen können. Die Konsequenz einer totalen deutschen Nieder- lage erscheint unter diesen Voraussetzungen wenig wahrscheinlich.

 

 

 

 

 

 

 

 

Harsche Kritik an der Me 262 übt etwa Ralf Schabel: "Die Einsatzgeschichte de Me 262 zeigt deutlich, dass diese Flugzeug noch gar kein ausgereiftes Waffensystem war. Zu einem erfolgreichen Jagdflugzeug gehören nicht nur eine überlegene Geschwindigkeit, sondern auch eine angemessene Bewaffnung, die die entspre-

chende Wirkung bringt. Die Kanonenbewaffnung

von 4 MK 108 3 cm-Kanonen erwies sich als wenig geeignet. Wegen des hohen Fahrtüber- schusses der Me 262 gegenüber den Bombern blieb praktisch nur der Angriff von hinten oder aus ganz gerigem Winkel [Fehleinschätzung, s.u.]. Da die Bewaffnung auf eine Entfernung von 400 m justiert war, verblieben zum Feuern nur Bruchteile von Sekunden, die Bomber konn- ten hingegen mit ihren Bordwaffen bereits auf 1200 - 1400 m das Feuer eröffnen. Dies führte immer wieder zu Verlusten. Auch die alliierten Begleitjäger waren nicht völlig machtlos. Sie konnten die Me 262 auskurven oder mit hohem Fahrtüberschuss bei Start und Landung angrei- fen. Es gelang ihnen sehr oft, Me 262 reihen- weise im Luftkampf abzuschießen. Ethell und Price kommen nach eingehender britischer und amerikanischer Unterlagen zu dem Ergebnis, dass der 262 nicht mehr als 150 alliierte Ma- schinen zum Opfer fielen, bei gleichzeitigen ei- genen Verlusten von 100 Maschinen." (S. 245 aus Die Illusion der Wunderwaffen, R. Olden- bourg Verlag, München 1994). Die Unangemes- senheit von Schabels Vorbehalten ist i.F. zu zei- gen.

 

Die letzten Endes nicht auf Hitler, sondern auf den Firmeninhaber Willy Messerschmitt selbst zurückgehende Fehlverwendung der Me 262 als Jagdbomber (Budraß, Literanturangabe 4. Kapi- tel im 5. Teil, S. 862) wird andernorts zu Genüge

thematisiert. Dass die Entwicklung eines kom- plexen Waffensystems wie eines Kriegsflug- zeugs mehrere Jahre Zeit und erhebliche Res- sourcen in Anspruch nimmt und als Teil der Kriegsanstrengungen in den Rahmen einer Ge- samtstrategie eingeordnet gehört, sollte nicht wundern, wird aber zum Problem, wenn es ei- ne solche Gesamtstrategie nicht gibt. Zur unge- nügenden Basis des Nazismus für eine rationale

Kriegführung siehe 1. und 3. Kapitel des 4. so- wie 2. Kapitel des 6. Teils und Rahmenkapitel hier. Zum Unverständnis der Luftwaffenführung, insbesondere Görings, in Bezug auf Flugzeug- entwicklung inkl. des damit verbundenen Zeit- aufwands Boog, Literaturangabe s. Rahmenka- pitel, S. 51ff.

 

 

 

 

 

 

Eingehende Behandlung der Mobilisierungspro- blematik siehe 2. Kapitel im 6. Teil.

 

 

 

 

In der Heinkel das aus der selben Fima stam- mende HeS 8, welches, weil noch weniger kom-

plex und leichter als das Jumo 004 der Me 262,

hier als das vielversprechendere Triebwerk be-

urteilt wird.

 

Auch zur Rohstoffproblematik siehe 2. Kapitel im 6. Teil.

 

 

Weithin bekannte Tatsache, bei Bedarf siehe Wikipedia-Eintrag zum Junkers Jumo 004.

 

 

 

 

Boog zur Problematik der Flak allgemein S. 204ff, zum immensen Aufwand an von bis zu 16.000 Schuss pro Abschusserfolg S. 211 und dem daraus folgenden exorbitanten Materialver- brauch S. 213, wo Boog im Detail auf Aluminium

und Kupfer eingeht. Bei Verzicht auf ein Flakge- schütz vom Kaliber 8,8 cm, das etwa fünf Ton- nen wog und anteilig 3% Nickel und 1,5% Chrom

enthielt, wäre Material für etwa 5 bessere Jumo 004 mit hochwertigem Turbinenmaterial gewon- nen worden, die pro Stück etwa 18 kg Nickel und

12 kg Chrom erfordert hätten (eigene überschlä-

gige Rechnung).

 

Die Gipfelhöhe der P-51 lag zwar über der der Me 262, die Distanz von etwa 1000 m reichte aber nicht aus, um im Sturzflug den Geschwin- digkeitsvorteil des Düsenjägers auszugleichen (persönliche Überlegung).

Die sonstigen Aussagen dieses und der folgen- den drei Blöcke lassen sich bis auf die angege- benen Ausnahmen ohne weiteres aus den eng- lischen Wikipedia zur Me 262 ablesen.

 

 

 

Infolge der Aneinanderreihung mehrerer Angrif- fe kommt es bei diesem Verfahren zum "Wellen-

reiten im Bomberstrom" (Walter Schuck, Ab- schuss!, Helios-Verlag, Aachen 2007, S. 211). Die in den Wikipedia beschriebene "Achterbahn-

fahrt" wurde wohl später aufgegriffen und war vermutlich riskanter.

 

 

 

 

 

 

 

 

Diesbezügliche Aussage in den deutschen Wi- kipedia zur Me 262.

 

 

Verhältnis-Aussage bezieht sich auf die Aktion vom 18.03.1945, als 37 Me 262 eine Übermacht

von über 1.800 amerikanischen Maschinen an- griffen, davon 12 bei 3 eigenen Verlusten ab- schossen. Sonst persönliche, gewiss leicht nachvollziehbare Schlussfolgerungen. Ähnlich

Horst Boog: "Düsenjäger waren damals das be- ste Abwehrmittel gegen Großbomber." (S. 325).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zur Problematik eines deutsch-sowjetischen Sonderfriedens sind im Netz zwei PDFs ver- fügbar, zum einen Bernd Martin, Deutsch-sowjetische Sondierungen über einen separaten

Friedensschluß im Zweiten Weltkrieg, https:// freidok.uni-freiburg.de/dnb/download/1970, ge- bührenpflichtig allerdings Vojtech Mastny, Stalin and the Prospects of a Separate Peace in World

War II, aus The American Historical Review, Band 77, Ausgabe 5, 1. Dezember 1972, S. 1365 - 1388, https://doi.org/10.1086/ahr/77.5. 1365. Insbesondere aus Mastnys Artikel geht hervor, dass ein Sonderfriede mit Deutschland durchaus im sowjetischen Interesse gelegen hätte. Stalins Rundfunkadresse vom 06.11.1942 wird als direkter Appell an die ""russophile" deut-

sche Militärführung zum Sturz Hitlers aufgefasst

(S. 1372/PDF-S. 8). Die Installation eines "Bun- des Deutscher Offiziere" (aus Gefangenen) diente so gesehen demselben Zweck, nicht nur der Subversion (S. 1382/PDF-S. 18).

Das Vorkommen von Friedensfühlern wurde sowjetischerseits ihren westlichen Alliierten ge- genüber zugegeben (Martin, S. 287 Anm. 98, Mastny, S. 1384/PDF-S. 20, ebenfalls Anm. 98).